Lithium steckt in vielen Hightech-Produkten, vor allem in Akkus. Das Leichtmetall könnte bald den längst beerdigten Bergbau im Erzgebirge wiederbeleben, denn ein Unternehmen will dort Millionen Tonnen Erz aus dem Berg holen. Doch gegen das Großprojekt gehen Anwohner:innen und Naturschutzorganisationen auf die Barrikaden. Sie befürchten massive ökologische und gesundheitliche Folgen.
Marko Uhlig und sein Team planen eines der größten Investmentprojekte im Freistaat Sachsen. „Wir stoßen eine Industrie wieder an, die es in Sachsen ja über Jahrhunderte gegeben hat, worauf sich Sachsens Wohlstand gegründet hat!“ Altenberg, eine Kleinstadt im östlichsten Teil des Erzgebirges direkt an der Grenze zur Tschechischen Republik, ist nicht unbedingt der Ort, an dem man ein Milliardenprojekt der sächsischen Hightech-Wirtschaft vermuten würde. Aber Uhlig glaubt, die Region könnte bald einen erheblichen Aufschwung erleben. Denn unter der Erdoberfläche lagern hier Millionen Tonnen von Zinnwaldit, einem Mineral, das auch das Leichtmetall Lithium enthält. Lithium wiederum ist der Grundstoff für Akkus – ob in Smartphones, Elektro-Autos oder Speichern für Solar- und Windstrom.
Bergbau als Wirtschaftsmotor im Erzgebirge
Der Region könnte das Projekt 300 bis 400 direkte Arbeitsplätze bringen, sagt Uhlig. Dazu würden bis zu fünfmal so viele Stellen bei Zulieferern und Dienstleistungsbetrieben entstehen. „Wenn das Bergwerk läuft, werden im Jahr circa 50 Millionen Euro direkt in der Region umgesetzt.“ Das sind verlockende Aussichten für den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, der zu den wirtschaftsschwächsten Regionen Sachsens zählt. „Wir reden von einer der größten Lagerstätten Europas. Wir können da sehr, sehr lange abbauen – je nach Produktionsmenge zwischen 40 und 70 Jahren“, so Uhlig. Zwischen drei und fünf Milliarden Euro an Steuern und Abgaben, so schätzt der Unternehmer, würden im Produktionszeitraum zustande kommen.
Wir reden von einer der größten Lagerstätten Europas.
Strategischer Rohstoff für E-Mobilität – und Kampfdrohnen
Das was im verschlafenen Erzgebirge stattfindet, hat aber auch eine geopolitische Bedeutung. Lithium ist ein Rohstoff, um den man in vielen Bereichen kaum herumkommt: Es geht bei weitem nicht nur um Konsumprodukte wie Smartphones oder Tablett-Computer. Auch die Energiewende und eine klimaneutrale Wirtschaft sind ohne E-Mobilität und dezentrale Stromnetze wenig mehr als Wunschvorstellungen, denn in den meisten Batterien und Akkus steckt das Metall. Dabei ist das begehrte Leichtmetall auf dem Erdball nicht gerade gleich verteilt: Die größten Lagerstätten der Welt liegen in Chile, Australien, China und Argentinien, die zusammen 98 Prozent des global gehandelten Lithiums produzieren. Europa – und damit auch Deutschland – ist dementsprechend abhängig von Importen.
Das ist besonders bedenklich, wenn man die wachsende Bedeutung des Leichtmetalls in der Rüstungsindustrie betrachtet. Die jüngsten Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten haben auf unglückliche Weise gezeigt, welche Rolle Kampfdrohnen und andere umbenannte Fahrzeuge in militärischen Konflikten einnehmen – und auch diese benötigen Lithium-Akkus.

Eines der größten Lithiumvorkommen Europas
Der Fels, aus dem das Osterzgebirge besteht, ist eine von drei vielversprechenden Lagerstätten in Deutschland. Andere Vorkommen von Lithium finden sich am Oberrhein und im Norden Sachsen-Anhalts. Deutschland sitzt damit auf den europaweit größten Vorkommen, fördert bis jetzt aber nur einen Bruchteil davon.
