In dieser Serie stellen wir Vereine und Initiativen aus Sachsen vor, die sich für ein demokratisches Miteinander einsetzen. Heute: die Arbeitsgruppe Geschichte des Treibhauses e. V. aus Döbeln. Seit 1997 realisiert der Verein verschiedene Projekte aus den Bereichen Kunst, Kultur und Bildung und möchte das Miteinander in der Umgebung gestalten.
Die Plätze im Café Courage des Treibhauses Döbeln sind gut gefüllt. Besonders viele junge Menschen, darunter Schülerinnen und Schüler, haben sich für den Workshop angemeldet. Sie möchten lernen, wie man die eigene Familiengeschichte oder die von jüdischen Einwohner:innen am eigenen Wohnort recherchiert. Das Seminar wird von Stephan Conrad und Sophie Spitzner geleitet. Im Jahr 2010 entschieden sie, die Arbeitsgruppe Geschichte zu gründen, da zu diesem Zeitpunkt nur wenig über das jüdische Leben in der Kleinstadt bekannt war. Einige Menschen meinten, dass es vor Ort keine Jüdinnen und Juden gegeben habe — das machte die beiden skeptisch und sie wollten nicht lockerlassen.
„Wir können helfen, die weißen Stellen der Geschichte sichtbar zu machen.“

Auf Spurensuche
In dem Workshop geben sie den Teilnehmer:innen Tipps an die Hand: Wie funktioniert die Suche in digitalisierten Gedenk- und Adressbüchern? An welches Archiv kann man sich wenden, wenn man selbst vor Ort die Akten wälzen möchte? Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus den Einträgen der Todesbücher ziehen?
Außerdem teilen sie spannende Einblicke in ihre Arbeit und den damit verbundenen Erfolgserlebnissen. Im Laufe der Zeit sind sie regelrecht zu Expert:innen der jüdischen Stadtgeschichte geworden. In den vergangenen Jahren besuchten sie mehrfach Gedenkstätten, verbrachten unzählige Stunden vertieft in Akten und entschlüsselten darin gemeinsam mit Archivar:innen Codes, die die Nationalsozialisten im Zuge ihrer Verschleierungstaktik erfanden, um die tatsächlichen Todesursachen in den Konzentrations- und Arbeitslagern zu verbergen.
Doch sie wissen auch: Die Recherche wird nie gänzlich abgeschlossen sein. Sophie und Stephan schauen regelmäßig nach Updates und finden zu vielen Familiengeschichten immer wieder aktualisierte und neue Einträge oder auch Fotos. Alles, was sie finden, wird dokumentiert und mit mehreren Quellen abgeglichen. So konnte die AG Geschichte auch die Verlegung von insgesamt 38 Stolpersteinen in Döbeln, Leisnig, Hartha, Waldheim und Roßwein veranlassen. „Wir können helfen, die weißen Stellen der Geschichte sichtbar zu machen“, schildert Stephan Conrad.
„Hier standen Menschen im Haus und haben geweint, weil sie jetzt mehr über ihre Familiengeschichte wissen und damit umgehen können.“
Wenn die Recherche Kreise zieht
Die intensiven Nachforschungen zahlen sich in vielerlei Hinsicht aus. So erschien 2019 das erste Buch der AG Geschichte mit dem Titel Niemand kam zurück – Jüdisches Leben im Altkreis Döbeln bis 1945. Im August des vergangenen Jahres veröffentlichten sie ein weiteres: Der Mensch als Ballast. Dafür hatten sie drei Jahre lang die Geschichte der nahegelegenen Heil- und Pflegeanstalt Hochweitzschen recherchiert. In der Publikation geben die Mitwirkenden einen umfangreichen Einblick in die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen in Sachsen. Sophie und Stephan haben dafür mehrere tausend Akten in den Archiven fotografiert und gesammelt.
Gemeinsam mit vielen weiteren Akteur:innen, die sich für regionale Geschichte interessieren, entstand auch das Projekt gedenkplaetz.info. Es handelt sich um eine Website, die Biografien von NS-Opfern und Gedenkorte sammelt und dokumentiert. Somit wird lokale Erinnerungsgeschichte digital zugänglich gemacht.
Es sind aber auch die zwischenmenschlichen Begebenheiten, die berühren. Sophie erzählt von Döbelner:innen, die gezielt auf die beiden zukommen und sie bitten, bei der Aufdeckung der eigenen Familiengeschichte zu helfen – mit Erfolg. Dann gelinge es, Licht ins Dunkle zu bringen, die Reaktionen seien durchaus emotional: „Hier standen Menschen im Haus und haben geweint, weil sie jetzt mehr über ihre Familiengeschichte wissen und damit umgehen können.“
Die Entstehung einer Idee
Vor einiger Zeit stießen sie, auch durch die Enkelinnen Hella und Sandra aus Amsterdam, auf die Lebensgeschichte von Isay Rottenberg. Er war ein niederländisch-jüdischer Unternehmer, der Anfang der 1930er Jahre in Döbeln eine Zigarrenfabrik kaufte. Mit dem Erstarken der Nationalsozialisten geriet Isay Rottenbergs Fabrik unter zunehmenden Druck. Als jüdischer Unternehmer war er unerwünscht, doch Rottenberg weigerte sich, sein Lebenswerk aufzugeben. Trotz Repressionen gelang es den Nationalsozialisten nicht, ihn zu vertreiben – auch, weil seine Fabrik dringend benötigte Arbeitsplätze bot. Isay Rottenberg und seine Frau überlebten die NS-Zeit.
Noch während der Auseinandersetzung mit historischen Dokumenten wurde klar: Rottenbergs Lebensgeschichte eignet sich als Theaterprojekt. Dabei fiel ihnen das Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen „Tacheles” regelrecht in den Schoß. Dank einer Förderung konnten sie ihre Idee schließlich in die Tat umsetzen. Neben Hella und Sandra Rottenberg erhielten sie auch Unterstützung von Janny Fuchs, Dramaturgin am Staatsschauspiel Dresden und Autorin des Buchs zum Theaterstück. Die gebürtige Döbelnerin besuchte selbst das Lessing-Gymnasium und war im Treibhaus aktiv, ebenso wie die heutigen Schauspieler:innen, die Schüler:innen desselben Gymnasiums sind.
Bis zur Aufführung im Sommer ist der Veranstaltungskalender noch gut gefüllt.

Warum Regionalgeschichte wichtig ist
Der Arbeitsgruppe geht es besonders darum, die Geschichte der NS-Zeit mit der eigenen Region zu verknüpfen. Straßen und Häuser werden so zu greifbaren Bezugspunkten, die zeigen: NS-Unrecht geschah nicht nur „anderswo“, sondern direkt vor der eigenen Haustür. Wer erkennt, dass Verfolgung, Mitläufertum oder Widerstand auch im eigenen Dorf oder der eigenen Stadt stattfanden, kann Geschichte besser verstehen, den Opfern ein Gesicht geben und die eigene gesellschaftliche Verantwortung reflektieren. „Erinnerungskultur muss gelebt werden und ist nicht einfach da“, ergänzt eine Workshop-Teilnehmerin. Lokale Nachforschungen helfen, Lücken zu schließen, und zeigen, dass Aufklärung überall nötig ist – auch dort, wo (noch) keine Gedenkstätte existiert.