Alle sprechen von schlechten Bedingungen in der Pflege, doch die Probleme beginnen vermutlich viel früher. Warum brechen so viele Auszubildende ihre Ausbildung ab und was müsste geschehen, damit junge Menschen in der Pflege erhalten bleiben? Die Missstände sind seit Jahren bekannt, aber hat sich wirklich etwas verändert? Oder werden junge Menschen in ein System geführt, das schon lange unter Druck steht und ihnen genau das auch vermittelt?
Lea absolviert derzeit das dritte Ausbildungsjahr zur Pflegefachkraft. In wenigen Monaten will sie ihren Abschluss machen. „Mir macht die Ausbildung sehr viel Spaß“, sagt die 25-Jährige. Doch sie betont auch: „Ich glaube, ich habe es mir aber auch ein bisschen einfacher vorgestellt.“ Der Alltag im Krankenhaus hänge oft davon ab, wer gerade Dienst hat. Manchmal gebe es Pflegekräfte, die sich Zeit nehmen, erklären, anleiten. „Aber das ist eher selten“, schildert Lea. Häufig fehle dafür schlicht die Zeit. Dann mache man vor allem das, „was man schon kann – was das Team entlastet“. Viele Auszubildende suchen die Gründe dafür zunächst bei sich selbst. „Am Anfang dachte ich, ich mache etwas falsch“, erzählt sie. Inzwischen sieht sie das anders: „Ich glaube, dass das primär ein strukturelles Problem ist, weil die Zeit für uns gar nicht da ist.“
Ein System im Umbau
Mit der großen Pflegereform im Jahr 2020 wurde die Ausbildung zur „Pflegefachfrau“ bzw. zum „Pflegefachmann“ grundlegend neu aufgestellt. Das Ziel war es, die Trennung zwischen Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege aufzuheben, um den Beruf flexibler und attraktiver zu machen. Der neue generalistische Ansatz eröffnet nicht nur neue berufliche Perspektiven, da ein Wechsel zwischen den Versorgungsbereichen einfacher ist, der Abschluss ist auch automatisch in allen EU-Staaten anerkannt. Hinzu kommen der Wegfall des Schulgeldes und eine angemessene Ausbildungsvergütung für alle.1
Ein Blick auf die Zahlen
Lea steht kurz vor ihrem Abschluss, doch viele andere schaffen diesen Weg nicht. Im Jahr 2025 begannen bundesweit 64.300 Personen eine Pflegeausbildung. Das sind rund acht Prozent mehr als im Jahr zuvor.2 Gleichzeitig brechen viele die Ausbildung vorzeitig ab: Schätzungen zufolge beenden rund 30 Prozent die Ausbildung nicht.3 In Sachsen liegt die Quote mit 6,8 Prozent unter dem deutschlandweiten Durchschnitt: Von 3.893 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen im Jahr 2024 wurden 266 wieder aufgelöst.4 Dies muss jedoch nicht zwangsläufig einen vollständigen Abbruch der Ausbildung bedeuten, da auch ein Wechsel des Ausbildungsbetriebs dahinterstehen kann. Die vergleichsweise moderate Quote zeigt jedoch nicht, wie groß der Druck im Ausbildungsalltag tatsächlich sein kann und mit welchen Schwierigkeiten Auszubildende und Praxisanleiter:innen konfrontiert sind.
„Die größte Herausforderung scheint nach unseren Gesprächen mit den Praxisanleitenden die Ressource Zeit zu sein“, heißt es bei der Beratungsstelle Pflegeausbildung Sachsen. Sie ist ein seit 2022 an der Technischen Universität Dresden angesiedeltes Praxisentwicklungsprojekt und unterstützt Auszubildende und Praxisanleiter:innen. Sie wird vom Sächsischen Staatsministerium für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt finanziert.
„Die größte Herausforderung scheint […] die Ressource Zeit zu sein.“
Anleitung im Alltag
Leander (29) erlebt diesen Spagat täglich. Er arbeitet als Praxisanleiter in einem Krankenhaus in Leipzig und betreut Auszubildende im Stationsalltag. Praxisanleiter:innen sind dafür zuständig, die praktische Ausbildung – also die Ausbildung neben der schulischen Lehre – zu organisieren, Lernprozesse zu unterstützen und den Wissensstand der Azubis einzuschätzen. Leander beschreibt seine Aufgabe wie folgt: Er begleitet die Auszubildenden durch die gesamte Schicht, versucht ihren Lernbedarf zu erkennen und entscheidet je nach Ausbildungsstand, wie viel Unterstützung sie benötigen. „Manche brauchen mehr Führung, andere nur leichte Wegweisung“, so Leander. Doch wie gut ihm das gelingt, hängt von den Bedingungen ab. „Je weniger Auszubildende man gleichzeitig anleiten muss, desto besser gelingt die Anleitung“, sagt er. Und auch hier gilt wieder: Die Zeit ist entscheidend.
