Im Erzgebirge hat sich trotz DDR ein religiöses Milieu erhalten, das zunehmend politisch aufgeladen wird. Rechte Akteur:innen greifen christliche Werte gezielt auf, um ihre Ideologie zu legitimieren. Und Teile des Christentums finden in der AfD eine radikale politische Interessenvertretung.
Während Sachsen als überwiegend atheistisch gilt, erhielt sich im Erzgebirge und im Vogtland noch immer eine stark christliche Prägung. Die Region wird noch heute als sächsischer „Bible Belt“ bezeichnet – eine Anspielung auf bibeltreue Regionen in den Südstaaten der USA.
Religion als politisches Instrument
Weltweit instrumentalisiert die radikale Rechte christliche Symbolik für ihre Ziele. Das lässt sich besonders gut an der MAGA-Bewegung in den USA erkennen: Influencer:innen, Aktivist:innen und Politiker:innen nutzen christliche Werte ganz gezielt, um eine politische Agenda voranzutreiben.
Diese Strategie wird auch in Deutschland sichtbar: Die AfD nutzt das Christentum strategisch, um ihre Positionen zu legitimieren. Dabei zeigt sich eine wechselseitige Anschlussfähigkeit: Rechte Akteur:innen greifen christliche Symbolik auf, während religiöse Milieus in ihnen eine konsequente Vertretung konservativer Werte sehen.
Theologe spricht von Wahlverwandtschaft
Gert Pickel ist Theologe an der Universität Leipzig und forscht zu dem Verhältnis von Religion, Gesellschaft und Politik. Er spricht bei dem Verhältnis von rechter Ideologie und christlichem Fundamentalismus von einer „Wahlverwandtschaft“.
„Man wählt die Partei, weil sie eben im Kern die Einzige ist, die das noch richtig vertritt“, sagt er. Mit „das“ meint Pickel die Verteidigung der traditionellen und konservativen Kernfamilie. Dieses Bild sei vor allem für streng gläubige Christ:innen anschlussfähig. „Für viele ist es mittlerweile die AfD, die ihnen die Chance gibt, ein eher dogmatisch-fundamentalistisches Religionsbild durchzusetzen“, sagt er.
Schon vor über zehn Jahren entstand mit der Wählergruppierung „Christen in der AfD“ ein erstes organisatorisches Bindeglied zwischen konservativ-christlichen Milieus und der AfD. Diese Strukturen spielen heute eine geringere Rolle, haben sich aber zunehmend in den digitalen Raum verlagert.
Religiöser Fundamentalismus
Religiöser Fundamentalismus beschreibt eine extrem strenge und wortwörtliche Auslegung von Religion. Die Bibel gilt als irrtumslos und widerspruchsfrei – jegliche Kritik daran wird abgewiesen. Ziel ist eine göttlich legitimierte Ordnung, in der religiöse Regeln über weltlichen Gesetzen stehen.
Dort verbreiten Influencer:innen gezielt Inhalte, um Reichweite in jüngeren Zielgruppen aufzubauen. Darunter Leonard Jäger – alias „Ketzer der Neuzeit“ – der Religion und rechte Politik verknüpft und über 500.000 Follower:innen auf YouTube erreicht. Jäger knüpfte bereits Kontakte zur MAGA-Bewegung in den USA.
Familie als ideologischer Kern
Während Anfang der 2000er-Jahre vor allem Homosexualität im Fokus streng Fundamentalist:innen war, sei heute Genderpolitik das zentrale Thema. Laut Pickel reagieren fundamentalistische Milieus darauf besonders stark, weil es ihr Familienbild grundlegend infrage stellt. „Egal ob Taufe, Konfirmation oder Hochzeit – es geht in der Kirche eigentlich immer um Familie“, erklärt Pickel. „Und deswegen ist der Angriff auf dieses konservative Bild quasi der Angriff auf das Herz der eigenen Religion.“
Homosexualität, Transrechte und Abtreibung würden so als Bedrohung der traditionellen Ordnung interpretiert werden. „Bei dieser Bedrohung sagen sie: Jetzt müssen wir auch was Politisches tun“, erklärt Pickel. „Und da finden sie momentan die Angebote auf der rechten Seite.“

Anschlussstellen zwischen Kirche und rechter Politik
Harald Lamprecht ist Sekten- und Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Landeskirche Sachsen. Er sieht die Anschlussstellen zwischen rechter Ideologie und christlicher Tradition bei drei wesentlichen Themen: Dem Wunsch nach Autorität und Ordnung, der Angst vor dem Islam und dem Schutz der Familie und des ungeborenen Lebens. Das Argument des „Lebensschutzes“ werde dabei strategisch genutzt, um in christlichen Milieus Zustimmung zu gewinnen.
