Fast jede vierte Frau in Deutschland kann sich keine Menstruationsprodukte leisten. Dennoch fehlen vielerorts Informationen, Aufklärung und konkrete Hilfsangebote. Marie-Chantal Anterist hat deshalb die Initiative „agora“ ins Leben gerufen. Im Interview mit KATAPULT Sachsen erklärt sie, warum das Problem größer ist, als viele denken, und was sich politisch ändern müsste.
Was ist Periodenarmut?
Periodenarmut bezeichnet die mangelnde finanzielle Möglichkeit, Menstruationsprodukte zu kaufen. Laut Plan International ist in Deutschland fast jede vierte Frau (23 Prozent) davon betroffen. Grund hierfür sind vor allem die hohen Kosten der Menstruation: Eine menstruierende Person gibt im Schnitt rund 550 bis 650 Euro pro Jahr für Produkte aus, über ein Leben bis zu 7.000 Euro. Für viele sind diese Kosten kein Randthema, sondern eine reale monatliche Belastung. Wer zum Beispiel Bürgergeld bezieht, hat etwa 15 Euro im Monat für sämtliche Hygieneartikel zur Verfügung – von der Zahnpasta bis zum Tampon. Da bleibt am Ende des Monats oft die Wahl zwischen Essen und Binden.

International wird der Begriff breiter gefasst und umfasst auch den fehlenden Zugang zu Produkten, sauberen Toiletten und Aufklärung. Geld ist also nicht das einzige Hindernis. In der Plan-Umfrage 2021 gaben 29 Prozent an, während ihrer Periode manchmal nicht nach draußen gehen zu wollen, weil öffentliche Toiletten zu schlecht ausgestattet oder schmutzig sind. Ich bin mir sicher, wir kennen alle die Sauberkeit öffentlicher Toiletten – die Vorstellung, dort einen Tampon wechseln zu müssen, ist eine Horrorvorstellung, für viele wohnungslose Menschen aber Realität.
Wer zum Beispiel Bürgergeld bezieht, hat etwa 15 Euro im Monat für sämtliche Hygieneartikel zur Verfügung – von der Zahnpasta bis zum Tampon.
Marie-Chantal Anterist
Warum ist darüber so wenig bekannt?
Ich glaube, es liegt vor allem daran, dass hier zwei Tabuthemen aufeinandertreffen: Armut und Menstruation. Über Geldnot spricht kaum jemand offen, über die Periode genauso wenig – und zusammen macht das Periodenarmut doppelt unsichtbar. Wo das eine schon schwer zu benennen ist, verschwindet das andere gleich mit. Dazu kommt eine Datenlücke. Verlässliche, repräsentative Zahlen zur Menstruation in Deutschland gab es lange kaum – die erste umfassende Erhebung dazu stammt erst aus dem Jahr 2021. Und wo nicht gemessen wird, wird offenbar auch nicht gehandelt?
Wie tief die Scham um die Menstruation sitzt, sehe ich in meinen eigenen Daten. In meiner Umfrage zur Periode lag das Schamempfinden – vor allem bei jungen Teilnehmer:innen – beim Sprechen über die Periode im Schnitt bei 5,3 von 10; zwei Drittel gaben einen Wert von 5 oder höher an. Das auffälligste Muster ist dabei keine vage Scham, sondern eine ganz konkrete Regel: verstecken und schweigen. Tampons unsichtbar einstecken, beim Fragen flüstern – das zieht sich durch fast alle Antworten.

