Der Leipziger Stadtteil Connewitz ist zum Brennpunkt einer hitzigen Debatte über den Israel-Palästina-Konflikt geworden. Die linke Szene ist gespalten zwischen der Unterstützung der palästinensischen Souveränität und dem Existenzrecht Israels. Die einstige Hochburg der Linken ist nun ein Spiegelbild der weltweiten ideologischen Spaltung im Nahostkonflikt.
Am 17. Januar 2026 trafen sich zwei gegnerische Fraktionen in Connewitz, um ihre Unterstützung für unterschiedliche Seiten im Israel-Palästina-Konflikt zu demonstrieren. Was mit einem Aufruf zu einem Marsch propalästinensischer Gruppen unter dem Motto „Antifa bedeutet: Freies Palästina“ begonnen hatte, eskalierte schnell zu einer ideologischen Konfrontation zwischen linken Unterstützer:innen Palästinas und Israels. Als sich gegen Mittag immer mehr Menschen mit palästinensischen Flaggen an der zentralen Kreuzung des Viertels, dem Connewitzer Kreuz, versammelten, warteten bereits pro-israelische Demonstrant:innen in der Nähe, schwenkten Fahnen und skandierten Slogans gegen Antisemitismus.
Aufgrund des von der Polizei behaupteten hohen Risikos von Gewalt und Konfrontationen zwischen den rund 3.000 Aktivist:innen beider Seiten war die Stadt in Alarmbereitschaft. Mehr als 1.400 Polizeibeamt:innen wurden eingesetzt, um die beiden Fraktionen voneinander zu trennen, während sie sich durch die Stadt bewegten.
Bundesweiter Aufruf der Antifa
Auf der einen Seite der doppelreihigen Polizeiabsperrung waren palästinensische Flaggen und Antifa-Fahnen zu sehen. Die Demonstrant:innen riefen: „Vom Fluss bis zum Meer, Palästina wird frei sein“, und: „Von Leipzig nach Gaza: Yallah Intifada“. Auf der anderen Seite wehten die blau-weißen Flaggen Israels, begleitet von Solidaritätsparolen für Israel.
Anfang diesen Jahres veröffentlichte die in Connewitzer Gruppe Lotta Antifascista auf Instagram einen bundesweiten Aufruf zu einer „Antifa-Demonstration in Solidarität mit Palästina“ und mobilisierte gegen deutsche Staats- und Medieninstitutionen, die Israel unterstützen, sowie gegen die Partei Die Linke. Diese ist in Connewitz stark vertreten.

Aus Sicht der Lotta Antifascista habe sich die Linke auf die Seite der „Unterdrücker” gestellt, indem sie zu dem Konflikt geschwiegen oder begonnen haben, „diejenigen zu verfolgen, die über Besatzung, Kolonialismus und Widerstand sprechen”, obwohl sie sich für eine gleichberechtigte Unterstützung Israels und Palästinas aussprechen.
Der Aufruf wurde schließlich von mehreren anderen linken Organisationen unterstützt, darunter auch die einflussreiche Leipziger Gruppe Handala. Laut ihrem Social-Media-Konto nahmen über 2.000 Aktivist:innen an der Demonstration am Samstag teil, während die Polizei von etwa 1.400 propalästinensischen Teilnehmer:innen berichtete. Die selbsternannten „antiimperialistischen“ Aktivist:innen marschierten mit Kufiyas durch die Stadt, passierten wichtige Verkehrsadern Leipzigs wie die Karl-Liebknecht-Straße und zogen weiter in die Innenstadt.
Ihnen folgte eine Gegendemonstration, die von verschiedenen Israel-Solidaritätsgruppen, wie die Deutsch-Israelische Gesellschaft Leipzig, die Initiative Solidarisches Connewitz und “Antideutsche”, unter dem Motto „Antisemiten raus aus der Nachbarschaft“ organisiert worden war. Die pro-israelischen Gruppierungen sind im Stadtteil Connewitz stark vertreten.
Die Hauptziele der Demonstrationen am Samstag waren das linke Kulturzentrum Conne Island und das Linxxnet, das Büro der Linken-Politikerin Juliane Nagel. Diese verteidigen das Existenzrecht des Staates Israel. Diese Haltung hat Lotta Antifascista und Handala dazu veranlasst, die pro-israelische Szene in Connewitz als „rassistisch” zu bezeichnen.
Obwohl an diesem Tag keine physischen Auseinandersetzungen zwischen den gegnerischen Fraktionen gemeldet wurden, kochten die Emotionen hoch. Die Leipziger Polizei meldete rund 30 Festnahmen wegen Beleidigungen, Aufstachelung zum Hass und Verwendung verfassungswidriger Symbole. Die Demonstration und die Gegendemonstration endeten am Augustusplatz, wo sich die Teilnehmer:innen unter den wachsamen Augen der Ordnungskräfte zerstreuten.

Connewitz: Die Hochburg der Linken
Der Stadtteil Connewitz ist bekannt für seine ideologischen und politischen Konflikte. Seit den 1990er Jahren stand der Stadtteil im Mittelpunkt der Entstehung starker und unabhängiger linker Projekte, die sich aktiv gegen die aufkommenden faschistischen Gruppen und Neonazis in Sachsen gewehrt haben.
Allerdings zeigen sich in der ehemaligen Hochburg der Linken Risse im Fundament. In einem Instagram-Post erklärte Handala, dass „das alte Connewitz nicht mehr existiert“, und spielte damit auf das vermeintliche Ende des Stadtteils als „linke Insel“ an. Diese Aussage beruht vor allem auf der Tatsache, dass Gruppen wie Handala pro-israelische Loyalitäten als „faschistisch“ betrachten, selbst wenn sie von anderen linken Gruppen vertreten werden.
Im Mittelpunkt der Debatte stehen grundlegende Fragen: Wo endet die Solidarität mit Palästina, und wo beginnt Antisemitismus? Wo endet die Unterstützung für das Existenzrecht Israels, und wo beginnt die Unterstützung für Kriegsverbrechen oder ethnische Säuberungen?
Die Auswirkungen des israelisch-palästinensischen Konflikts in den letzten Jahrzehnten haben zu einer scheinbar unüberwindbaren Kluft zwischen Menschen geführt, die nur eine von zwei Optionen akzeptieren: einen israelischen ODER einen palästinensischen Staat. Dabei scheinen diese Menschen ansonsten ähnliche Grundprinzipien zu teilen: den Wunsch nach einem Ende der Gewalt und einer friedlichen Koexistenz zwischen Israel und Palästina.
In Deutschland hat die historische Verantwortung diese Kluft besonders tief werden lassen. Während die eine Seite Wassermelonen-Flaggen schwenkt und die andere den Davidstern hisst, gibt es keine Anzeichen für eine Lösung der Nahost-Debatte innerhalb der linken Szene des Landes. Im Gegenteil: In Connewitz hat sie einen Brennpunkt gefunden.








Wilson Vieira ist freiberuflicher Fotojournalist und Autor mit Sitz in Leipzig. Seine Arbeit konzentriert sich auf soziale und ökologische Themen, Wissenschaftsvermittlung und die Beziehungen zwischen Mensch und Natur.
