Vielfältige Räucherfiguren aus dem Erzgebirge.
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„Männelmacher machen Männel“

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Im Erzgebirge dominieren seit 200 Jahren männliche Räuchermännchen – doch ein Projekt der TU Chemnitz bricht mit den alten Rollenbildern. Studierende entwickelten vier moderne Räucherfiguren, die unterrepräsentierte Gruppen sichtbar machen. 

Das Räuchermännchen gehört in Sachsen genauso gut zur Weihnachtsdekoration wie der beliebte Schwibbogen. Die Figuren haben Tradition – seit circa 200 Jahren werden sie im Erzgebirge hergestellt. Besonders stark fokussiert sich die Produktion auf das Dorf Seiffen und die Umgebung.

Unter den Figuren befinden sich hauptsächlich Darstellungen von Männern – in Berufen, die damals hauptsächlich von Männern ausgeübt wurden. Darunter: Schornsteinfeger, Jäger, Lehrer oder Postboten. Die „Männelmacher“, wie man die Produzenten im Erzgebirge nennt, spiegelten damit eine traditionelle und patriarchale Gesellschaft wider. Gleichberechtigung hielt bei den Räucherleuten erst sehr spät Einzug.

Warum gibt es keine Räucherfrauen?

Frauen waren in vielen Berufsfeldern kaum vertreten, und eine rauchende Frau war öffentlich so gut wie nicht sichtbar.

Diesem veralteten Bild wollte das Kulturhauptstadtprojekt „The Smoking Chemnitzer:in“ der TU Chemnitz entgegenwirken. Melanie Hühn, Kulturwissenschaftlerin und damalige Dozentin des Studiengangs „Interkulturelle Kommunikation – Interkulturelle Kompetenz“, war gerade dabei, Räucherfiguren einzupacken, als ihr auffiel: „Ich habe nur männliche Räucherfiguren – warum eigentlich?“. Hühn fing an zu recherchieren, Literatur über die erzgebirgische Volkskunst zu sammeln. Solange, bis genug Material da war, um es in einem Uni-Seminar zu besprechen. Ziel des Forschungsprojekts war es, zeitgenössische Räucherfiguren ohne traditionelle Rollenbilder zu kreieren. 

Kunst- und Handwerksunternehmen im Erzgebirge

Unterrepräsentierte Gesellschaftsgruppen aufzeigen

Letztlich entstanden vier verschiedene Figuren: Die kritische Professorin, die vietnamesische Pflege-Fachfrau, „Empowerella“ aus der Musikbranche, und eine queere Figur unter dem Motto „Burning Gender“. Denn Teil des Projekts war es, verschiedene Gesellschaftsgruppen zu repräsentieren und „Unsichtbares sichtbar zu machen“, erklärt Hühn.

Eine Gruppe Studierender beschäftigte sich beispielsweise mit den vietnamesischen Pflegekräften, die dem Fachkräftemangel aufgrund der Überalterung in Chemnitz entgegenwirken sollen. 

Mit der Figur der kritischen Professorin beleuchten die Studierenden die Rolle von Frauen in der Wissenschaft. „Frauen haben in der Wissenschaft – zumindest im Vordergrund – lange keine Rolle gespielt“, erklärt Hühn. Selbst an der TU Chemnitz waren Professorinnen lange rar. „Wir mussten feststellen: 1990 gab es dort keine einzige Professorin; heute liegt der Anteil bei rund 28 Prozent.“

Außerdem ist eine geschlechtsneutrale Person entstanden, die queere Menschen in Chemnitz sichtbar machen soll. Hintergrund war eine Analyse verschiedener Medienberichte, als auch Interviews mit queeren Personen selbst.  Bei der Figur kann man verschiedene Elemente aus Holz, wie einen Hut oder einen Bart, an– und abstecken. „Viele, die die Ausstellung angeschaut haben, fanden das ganz toll, dass man so eine Figur hat, die man umgestalten kann“, berichtet Hühn.

Texte der Chemnitzer Band „Blond” fließen in Entwurf

„Empowerella“, die vierte Figur, soll eine Chemnitzer Musikerin darstellen. Mit ihr wird der Gender Pay Gap und die Stereotypisierung von Frauen in der Musikbranche repräsentiert. Dafür analysierten die Studierenden auch Texte der Chemnitzer Band „Blond“.

Produktion in Holzwerkstatt im Erzgebirge

Die Figuren wurden als Prototypen von dem Holzgestalter Markus Weber in der  „Denkstatt Seiffen” angefertigt. Bislang wurden die Räucherfrauen auch nicht in Masse produziert – sie existieren ausschließlich als Einzelstücke für Ausstellungen.

Dennoch: Die modernen Räucherfiguren erregten in Sachsen viel Aufmerksamkeit – und damit auch Kritik. Auf einen Bericht des MDR auf dem sozialen Medium „Facebook“ reagierten viele Menschen negativ. Es sei eine Verschwendung öffentlicher Gelder, die Figuren würden die Traditionen und die Kultur zerstören. 

Die Reaktionen in den Kommentarspalten auf Facebook zum Teil sehr negativ aus.

Wer hat Lust auf Räucherfrauen?

„Das Räuchermännchen ist etwas, womit viele Menschen in Sachsen Tradition verbinden“, erklärt Hühn. „Man geht immer davon aus, dass Tradition so bleiben muss, wie sie ist – dabei wandelt sie sich historisch gesehen ständig.“

Ein Zitat von Melanie Hühn über den Wandel von Traditionen

Doch man habe auch viel positives Feedback bekommen, sagt sie. Einige hätten nachgefragt, wo man die Figuren kaufen könne. Theoretisch könnte ein Holzhersteller eine Lizenz der TU Chemnitz dafür erwerben. 

Doch das Problem: Hühn und ihre Studierenden fanden keinen Produzenten im Erzgebirge. „Die Hersteller wollten sich nicht angreifbar machen“, erklärt sie. „Ein Holzproduzent hat bei der queeren Figur gesagt, dass er seinen Namen in diesem Kontext nicht öffentlich sehen möchte.“

Bis zuletzt waren die Figuren in der „Werkschau – Made in Sachsen” auf dem Sonnenberg sichtbar. Aktuell sind sie nicht öffentlich zu sehen. Doch vielleicht findet sich ja bald jemand, der die emanzipierten Frauenfiguren produzieren möchte. 

Autor:in

  • Redakteurin

    Aufgewachsen in Bayern, vor 10 Jahren zum Studieren in den wilden Osten (Chemnitz) gezogen und will Sachsen seitdem nicht mehr verlassen.

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