Über Marie-Chantal Anterist
Marie-Chantal Anterist (24) hat in Lissabon Impact Entrepreneurship and Innovation studiert und ist so zum Thema Menstruation als gesellschaftliches Gleichstellungsproblem gekommen. Angefangen hat sie vor etwa einem Jahr mit einer wirtschaftlichen Lösung – Tampon- und Bindenspender für Unternehmen mit Smart-Refill. Nun ist daraus ein soziales Projekt gegen Periodenarmut und für die Entstigmatisierung der Menstruation geworden – mit der ersten deutschlandweiten Karte für kostenlose Produkte.
Was ist das Ziel von agora?
Das Ziel von agora richtet sich auf drei Ebenen: sichtbar machen, wo es kostenlose Periodenprodukte gibt; sich gegen Periodenarmut einsetzen; und die Entstigmatisierung der Periode. Das Herzstück ist die Karte – eine kostenlose Website, auf der man auf einen Blick sieht, wo es in der eigenen Stadt kostenlose Periodenprodukte gibt. Der Auslöser war eine konkrete Lücke. Ich habe gemerkt, dass sich immer mehr städtische Initiativen und gerade junge Menschen aus der Politik für kostenlose Periodenprodukte einsetzen – das Thema hat in den letzten Jahren spürbar an Sichtbarkeit gewonnen. Aber es gab keine Daten darüber, wo diese Produkte tatsächlich angeboten werden. Ich sah etwa auf Instagram „Stadt X bietet jetzt kostenlose Periodenprodukte an“ – aber wo genau findet man diese? Wer hat Zugang zu den Produkten?
Ich bin technisch versiert – und trotzdem habe ich online kaum etwas dazu gefunden und musste bei fast allen Gemeinden direkt anrufen oder bei den Gleichstellungsbeauftragten anfragen. Wenn das schon für mich so aufwändig ist, muss man gar nicht erst darüber nachdenken, wie es Menschen geht, die keinen Internetzugang haben oder die sich diesen Aufwand nicht machen wollen oder können – sie kommen an diese Informationen schlicht gar nicht.
Über Geldnot spricht kaum jemand offen, über die Periode genauso wenig – und zusammen macht das Periodenarmut doppelt unsichtbar.
Marie-Chantal Anterist
Was zeigt die Karte?
Die Karte zeigt, wo es in deutschen Städten kostenlose Periodenprodukte gibt – in Cafés, an Unis, in öffentlichen Einrichtungen. Orte können sich kostenlos eintragen, und menstruierende Personen sehen auf einen Blick, wo sie versorgt sind. Für Menschen ohne Smartphone oder ohne festen Wohnsitz gibt es zusätzlich einen Flyer-Export zum Ausdrucken.
Wo ist Periodenarmut besonders stark ausgeprägt?
In Deutschland ist Periodenarmut weniger eine Frage der Landkarte als der Lebenssituation. Sie verdichtet sich dort, wo Einkommen niedrig und Infrastruktur dünn ist: bei Menschen ohne festen Wohnsitz – allein in Deutschland rund 100.000 Betroffene –, in einkommensschwachen Haushalten, bei jungen Menschen in Schule und Studium, teils im ländlichen Raum mit weniger Anlaufstellen. Belastbare, flächendeckende Daten dazu, in welcher Stadt sie am größten ist, gibt es kaum – und genau das ist Teil des Problems.
International sieht das noch einmal anders aus – hier ist die Dimension ungleich größer. Weltweit haben schätzungsweise 500 Millionen menstruierende Menschen keinen ausreichenden Zugang zu Produkten. Zum Beispiel Südafrika: Dort können sich laut UN Women rund 7 Millionen Mädchen keine grundlegenden Periodenprodukte leisten, etwa 30 Prozent der Schülerinnen verpassen deswegen regelmäßig Schule. Gerade wird dort ein Gesetz für ein Recht auf Menstruationsgesundheit diskutiert, getragen von einer Petition mit zehntausenden Unterschriften.
Welche Menschen sind besonders betroffen?
Erstens junge Menschen: Junge Menstruierende sind am stärksten betroffen – fast drei Viertel der 16- bis 35-Jährigen würden sich besser versorgen, wären die Produkte günstiger. Zweitens Menschen an der Armutsgrenze: wer Bürgergeld bezieht, in Ausbildung ist oder von BAföG lebt. Drittens wohnungslose Menschen: Allein in Deutschland sind rund 100.000 Menstruierende betroffen, für die neben den Produkten oft auch saubere Toiletten fehlen. Und es ist ein Thema, das sehr früh beginnt – und bleibt. In meiner eigenen Schulumfrage hatten bereits rund 40 Prozent Schwierigkeiten, sich Periodenprodukte zu leisten oder zu besorgen. Was so früh anfängt, verschwindet selten von allein.

Was müsste sich ändern, um Periodenarmut zu bekämpfen?
Erstens müssen kostenlose Produkte selbstverständlich werden – in öffentlichen Einrichtungen, öffentlichen Toiletten, Schulen und an Unis, so wie Klopapier und Seife. Schottland macht das längst vor: Dort ist die Bereitstellung kostenloser Periodenprodukte gesetzlich verankert.
Zweitens muss die Periode im Bürgergeld klar mitgedacht werden – aktuell sind nur rund 15 Euro im Monat für sämtliche Hygieneartikel vorgesehen, Periodenprodukte sind darin nicht eigens berücksichtigt. Das muss sich dringend ändern. Drittens: Die Senkung der Mehrwertsteuer auf Periodenprodukte von 19 auf 7 Prozent im Jahr 2020 war ein wichtiger Schritt – am besten wäre aber, in meinen Augen, gar keine Steuer. Und wo mit Periodenprodukten Gewinn gemacht wird, sollte zumindest ein Teil davon in Projekte gegen Periodenarmut zurückfließen.
Viertens: saubere öffentliche Toiletten-Infrastruktur und nachhaltige Produkte. Frankreich hat beschlossen, wiederverwendbare Produkte wie Menstruationstassen und Periodenunterwäsche zu erstatten, ab dem Studienjahr 2026 für unter 26-Jährige und Menschen mit geringem Einkommen. Das ist sinnvoll, hat aber einen Haken: Wer nur Periodenunterwäsche oder eine Tasse hat, braucht einen Ort zum Waschen und Reinigen. Menschen ohne Zugang zu einer Waschmaschine oder zu sauberen Toiletten fallen sonst hinten runter. Nachhaltigkeit darf nicht zur neuen Hürde werden. Am Ende ist das Thema sehr facettenreich, und es geht vor allem um eines: Menstruation mitzudenken und sie zu entstigmatisieren.
