Aktuelle Ausbrüche der Vogelgrippe bedrohen Wildvögel und führen zur massenhaften Tötung von Zuchtvögeln. Davon ist unter anderem der größte Legehennenbetrieb in Sachsen betroffen. Während über die Ursachen der Verbreitung gestritten wird, steigt die Gefahr von Mutationen weiter. Wie reagiert die Politik, und welche Auswege gibt es aus dieser Krise?
Mitten im Wald, zwischen Autobahn, Naturcampingplatz und Radeburger Heide, stehen 24 riesige Hallen. Jede ist etwa 120 Meter lang und beherbergt jeweils Tausende Hühner. Dazwischen befinden sich Forstwald, Holzstapel und Jagdhochsitze. Ohne die Vogelgrippe hätte die Öffentlichkeit vom größten Legehennenbetrieb Sachsens wohl nie etwas erfahren. Das änderte sich schlagartig am 19. Dezember, als bekannt wurde, dass im Betrieb Hühnerfarm Waldrose GmbH bei Radeburg über 300.000 Hühner getötet werden sollen. Laut der Tierbeseitigungsanlage (TBA) Sachsen handelte es sich dabei um den „größten Seuchenfall seit über 20 Jahren“, wie der MDR berichtete. Als einige Tage später ein weiterer Befund positiv ausfiel, wurde auch die „Nachzucht“ getötet. Allein aus diesem Betrieb waren es insgesamt 510.000 Tiere.
Neue Ausmaße der Seuche
Die Vogelgrippe ist mit voller Wucht wieder da. Nach den bis dahin größten Ausbruchswellen 2020/2021 in Europa, wird die neue Welle seit 2025 einen neuen Rekord aufstellen. Fast täglich gibt es neue Meldungen von betroffenen Betrieben. Aber eine bundesweite Übersicht von Behörden über die Anzahl betroffener Tiere gibt es nicht. Das Friedrich-Löffler-Institut (FLI), das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, veröffentlicht in seinem Tierseucheninformationssystem die gemeldeten Infektionen in Betrieben und bei Wildvögeln, ohne Angaben zur Anzahl getöteter Tiere. Auf Nachfrage teilt das Sächsische Sozialministerium mit, dass in „dieser Saison“ bis zum 23. Januar deutschlandweit über vier Millionen Tiere durch Keulungen getötet worden seien oder von selbst am Virus verstarben, davon etwa 525.000 in Sachsen. Doch woher kommt die Vogelgrippe überhaupt?
Entstehung in Massentierhaltung
Die Vogelgrippe ist eine Zoonose. Als Zoonosen werden Infektionskrankheiten bezeichnet, die von Bakterien, Parasiten, Pilzen, Prionen oder Viren ausgelöst werden und zwischen Tieren und Menschen übertragbar sind. Es gibt mindestens 200 Zoonosen, zu denen unter anderem Pest, Tuberkulose, Pocken, Masern, Ebola und AIDS zählen. Als Vogelgrippe wird die durch Viren ausgelöste Infektionskrankheit aviäre Influenza (AI) bezeichnet. Sie umfasst harmlosere (niedrigpathogene) und gefährlichere (hochpathogene) Varianten mit verschiedenen Subtypen. Der Begriff Geflügelpest bezieht sich jedoch nur auf die hochpathogenen Formen. Ausbrüche der Geflügelpest sind seit den 1990er Jahren aus der Intensivtierhaltung in asiatischen Ländern bekannt, seit 2005 auch außerhalb von Asien. Seit 2020 führen Ausbrüche auf mehreren Kontinenten zu einer Massensterblichkeit unter wilden Vögeln und Zuchtgeflügel. Laut der internationalen Tierschutzorganisation Compassion World Farming wurden seit 2020 über eine halbe Milliarde Zuchtvögel wegen Vogelgrippe gekeult, während Hunderttausende Wildvögel allein in der Pandemie 2022 starben.
Veterinärbehörden entscheiden individuell
Für Entscheidungen über Maßnahmen der amtlichen Tierseuchenbekämpfung „gelten die fachlichen Einschätzungen und Bewertungen des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI)“, schreibt das Sozialministerium. Zu den häufigsten Maßnahmen nach festgestellten Geflügelpest-Infektionen zählen die Keulung von Tieren sowie regional begrenzte Stallpflichten und die Ausweisung von Schutz- und Überwachungszonen. Über die konkrete Umsetzung entscheiden jedoch die jeweils zuständigen Veterinärbehörden der Landkreise und kreisfreien Städte vor Ort. Die Prävention und der Schutz der Tierbestände durch die Einhaltung der Sicherheitsstandards liegen aber zuerst in der Eigenverantwortung der Tierhalter und landwirtschaftlichen Betriebe, so das Ministerium. Ihren Beitrag zur Vorbeugung sieht die Behörde in einer erfolgten Informations- und Aufklärungskampagne.