Eine direkte theologische Grundlage sieht Lamprecht jedoch kaum. Vielmehr würden Begriffe wie „Volk“ oder „Nation“ religiös aufgeladen und als göttlich legitimiert dargestellt. Die Bibel selbst kenne diese Logiken jedoch nicht: „Die ganze biblische Heilsgeschichte beruht auf einem Migranten. Das ist schon ein deutlicher Kontrast zum Konzept des Ethnopluralismus, der jegliche Migration ausschließen will.“
Die ganze biblische Heilsgeschichte beruht auf einem Migranten. Das ist schon ein deutlicher Kontrast zum Konzept des Ethnopluralismus, der jegliche Migration ausschließen will.
Harald Lamprecht, Sekten- und Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Landeskirche Sachsen
Konservative Positionen in der Kirche nehmen zu
Im Vergleich zu den USA sei der Anteil evangelikaler Christ:innen in Deutschland jedoch klein. Pickel schätzt ihn auf zwei bis drei Prozent, in den USA seien es fast 25 Prozent. Doch die Tendenz sei, dass der Anteil der evangelikalen Christ:innen steigt. „Kirchen schrumpfen, aber der Anteil der Evangelikalen nimmt zu“, erklärt er. Dadurch würden konservative Positionen in der Kirche eher zunehmen, während progressivere zunehmend austreten.
Warum gerade das Erzgebirge und das Vogtland eine starke christliche Prägung aufweisen, erklärt sich Pickel mit der pietistischen Bewegung zu DDR-Zeiten. Damals habe dort eine große Armut geherrscht, welche eine starke Bindung an Religion mit sich brachte. „Aber eben an eine Religion, die große Sicherheit geben musste. Und: Je rigider eine Religion ist, desto höher die Sicherheit, die sie verspricht. Denn ich muss nicht darüber nachdenken, ich muss keine Auslegung debattieren“, sagt Pickel. Dazu komme, dass der strenge Glaube auch einen sozialen Aufstieg verspricht. „Es wird dir angeboten: Du kannst was erreichen, wenn du dich mit Gott verbindest.“
Pietismus
Der Pietismus prägte als Reformbewegung im 17. und 18. Jahrhundert die evangelische Kirche. Er betont die persönliche, lebendige Beziehung zu Jesus, intensives Bibelstudium und ein frommes Leben.
So hätte sich historisch bedingt ein eher christlich-fundamentalistisches Glaubensverständnis im sächsischen Bible Belt gehalten. Das merke Pickel auch heute noch an der Uni Leipzig. „Zu uns kommen natürlich aus dem Erzgebirge Leute, die Pfarrer werden möchten. Und deren Positionen sind in der Regel schon konservativer“, erklärt er.
Als der sächsische Landesbischof Carsten Rentzing 2019 zurücktrat, nachdem bekannt wurde, dass er früher rechte Texte verbreitet hatte, habe eine Auseinandersetzung zwischen den Gemeinden in Leipzig und denen im Erzgebirge stattgefunden. „Den Leipzigern wurde die Schuld für den Rücktritt gegeben“, erzählt Pickel. Rentzing ist heute Beauftragter der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands.
Abtreibungsgegner im Erzgebirge
Das Erzgebirge ist strukturell durch einen hohen Altersschnitt und den Wegzug junger Menschen gekennzeichnet. Seit 2010 findet in Annaberg-Buchholz jedes Jahr der „Schweigemarsch für das Leben“ statt. Abtreibungsgegner:innen aus ganz Sachsen versammeln sich dort. Organisiert wird die Veranstaltung vom Verein „Lebensrecht Sachsen“, unterstützt von christlich-fundamentalistischen Akteur:innen.
Medienwirksam und überregional aktiv beeinflussen sie so rechte und antifeministische Diskurse. So zum Beispiel der Verein „Kaleb“, der in ganz Sachsen in der Lebensrechtler-Szene vernetzt ist. Geschäftsführer ist Albrecht Weißbach, der als Pfarrer in Chemnitz tätig ist. Neben Schwangerenberatung bieten sie auch Familien- und Jugendhilfe an.
Ins Leben gerufen hat den Schweigemarsch damals Thomas Schneider, ehemals Prediger, und CDU-Mitglied, heute Autor für christliche Blogs. Immer wieder fiel er mit radikal islamfeindlichen und rassistischen Positionen auf. Auf der Website des christlichen Vereins „Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen“ – kurz AG Welt – veröffentlicht Schneider noch heute regelmäßig Artikel. Zuletzt betrauerte er dort die Abwahl von Viktor Orban – in der „letzte irdisch-geistlichen Bastion in Europa”.
Dass christlicher Glaube und rechte Politik zusammenpassen, zeigt auch Toni Geisler. Er sitzt für die AfD im Stadtrat Grünhainichen, einer 3.000-Einwohner-Gemeinde im Erzgebirge. Auf Instagram zitiert er Bibelstellen, postet Fotos mit dem Papst, wirbt für die AfD und die Generation Deutschland. Geisler zeigt: Rechte Politik und christlicher Glaube – das geht gleichzeitig.