Zinnwald Lithium will das nun ändern. Uhligs Unternehmen will in einer ersten Produktionsphase jährlich 1,6 Millionen Tonnen Erz fördern und aufbereiten. Die Menge würde ausreichen, um eine Millionen Elektro-Autos mit Batterien auszustatten, wie die Bergbaufirma vorrechnet.

Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg: Das Projekt befindet sich in einem langwierigen Prozess aus geologischen Untersuchungen und Prüfverfahren. Bis dahin führt die Firma Probebohrungen durch, wertet Daten aus und kämpft sich durch hunderte Seiten Behördenpapier. Zinnwald Lithium hat bisher eine vorläufige Machbarkeitsstudie vorgelegt und prüft auf eigene Faust die möglichen Folgen für Anwohner:innen und Umwelt. Das eigentliche bergrechtliche Genehmigungsverfahren hat allerdings noch gar nicht begonnen.
Dabei soll die Produktion 2030 starten. Das ist ambitioniert, gibt Uhlig zu: „Aber wenn wir da kein Ziel setzen, das sportlich ist, dann sind wir auch 2040 noch nicht so weit.“ Der Geschäftsführer gibt sich optimistisch, allerdings wirft das Projekt aktuell noch mehr Fragen auf, als Uhlig und seine Kolleg:innen beantworten können. Schenkt man den Kritiker:innen glauben, könnte das geplante Bergwerk die Menschen und die Natur der Region massiv beeinträchtigen.
Naturschützer:innen schlagen Alarm
„Das ist ein großindustrielles Bergbauvorhaben, das die ökologischen und menschlichen Kapazitäten in der Region gänzlich überfordern würde“, befürchtet Jens Weber von der Grünen Liga Osterzgebirge. Der 60-jährige ist so etwas wie ein Urgestein unter Sachsens Naturschützer:innen. Er kennt die Region seit seiner Kindheit – und als studierter Forstwirt auch dessen Ökosysteme.

Eine ganze Reihe möglicher ökologischer Folgen treiben ihn und andere Engagierte um. Da wäre zum einen das Wasser: „Das Bergwerk würde die Region stark entwässern“, erklärt Weber. Dabei ist Sachsen aufgrund des Klimawandels von Wasserstress und sinkenden Grundwasserständen betroffen.
Das Bergwerk würde die Region stark entwässern.
Bedrohte Naturschutzgebiete und instabiler Boden
Sollte der Wasserspiegel in der Region durch den Abfluss ins Bergwerk sinken, würde das auch ökologisch wertvolle und äußerst sensible Hochmoore gefährden, befürchtet Weber. Das industrielle Großprojekt soll in einem dichten Netz aus mehreren Naturschutzgebieten realisiert werden: Die Aufbereitungsanlage, die das Unternehmen unweit des Ortes Liebenau plant, liegt nur wenige hundert Meter von mehreren Vogelschutzgebieten entfernt.
Auch an Zinnwald, wo das eigentliche Bergwerk entstehen soll, grenzen sowohl westlich als auch östlich wichtige Schutzgebiete an. Das Bergwerk und die Industrieanlage sollen durch einen gut neun Kilometer langen Tunnel verbunden werden. Angesichts der Ausmaße des Projekts hält Weber es für ausgeschlossen, dass das Bergbauprojekt – wie gesetzlich vorgeschrieben – ohne negative Folgen für die Biotope bleibt.
