In Sachsen verbreiten kostenlose Anzeigenblätter rechte Narrative. Unter dem Deckmantel des Lokaljournalismus vermischen sich AfD-Werbung und Verschwörungserzählungen. Begünstigt wird diese Entwicklung durch die Krise des Lokaljournalismus: Denn wo die Medienvielfalt schwindet, stoßen rechte Medienangebote in die Lücken.
Der Lokaljournalismus hat es zunehmend schwer: Sinkende Auflagen und kündigende Abonnent:innen setzen viele Redaktionen wirtschaftlich unter Druck. Besonders in ländlichen Regionen gibt es häufig nur noch eine Lokalzeitung. Eine der wenigen Alternativen sind kostenlose Anzeigenblätter, die Werbung mit redaktionellen Inhalten kombinieren. Diese fallen jedoch zunehmend mit rechtspopulistischen und AfD-nahen Inhalten auf.
Während der Corona-Pandemie verbreiteten einzelne Anzeigenblätter wiederholt Verschwörungserzählungen. Gleichzeitig finanzieren sich diese Zeitungen fast ausschließlich über Anzeigen, Werbebeilagen und Online-Werbung.
Benjamin Winkler von der Amadeu Antonio Stiftung beobachtet diese Zeitungen seit mehreren Jahren. „Sie wirken zunächst wie klassische kostenlose Anzeigenblätter mit lokalen Nachrichten und Angeboten für regionale Unternehmen“, sagt er. Auffällig dabei sei aber, dass immer nur für eine Partei Werbung gemacht werde. „Im Prinzip geht es darum, subtile Wahlwerbung für die AfD zu machen“, sagt Winkler. „Dadurch gelangen Positionen der Partei in den öffentlichen Diskurs, ohne immer klar als Wahlpropaganda erkennbar zu sein.“
Was passiert, wenn Lokaljournalismus verschwindet?
Internationale Studien zeigen Zusammenhänge zwischen dem Rückgang lokaler Berichterstattung und geringerer politischer Kontrolle auf kommunaler Ebene. In Regionen mit schwacher Medienpräsenz wurden unter anderem weniger Transparenz und eine geringere öffentliche Kontrolle von Politik und Verwaltung beobachtet.
Und: Wo journalistische Angebote fehlen, entstehen Informationslücken. Diese werden zwar durch andere Kanäle gefüllt, jedoch nicht zwingend durch professionell recherchierte und überprüfte Informationen. Die Folge ist ein Verlust an Orientierung und gemeinsamem Wissen über das lokale Gemeinwesen.
Eine Studie der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) kommt zu dem Ergebnis, dass Lokaljournalismus eine wichtige demokratische Funktion erfüllt: Menschen, die regelmäßig lokale Medien nutzen, fühlen sich besser informiert, vertrauen Institutionen stärker und sind häufiger mit ihrer Region verbunden. Viele Befragte befürchten bei einem weiteren Rückgang lokaler Medien weniger Transparenz und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
AfD-Anzeige über Bericht zu Stolpersteinen
Ein Beispiel ist der Oberlausitzer Kurier. In der Lokalausgabe Bischofswerda-Kamenz vom 27. Juni findet sich auf der Titelseite Werbung für einen AfD-Bürgerdialog direkt über einem Bericht zu Stolpersteinen, die in Bischofswerda verlegt wurden. Auf Nachfrage von KATAPULT Sachsen erklärte Geschäftsführer Enrico Berger, die Platzierung von Werbeanzeigen erfolge unabhängig von der redaktionellen Arbeit. Der Bericht über die Stolpersteine sei ohne Kenntnis der umliegenden Anzeigenmotive auf der Titelseite platziert worden.
Nach Angaben des Verlags erreichen der Oberlausitzer und der Niederschlesische Kurier zusammen knapp 230.000 Haushalte. Zum Vergleich: Die Lausitzer Rundschau kommt als regionale Tageszeitung auf rund 46.000 Haushalte.

DDR-Nostalgie und Verschwörungsmythen
In Plauen gibt es neben der Freien Presse, die dort etwa 14.000 Haushalte beliefert, auch die Bürgerzeit Plauen. Sie wird in der Stadt und der näheren Umgebung kostenlos an rund 38.000 Menschen verteilt. In der April-Ausgabe ist unter anderem ein Zitat des argentinischen Präsidenten Javier Milei zu finden, der als ultrakonservativ und rechtspopulistisch gilt. Der Staat zerstöre den Wohlstand und verteile ihn unter Freunden, heißt es dort. Eingebettet ist das Zitat in verschiedene Leserbriefe zum Thema Frieden. Sie thematisieren Mainstream-Medien, CO2-Steuern, Waffenlieferungen und DDR-Nostalgie.
In der Ausgabe vom April 2025 findet man außerdem einen Gastbeitrag von Michael Hauke. Darin geht es um die Unfähigkeit der CDU-Regierung und den Anstieg von Vergewaltigungen und Messermorden. Hauke betreibt einen eigenen Blog und vertreibt als Verleger des Hauke-Verlags mehrere Anzeigenblätter in Brandenburg. Er steht für die Vernetzung der Anzeigenblätter untereinander.
