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Geschlechtersensible Medizin – Wenn Man(n) die richtige Diagnose erhält

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Beim Thema Frauengesundheit denken sicherlich viele erst einmal an Menstruationsbeschwerden, Wechseljahre oder Endometriose. Das können relevante Punkte sein, aber was wenn eine gesamte Branche auf die Biologie und Physiologie des Mannes ausgerichtet ist und Frauen bislang strukturell vernachlässigt hat? Was sagt das über unsere Gesundheitsversorgung aus und welche Risiken birgt das?

Die männliche Norm
Jahrzehntelang basierte die medizinische Forschung – und damit auch die Medikamentendosierung und Symptombeschreibung – fast ausschließlich auf Daten von Männern. Man spricht vom Gender Data Gap in der Medizin. Eines der wohl klassischsten Beispiele ist die Diagnose des Herzinfarkts. Während Männer oft einen Schmerz im linken Arm verspüren, äußert sich ein Infarkt bei Frauen häufig durch Übelkeit, Kurzatmigkeit oder Rückenschmerzen.1 Lange war man sich dieser Unterschiede nicht bewusst, man nutzte die männliche Symptomatik als Blaupause für die Frau – mit teils lebensbedrohlichen Verzögerungen in der Diagnostik und Behandlung.

Anne Röhle, Ärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Didaktik und Lehrforschung in der Medizin, hat KATAPULT Sachsen einen Einblick in das ganze Ausmaß gegeben. Sie betont, dass der Gender Data Gap in allen Bereichen und Disziplinen der Medizin zum Tragen kommt – in der Lehre, der Klinik, der Forschung, der Wirtschaft. Sehr konkret wird das am Beispiel der Reanimationspuppen: Die allermeisten sind männlich oder zumindest sehr flachbrüstig, sodass keine realen Bedingungen für das Erste-Hilfe-Training am weiblichen Körper gegeben sind. Das ist einer der Gründe, warum Frauen seltener von Laien reanimiert werden als Männer.2 

Männlich, circa 75 Kilo – das war lange Zeit der durchschnittliche Patient in der Forschung. Und dementsprechend „männlich“ wurde das Immunsystem betrachtet. Mittlerweile ist bekannt, dass das weibliche Immunsystem nicht mit dem eines Mannes gleichgesetzt werden kann – allein durch altersabhängige, teils starke hormonelle Veränderungen. Das wurde jüngst in der COVID-19-Pandemie deutlich, wie Anne Röhle schildert. Krankheitsverläufe gestalteten sich unterschiedlich. Während sich zwar mehr Frauen infizierten, erkrankten Männer häufiger schwer und verstarben im Schnitt auch häufiger daran.34 Ebenso wenig Beachtung fand das weibliche Geschlecht beim Thema Impfen, denn auch hier wird nicht differenziert. Männer wie Frauen erhalten die gleichen Dosen, in den gleichen Impfabständen. Die geschlechtsspezifische Reaktion wird dabei nicht beachtet. Frauen reagieren meist mit mehr Nebenwirkungen auf das Impfen, dafür weisen Antikörpertests einen häufig höheren Impfschutz auf.5 Wie Anne Röhle von der TU Dresden berichtet, gibt es mittlerweile erste Forscher:innen, die für eine geschlechterspezifische Impfstrategie plädieren.

Ein System von dem keiner profitiert
Selbst Männer haben nicht nur Vorteile von männerzentrierter Medizin. Rheumatische Erkrankungen, Osteoporose, Depressionen – hier fallen männliche Patienten öfter durchs Raster. Besonders Depressionen werden häufig nicht als solche erkannt und diagnostiziert, weil stereotypische Geschlechterrollen und -erwartungen im Wege stehen.6 Das zeigt: Geschlechtersensible Medizin ist kein reines Frauenthema und erst recht kein Verteilungskampf zwischen den Geschlechtern. Es ist die Forderung nach einem längst überfälligen Paradigmenwechsel: Eine moderne Medizin blickt differenziert auf alle Körper und Identitäten. Sie ist die Voraussetzung für eine sichere, gerechte und letztlich lebensrettende Gesundheitsversorgung für alle Menschen.

Auf Nachfrage von KATAPULT Sachsen erklärt Anne Röhle, dass es sicherlich noch verfrüht sei, von einem flächendeckenden Wandel zu sprechen. Es gibt erste Projekte, die Steine ins Rollen gebracht haben, sodass das Thema nicht mehr wegzudiskutieren sei. „Das Wahlpflichtfach an der Medizinischen Fakultät Dresden, teils in Zusammenarbeit mit der Gender Concept Group der TU Dresden, ist mittlerweile ausgebucht“, ergänzt sie. Auch in der Lehre und seitens der Sächsischen Landesärztekammer bewegt sich etwas.
Das Bewusstsein ist da, jetzt müssen die Strukturen folgen, damit aus einzelnen Leuchtturmprojekten ein neuer Standard in der medizinischen Praxis wird. 

  1. Universitätsklinikum Freiburg (Hg.): Herzinfarkt bei Frauen: Anzeichen sind oft anders als bei Männern, auf: uniklinik-freiburg.de (25.2.2025). 
    ↩︎
  2. Malteser Hilfsdienst e. V. (Hg.): Erste Hilfe: Frauen werden seltener wiederbelebt, auf: malteser.de (o. D.). 
    ↩︎
  3. Gomez, J. M. D., Du-Fay-de-Lavallaz, J. M., Fugar, S., Sarau, A., Simmons, J. A., Clark, B., Sanghani, R. M., Aggarwal, N. T., Williams, K. A., Doukky, R., & Volgman, A. S. (2021). Sex Differences in COVID-19 Hospitalization and Mortality. Journal of women’s health (2002), 30(5), 646–653. https://doi.org/10.1089/jwh.2020.8948. ↩︎
  4. Grasselli, G., Zangrillo, A., Zanella, A., Antonelli, M., Cabrini, L., Castelli, A., Cereda, D., Coluccello, A., Foti, G., Fumagalli, R., Iotti, G., Latronico, N., Lorini, L., Merler, S., Natalini, G., Piatti, A., Ranieri, M. V., Scandroglio, A. M., Storti, E., Cecconi, M., … COVID-19 Lombardy ICU Network (2020). Baseline Characteristics and Outcomes of 1591 Patients Infected With SARS-CoV-2 Admitted to ICUs of the Lombardy Region, Italy. JAMA, 323(16), 1574–1581. https://doi.org/10.1001/jama.2020.5394.
    ↩︎
  5. Deutscher Ärzteverlag GmbH (Hg.): Warum das Geschlecht den Unterschied macht: Infektionen gendergerecht behandeln, auf: aerzteblatt.de (11.03.2024). ↩︎
  6. Rice, S. M., Fallon, B. J., Aucote, H. M., & Möller-Leimkühler, A. M. (2013). Development and preliminary validation of the male depression risk scale: Furthering the assessment of depression in men. Journal of Affective Disorders, 151(3), 950-958. https://doi.org/10.1016/j.jad.2013.08.013.
    ↩︎

Autor:in

  • Emily Heisig

    Grafikerin

    Unsere Grafikerin und Alleskönnerin: Im Studium hat sie die Liebe zum digitalen Design entdeckt, jetzt ist kein Medium mehr sicher – ob Online oder Print, sie gestaltet alles.

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