Sorgen bereitet den Menschen in der Region auch der Boden unter ihren Füßen. In Zinnwald und Umgebung wird seit Jahrhunderten Bergbau betrieben. Das bedeutet: Der Untergrund unter der Gemeinde ist durchzogen von alten Stollen und Schächten, die oftmals undokumentiert sind. „Eine Felsschicht, wie ein Schweizer Käse“, sagt Weber. Wenn dort nun im großen Stil neue Hohlräume gegraben und gesprengt würden, würde dies zu Instabilität führen. „Da braucht man wenig Fantasie, um sich vorzustellen, was mit dem Ort darüber passieren könnte.“ Erst im vergangenen Jahr ist in Zinnwald ein solcher Hohlraum kollabiert, was zu einem Einbruch an der Erdoberfläche führte.
Diffuse Ängste und Unklarheit
Auch die Hinterlassenschaften des geplanten Bergwerks sind Teil des Problems. Neben der Raffinerie am Ortsrand von Liebenau plant das Unternehmen eine Halde mit 73 Hektar Fläche. Nachdem die Millionen Tonnen Erz in Liebenau zermahlen, erhitzt und das Lithium herausgelöst wurde, wird das feinkörnige, „taube Gestein“ dort gelagert werden.
Der Mineraloge und Bergbau-Experte Michael Trinkler sieht darin gleich mehrere Probleme, wie er im Januar als Sachverständiger während einer Anhörung des Sächsischen Landtags erläuterte: Zum einen droht durch die Bearbeitung der Halde Staub abgeweht zu werden. Andererseits sei die Stabilität der Abraumhalde fraglich, etwa bei Starkregen. Nach aktuellem Planungsstand soll zudem die Deponie direkt auf der Quelle des kleinen Stroms Trebnitz stehen.
Das Problem an der Debatte: Es wird über hypothetische Szenarien gestritten. Bisher liegt nur eine sogenannte Vormachbarkeitsstudie von Zinnwald Lithium vor. Ob und in welchem Umfang und unter welchen Auflagen der Abbau des begehrten Erzes genehmigt wird, ist noch offen. Aktuell lässt sich kaum etwas sicher abschätzen, denn wichtige Untersuchungen stehen noch aus. Laut Uhlig sei man schlicht noch nicht an dem Punkt im komplexen Vorbereitungsprozess, an dem verlässliche Daten vorliegen. Die Kritiker:innen beruhigt das nicht. Aber auch sie arbeiten nur mit möglichen Szenarien – und teils diffusen Ängsten.

Bürgerprotest statt Goldgräberstimmung
Wenig überraschend: Gegen das Bergbauprojekt ist in den betroffenen Gemeinden früh Protest laut geworden. In Liebenau, Bärenstein und Zinnwald haben Anwohner:innen Bürgerinitiativen gegen den Lithiumabbau gegründet. Die Menschen im Erzgebirge sind zwar stolz auf den historischen Bergbau in der Region, aber die jüngere Geschichte hat dafür gesorgt, dass das Thema negativ besetzt ist: Die ökologischen und gesundheitlichen Folgen der „Wismut“, des Uranbergbaus in der DDR, sind zum Teil heute noch zu spüren.
„Unser Ziel ist es, den Entscheidungsträgern die Bedenken der Menschen vor Ort und die Folgen dieses Lithium-Wahnsinns für Mensch, Tier, Heimat und Natur deutlich zu machen“, heißt es etwa auf der Website der Bürgerinitiative Liebenau. Den Menschen bereiten nicht nur die vermeintlichen oder tatsächlichen Folgen für die Umwelt Angst, sondern auch für den regionalen Tourismus. Die Gruppen vernetzen sich untereinander, drucken Flyer, verkaufen Plakate und Autoaufkleber. Wie die Stimmung in den betroffenen Dörfern ist, ließ eine Bürger:innenbefragung des Ortschaftsrates in Liebenau 2024 erahnen: 98% der Stimmberechtigten stimmten gegen das Projekt.