Umstrittene Stallpflicht
Am 23. Januar galten in Sachsen zwei Sperrzonen in den Landkreisen Leipzig und Meißen, in denen eine Stallpflicht herrschte. Eine Aufstallungspflicht bedeutet, dass alle Tiere in geschlossenen Räumen untergebracht werden müssen. Die vier Quadratmeter Fläche, die Hühner in Freilandhaltung im Unterschied zur Bodenhaltung zur Verfügung haben, fallen damit weg. Über die Sinnhaftigkeit und Effektivität der Stallpflicht herrscht jedoch Uneinigkeit. Denn hochpathogene Viren können einerseits ebenso durch Futter, Maschinen, Kleidung und andere Gegenstände in die Ställe gelangen. Andererseits können sich die Viren in Massen eng beieinanderstehender und gestresster Tiere mit angeschlagenem Immunsystem besonders gut ausbreiten.
Haltungsbedingungen fördern Ausbreitung
Genetische Varianz, intakte Ökosysteme sowie Sonne und Wind hemmen die Übertragung von Viren unter Wildvögeln. Bei Nutztieren sind jedoch die Risiken einer Infektion durch Zucht und Haltungsbedingungen erheblich erhöht. Am Ende der Mastzeit leben bis zu 26 Hühner pro Quadratmeter in den Ställen mit zehntausenden Tieren. Das führt dazu, dass die Viren sich schneller verbreiten. Außerdem können sie sich schneller in gefährlichere Virenstämme verwandeln. Zusätzlich werden die Tiere anfälliger für eine Ansteckung, weil sie schwache Abwehrkräfte haben und genetisch homogen sind. Diese Homogenität entsteht durch die intensive Zucht auf konkrete körperliche Merkmale. Masthühner leiden durch extrem schnelles Wachstum in 30 bis 40 Tagen auf Schlachtgewicht unter Skelettproblemen, Atemnot und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Legehennen sind durch ihre hochgezüchtete Leistung von 300 Eier pro Jahr vor allem von Entzündungen des Legeorgans, Leberverfettungen, Eileiterentzündungen und zahlreichen Knochenbrüchen betroffen.



Ornithologie und Umweltverbände kritisieren Friedrich-Löffler-Institut
Als im Oktober 2025 in mehreren Bundesländern tausende tote Kraniche aufgesammelt wurden, erklärte das FLI das Verbreitungsgeschehen und die zeitgleichen Ausbrüche in Geflügelbetrieben wiederholt mit Wildvögelzügen. Ornithologen kritisieren diese Darstellung seit Jahren als einseitig und wissenschaftlich nicht belegt. Wildvögel seien weniger Verursacher der zahlreichen Ausbrüche, als Opfer der Geflügelindustrie und des FLI, dessen Einschätzungen zu einem falschen Handeln der Behörden führen würden.
Tatsächlich ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Wildvögel auch hochpathogene Influenzaviren verbreiten können, jedoch nicht, dass sie die Ursache von Ausbrüchen in der Nutztierhaltung sind. Als viel gefragter Interviewpartner bleibt Institutsleiter Prof. Martin Beer jedoch bei dieser Erklärung und begründete die massenhaften Keulungen sogar mit drohenden wirtschaftlichen Schäden für die Geflügelindustrie, wenn das Ausland keine deutschen Produkte und Tiere mehr abnehmen würde. Kein Wunder, dass Vogelschützer das FLI als Lobbyorganisation der Landwirtschaft bezeichnen. Inzwischen kritisieren auch der Naturschutzbund (NABU), der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und die Initiative Wildtierschutz Deutschland die prominente Rolle der sogenannten Wildvogelthese, ebenso wie die Stallpflicht und den Abschuss von Wildvögeln. Sie fordern stattdessen mehr Testungen, eine umfangreichere Erforschung zur Verbreitung der Viren auch in der Geflügelindustrie und eine unabhängige Behörde für Untersuchungen in Betrieben.

Keulungen als Standardmethode und Tierschutzproblem
Für das FLI gelten Keulungen von Nutztierbeständen als notwendige Seuchenbekämpfungsmaßnahme und als wichtig für den ökonomischen Schutz der Geflügelindustrie. Daher werden bei gemeldeten Infektionen einzelner Tiere die gesamten Bestände getötet.
Auf Nachfrage schreibt das Sächsische Sozialministerium, dass die Tötung durch Zufuhr von Kohlenstoffdioxid erfolgt, „bis es sicher zu Atemstillstand und Tod kommt“. Dabei sei ein schneller Bewusstseinsverlust und die Ausschaltung des Schmerzempfindens vor Eintritt des Todes sichergestellt. Tierärztin Kathrin Herrmann meint dazu, dass diese Darstellung ganz klar dem wissenschaftlichen Kenntnisstand widerspreche. Eine wissenschaftliche Auswertung zu Vergasungen von Legehennen aus Großbritannien ergab, dass CO₂ stärker reizend im Vergleich zu anderen Gasen für die Hühner war. Sie zeigten Luftnot, Keuchen, Kopfschütteln, schrille Lautäußerungen, Springen und Fluchtversuche – allesamt Merkmale eines Überlebenskampfs. Je nach Höhe der CO₂-Konzentration dauerte es bis zum Eintritt der Bewusstlosigkeit bis zu vier Minuten. Auch Aufnahmen von CO₂-Betäubungen aus Österreich zeigen, wie Hühner mit Luftnot und Panik reagieren.