Lernen oder Lücken füllen?
In vielen Einrichtungen fehlt genau diese Zeit. „Größere Pflegeeinrichtungen haben oft günstigere Strukturen“, so die Beratungsstelle. Leander bestätigt das indirekt, denn auf seiner Station arbeiten sie bewusst anders: Es gibt eine eigene Ausbildungsstation, zusätzliches Personal und feste Anleitungsstrukturen. „Ein Lückenfüller sind unsere Azubis nicht.“ Doch er weiß, dass das nicht überall so ist: Auf anderen Stationen falle die Anleitung wegen Personalmangels häufig aus. Dann müssten Pflegekräfte nebenbei anleiten – oder eben gar nicht. Lea kennt diese Realität: „Das Personal hat einfach ein zu hohes Arbeitspensum, um sich jetzt auch noch um dich zu kümmern.“
Viele Auszubildende erleben genau das: Sie übernehmen Aufgaben, die eigentlich Fachkräften vorbehalten sind. Die Beratungsstelle unterstreicht jedoch die Bedeutung des kompletten Teams: „Ausbildung ist nicht nur Aufgabe der Praxisanleiter:innen, hier ist das gesamte Pflegeteam gefordert.“ Auch Leander sieht das als entscheidenden Faktor: „Das Team ist mit das Wichtigste für den Erfolg.“ Doch genau hier entstehen Spannungen. Praxisanleitung werde im Alltag oft nicht als gleichwertige Arbeit anerkannt: „Kolleg:innen belächeln das teilweise und tun es als unnütz ab“, erzählt Leander.
„Das Team ist mit das Wichtigste für den Erfolg.“
Der „Praxisschock“
„Wenn die Erwartungen negativ von der Realität abweichen, erleben Auszubildende einen sogenannten Praxisschock“, sagt die Beratungsstelle Pflegeausbildung Sachsen. Lea meint, sie habe nicht erwartet, wie viel zusätzliche Lernarbeit im Selbststudium neben ihrer 40-Stunden-Woche notwendig ist. Es gehe dabei besonders um Inhalte, die kaum bis gar nicht in ihrer Ausbildung vermittelt würden. Mit diesem Empfinden steht sie nicht allein da: Einer Studie zufolge unterschätzt mehr als die Hälfte der befragten Auszubildenden die enorme physische und psychische Belastung, die der Pflegealltag mit sich bringt. Der Schock kommt dabei selten plötzlich. Vielmehr handelt es sich um eine schleichende Ernüchterung über den gesamten Ausbildungsverlauf hinweg.5 Wenn Erwartungen und Realität sich zu stark voneinander unterscheiden, kann das einer von vielen Faktoren sein, die dazu beitragen, die Ausbildung vorzeitig abzubrechen.
Übergriffiges Verhalten durch Patient:innen
Ein Thema, das selten Aufmerksamkeit bekommt, aber ebenfalls mit Belastung einhergeht, ist übergriffiges Verhalten von Patient:innen. Lea berichtet von Situationen, in denen Auszubildende genau das erlebt haben, ohne dass es im Anschluss eine Aufarbeitung gab. Neben der Beratungsstelle Pflegeausbildung Sachsen bestätigt auch Leander dieses Problem: Grenzüberschreitungen kämen vor, etwa in Form verbaler Übergriffe oder unangemessenen Verhaltens von Patient:innen. Oft werde es als normales Verhalten hingenommen. Eine systematische Vorbereitung auf solche Situationen fehle in der Ausbildung häufig. Die Beratungsstelle verweist unter anderem auf externe Fortbildungsformate und betont: „Die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Thema muss danach zum einen durch die einzelne Person geleistet werden: Was sind meine Grenzen und wie kann ich diese wahrnehmen und deutlich machen? Gleichzeitig benötigt die Vorbereitung auf und die Auseinandersetzung mit übergriffigem Verhalten die Unterstützung der einzelnen Personen auf struktureller Ebene.“
Warum Auszubildende abbrechen
Die Gründe für Ausbildungsabbrüche sind sehr komplex und individuell unterschiedlich. Aufschluss darüber gibt die sogenannte ERPP-Studie6, ein Forschungsbericht der TU Dresden aus dem Jahr 2023: Die Untersuchung verdeutlicht, dass sich viele Auszubildende in einer strukturellen Isolation wiederfinden. Die ständige Schicht- und Wochenendarbeit kappt soziale Kontakte und führt nicht selten zu ungewollter Einsamkeit.