Marko Uhlig, Geschäftsführer von Zinnwald Lithium, glaubt hingegen, dass es sich beiden Protestbürger:innen um eine kleine, aber lautstarke Gruppe handelt. Die große Masse der Menschen in der Region sei unentschlossen zwischen den Chancen und den Befürchtungen, die mit dem Projekt verbunden sind. Zinnwald Lithium versuche von Anfang an die Menschen in der Region einzubinden und zu informieren. Ob diese Bemühungen auf fruchtbaren Boden fallen, ist angesichts des lokalen Widerstands fraglich.
Die Fronten zwischen dem Unternehmen und jenen, die eigenen Aussagen zufolge dagegen kämpfen, dass das Osterzgebirge „den Interessen ausländischer Investoren geopfert“ wird, bleiben wohl bis auf weiteres verhärtet.

Wie rentabel ist das Projekt?
Eine weitere Herausforderung, vor der Uhlig und sein Team stehen, ist die Suche nach Geldgebern. Rund eine Milliarde Euro braucht das Unternehmen nach eigenen Angaben, um in Zinnwald die Produktion starten zu können. Der größte Anteilseigner der kleinen Bergbaufirma ist derzeit der börsennotierte Milliardenkonzern AMG Critical Materials.
Bisher hat Zinnwald Lithium laut eigenen Angaben 40 Millionen eingeworben. Die Investorensuche sollte eigentlich nicht schwer sein, denn das Unternehmen rechnet mit 17.500 Euro Gewinn pro Tonne Lithiumhydroxid bei einer Jahresproduktion von zunächst 18.000 Tonnen. „Die Produktionskosten gegenüber dem Erlös sind so gut, dass das für Investoren attraktiv ist“, sagt Uhlig.
Die Rohstoffexpertin Monika Dittrich ist da skeptischer. „Ich fand die wirtschaftliche Einschätzung, die ich in den Unterlagen gesehen hatte – ich sage es sehr vorsichtig – ausgesprochen spannend“, gab sie bei der Anhörung des Landtages im Januar zu bedenken. Der Knackpunkt: Der Weltmarktpreis für Lithium, auf dem die Kalkulation des Projekts in Zinnwald beruht, sei schwer abzuschätzen.
Die Preise für Lithium haben laut Dittrich in der Vergangenheit stark geschwankt. Wie viel die kritische Ressource in Zukunft wert sein wird, hänge nicht nur davon ab, ob man alternative Batterie-Chemikalien und Recyclingmethoden entwickelt, sondern auch von der Menge an Lithium, die zukünftig produziert wird. Fakt ist aber: Die globale Nachfrage steigt drastisch.
EU fördert Lithium-Produktion
Angesichts des steigenden Bedarfs nach Lithium, überrascht es kaum, dass die EU mittlerweile die Förderung und Aufbereitung des Leichtmetalls als strategisch wichtiges Ziel definiert hat. Mit dem Critical Raw Materials Act will die Union Projekte zur Versorgung mit wichtigen Rohstoffen fördern und deren Zulassungsverfahren beschleunigen. Lithium Zinnwald bewirbt sich nach einem erfolglosen Versuch aktuell zum zweiten Mal darum, den begehrten Titel als strategisches Projekt zu erhalten.
Den Planer:innen auf der anderen Seite der deutsch-tschechischen Grenze ist das bereits gelungen. Im Nachbarort Cínovec will das Unternehmen Geomet s.r.o. ebenfalls nach Lithium graben. Im Gegensatz zum Privatvorhaben in Deutschland ist hier allerdings der tschechische Staat über den größten öffentlichen Energieversorger ČEZ finanziell beteiligt.
Wie stellen wir denn sicher, dass ökologische oder soziale Standards irgendwo außerhalb von Deutschland eingehalten werden?
Uhlig wünscht sich auch in Deutschland mehr Unterstützung für sein Projekt aus der Politik. Er findet, das würde auf globaler Ebene Glaubwürdigkeit schaffen: „Wie stellen wir denn sicher, dass ökologische oder soziale Standards irgendwo außerhalb von Deutschland eingehalten werden?“ Er glaubt, mit Projekten wie dem in Zinnwald übernehme man Verantwortung – regional und global.