Die Westsächsische Zeitung liefert online Nachrichten und Reportagen aus Westsachsen. Der Hauptfokus liegt auf der Aufdeckung angeblicher Justiz-Skandale. Zwickau wird als „Stadt des institutionellen Wahnsinns“ oder „Stadt der lügenden Staatsanwaltschaft“ bezeichnet. Den Behörden sei nicht mehr zu trauen, heißt es in einem Text.
In einem Gastbeitrag in der Bürgerzeit Plauen wird Merz als „Wahlbetrüger“ bezeichnet. Die Demokratie sei abgeschafft, Meinungsfreiheit gebe es nicht mehr. In einem Gastbeitrag von Andreas Glarner, einem Abgeordneten der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei, ist die Rede von „der linksgrünen Chaosgruppe“ oder der „linksunterwanderten CDU“. Zum Ende heißt es, die AfD und die CDU müssten endlich zusammenarbeiten, eine Brandmauer sei keine Lösung. Die Beiträge zeigen, wie solche Anzeigenblätter als Plattform für Positionen aus dem rechten Spektrum genutzt werden.

„Ausgrenzung schafft Märtyrer“
Der Wochenkurier, der bis zu seiner Einstellung im September 2025 rund 890.000 Haushalte in Ostsachsen erreichte, veröffentlichte regelmäßig AfD-Anzeigen auf der Titelseite. Herausgeber Torsten Berge begründete dies gegenüber einem Leser damit, dass „Ausgrenzung Märtyrer schaffe, mit denen sich dann so Mancher solidarisiert“.
Ähnliche Blätter gibt es auch in Thüringen – dazu zählen beispielsweise das Neue Gera oder der KURIER im Altenburger Land. Auch im Neuen Gera findet man neben AfD-Anzeigen Beiträge von Michael Hauke – darunter ein Spendenaufruf für die Ärztin Bianca Witzschel, die wegen gefälschter Corona-Atteste in der JVA Chemnitz inhaftiert ist. Oder auch: Eine Zitatsammlung aus der Corona-Zeit zum Thema Impfen sowie ein Auszug aus einer Rede des russischen Außenministers Sergej Lawrow. Ein weiterer Beitrag stammt von „David Cohnen“. Unter diesem Namen werden Medienrecherchen zufolge seit Jahren massenhaft KI-generierte E-Mails mit politischen Inhalten verschickt. Über den Autor ist, abgesehen vom Namen, nichts bekannt.
Beiträge von Michael Hauke sind auch im KURIER, der im Altenburger Land vertrieben wird, zu finden. Außerdem darin zu finden: ein Beitrag aus dem rechten Magazin Tichys Einblick, der argumentiert, dass die deutsche Regierung einen Überwachungsstaat plane. Die Auflage liegt hier nach eigenen Angaben bei 52.000 Exemplaren.
Inhaltlich sei in allen Blättern derselbe Populismus zu finden, erklärt Winkler: „Die böse, korrupte Elite, verkörpert durch die demokratischen Parteien, gegen das hart arbeitende Volk. Und die einzige Partei, die noch auf der Seite des Volkes stehe, ist eben die AfD.“
Wie sich diese hohen Auflagen allein durch Werbeeinnahmen finanzieren lassen, bleibt unklar. Nach einer Recherche von Correctiv und ZDF gab es beim rechtspopulistischen Deutschland-Kurier bereits den Verdacht auf eine Parteienfinanzierung, da AfD-Mitglieder in Nordrhein-Westfalen die Zeitung kostenlos bestellt und verteilt haben.
Warum Journalismuskompetenz entscheidend ist
Um seriösen Journalismus von rechtspopulistischen Anzeigenblättern zu unterscheiden, braucht es vor allem eins: Journalismuskompetenz. Denn vielen Menschen fehlt inzwischen ein grundlegendes Verständnis davon, wie Journalismus funktioniert, wie Informationen geprüft werden und wodurch sich professionelle Berichterstattung von anderen Informationsquellen unterscheidet.
Damit befasst sich Judith Kretzschmar im Forschungs- und Praxisprojekt „Bürger machen Journalismus“. Dort wird Bürger:innen aus dem ländlichen Sachsen Journalismuskompetenz vermittelt, indem sie selbst zu Journalist:innen werden. „Gerade im ländlichen Raum verschwindet der Lokaljournalismus“, erklärt Kretzschmar. Viele Bürger:innen hätten angegeben, sich über kostenlose Anzeigenblätter zu informieren. Auch, weil sie sich das Abo der etablierten Medien nicht mehr leisten könnten.
Das Problem dabei: „Erstaunlicherweise nehmen ganz viele Menschen diese Angebote als Journalismus wahr“, sagt Kretzschmar. Kein Wunder, denn rein optisch seien die Zeitungen oft kaum von seriösen Blättern zu unterscheiden. „Selbst die Namen sind ähnlich, um dieses Vertrauen zu suggerieren.“
Kretzschmar warnt vor den Folgen für die demokratische Öffentlichkeit: „Wenn unter dem Label des Lokaljournalismus Inhalte verbreitet werden, die eher parteipolitischer Kommunikation oder verschwörungsideologischen Narrativen entsprechen, kann das das Vertrauen in professionelle Medien und in die Demokratie schwächen.“