Erschwerend kommt für einige ein rauer Umgangston in den Teams hinzu. Anstatt Rückhalt zu erfahren, fühlen sich viele Azubis nicht als vollwertige Kolleg:innen akzeptiert, sondern verharren in der Rolle der „Externen“ ohne Mitspracherecht. Mangelnde Wertschätzung und das fehlende Gefühl, auf Augenhöhe behandelt zu werden, können zusätzlich belastend sein. Einige berichten auch, dass sie ohne ausreichende Anleitung in die Verantwortung „reingeworfen“ werden, während ihnen gleichzeitig kaum etwas zugetraut wird. Über allem schwebt die ständige Sorge, durch die so wahrgenommene tiefe Kluft zwischen theoretischer Lehre und dem harten Stationsalltag nicht ausreichend auf die Komplexität des Berufs vorbereitet zu werden.7
Zwischen Leidenschaft und Systemlast
Sowohl die Auszubildende Lea als auch der Praxisanleiter Leander haben klare Forderungen: Es braucht mehr Zeit für echte Anleitung, mehr Personal und eine spürbare strukturelle Entlastung im Alltag. Auch auf politischer Ebene besteht Handlungsbedarf – von einer besseren Bezahlung bis hin zu besseren Arbeitsbedingungen (die eine langfristige Ausübung des Berufs ohne Selbstaufopferung ermöglichen). Die Beratungsstelle Pflegeausbildung ergänzt: „Pflege kostet Geld – wie wir als Gesellschaft Prioritäten setzen und dementsprechend Geld bereitgestellt wird, könnte transparenter gestaltet sein.“
Am Ende bleibt ein ambivalentes Bild: Einerseits ist da ein System, das junge Menschen wie Lea oft an ihre Grenzen führt, bevor sie überhaupt richtig angekommen sind. Auf der anderen Seite steht die tiefe Überzeugung für die Sache selbst. „Ich finde, es ist ein sehr, sehr schöner Beruf“, sagt Lea. „Ich hätte nicht gedacht, dass man so viel Dankbarkeit erfährt.“ Es ist genau diese persönliche Erfüllung, die viele im Beruf hält, während das System sie gleichzeitig herausfordert. Leander bringt es auf den Punkt: „Ich persönlich liebe diesen Beruf – und werde gerade deshalb weiterhin für bessere Bedingungen einstehen.“
- Bundesministerium für Gesundheit (Hg.): Fragen und Antworten zum Pflegeberufegesetz, auf: bundesgesundheitsministerium.de (Stand: 5.3.2024). ↩︎
- Statistisches Bundesamt (Hg.): Pressemitteilung Nr. 090 vom März 2026, auf: destatis.de (2026). ↩︎
- pflegenot-deutschland.de (Hg.): Abbruchquote in der Pflegeausbildung, auf: pflegenot-deutschland.de (Stand 28.4.2026). ↩︎
- Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen (Hg.): 8.714 Auszubildende zur Pflegefachfrau bzw. zum Pflegefachmann in Sachsen am Jahresende 2024, auf: statistik.sachsen.de (2025). ↩︎
- Fuchs, Philipp; Mielenz, Maik Oliver; Seidel, Katja; Wellmer, Sabine (2024): Erwartungen an die Pflegeausbildung – Praxisschock als Grund für Ausbildungsabbrüche?, in: Reiber, Karin; Mohr, Jutta; Evans-Borchers, Michaela; Peters, Miriam (Hrsg.): Fachkräftesicherung, Versorgungsqualität und Karrieren in der Pflege. Forschung zur beruflichen Bildung im Lebenslauf. Bielefeld: wbv, S. 245–264. ↩︎
- Hänel, Jonas, Küttner, Claudia, Strauß, Lucie (2024): ERPP-Studie Sachsen 2023. Ein multiperspektivischer Blick auf die Herausforderungen und Gestaltungsmöglichkeiten der praktischen Pflegeausbildung in Sachsen. Dresden: Technische Universität Dresden, Institut für Berufspädagogik, Professur für Gesundheit und Pflege/Berufliche Didaktik. ↩︎
- Ebd. ↩︎