Aufnahmen zeigen offensichtliches Tierleid
Anna Schubert, Agrarwissenschaftlerin bei der Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch (ARIWA), sagt, dass die der Organisation bekannten Aufnahmen von Betäubungen und Tötungen mit CO₂ deutliche Anzeichen von Stress, Abwehrreaktionen und Leiden bei den Tieren zeigen. Denn Kohlendioxid führe zu Erstickungsgefühlen und reagiere auf den Schleimhäuten zudem zu Kohlensäure, was starkes Brennen und Schmerzen auslöst. „Leider ist davon auszugehen, dass die Situation bei Keulungen sogar noch belastender ist, da die Tiere nicht mehr als Produkt, sondern faktisch als zu entsorgender Abfall behandelt werden. Das macht einen noch gröberen Umgang und zusätzliche Qualen wahrscheinlicher. Daher können Keulungen weder als tierschutzgerecht noch als schmerzarm bewertet werden“, sagt Schubert. Schon das Einfangen der Tiere, um sie in Gasbehälter von Lkws zu vergasen oder für den Transport zum Schlachthof in Kisten zu stecken, sei mit Angst, Stress und Verletzungen wie Flügelbrüchen verbunden, wie zahlreiche Aufnahmen zeigen. Auch in Schlachthöfen sei der Umgang mit Geflügeltieren oft sehr grausam. Zudem greife die Frage nach der besten Tötungsmethode zu kurz und lenke vom eigentlichen Problem ab: „Dass Tiere überhaupt gezüchtet, benutzt und getötet werden“, findet Schubert. Die Vogelgrippe mache nur sichtbar, dass Tiere ohnehin als austauschbare Ware behandelt würden, deren Leben nichts zähle. Eine aktuelle Recherche vom Februar zeigt Bilder aus einer brandenburger Entenmast.
Der Sächsische Landesbauernverband betont hingegen, dass Keulungen unter veterinärmedizinischer Aufsicht und nach tierschutzrechtlichen Vorgaben erfolgen. Für die betroffenen Betriebe sind sie eine enorme wirtschaftliche und vor allem emotionale Belastung. Tatsächlich werden den betroffenen Betrieben die entstandenen Kosten bisher vollständig erstattet.
Kosten-Nutzen-Abwägungen bei Testungen und Impfungen
Zum Schutz von Wildvögeln und gezüchteten Tieren fordern Ornithologen, Tierschützer:innen und Tierärzt:innen umfangreichere Tests, und zwar nicht nur bei lebenden Tieren vor der Ausstallung und vor Transporten sowie bei Tiefkühlgeflügel, sondern auch bei Kot vor dem Transport und der Ausbringung in die Landschaft sowie im Abwasser der Tierfabriken. Dies sei notwendig, um den Austausch von Erregern zwischen den Betrieben über Futter-, Tier-, Mist- oder Kadavertransporte zu erschweren und Wildvögel vor kontaminiertem Dünger zu schützen. Gegen eine so umfangreiche Ausweitung der Testungen argumentiert das FLI mit den damit verbundenen Kosten und Ressourcen sowie den zusätzlichen Risiken durch den vermehrten Personenverkehr. Das Sächsische Sozialministerium antwortet auf die Frage ähnlich ablehnend, da Testungen entlang der Transport- und Lieferketten sowie von Futter und Abwasser erhebliche personelle und finanzielle Ressourcen binden würden. Ökonomische Gründe scheinen somit ein wichtiges Argument zu sein.
In der EU sind Impfungen von Geflügel zwar unter strengen Auflagen möglich, werden in Deutschland aber bisher nicht eingesetzt. Martin Beer vom FLI begründet die Zurückhaltung bei der Impfung in der kommerziellen Geflügelzucht in Deutschland unter anderem mit hohem Aufwand, Kosten sowie wirtschaftlichen Schäden. Laut Sozialministerium ist Sachsen jedoch in einer Expertengruppe vertreten, die ein Impf-Pilotprojekt mit einem Geflügelzuchtbetrieb vorbereiten und umsetzen soll, sowie in einer Bund-Länder-AG, die einen Musterimpfplan erstellen will.
Ausbreitung von Zoonosen durch Flächenverbrauch und Fleischkonsum
Während Massentierhaltung und globaler Tierhandel weiter ansteigen, nehmen auch die Anzahl und die Schwere von Seuchen wie Zoonosen weltweit zu. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge erkrankten bereits vor der Corona-Pandemie jährlich 2,5 Milliarden Menschen an Zoonosen, 2,7 Millionen Menschen starben daran. Ein Bericht des Weltbiodiversitätsrates IPBES stufte das Potenzial für neue globale Epidemien im Jahr 2020 als immens ein. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) sagt, dass die Zerstörung der Natur durch Jagd, den Handel mit Wildtieren sowie die Ausweitung der Land- und Forstwirtschaft den Kontakt zwischen Wildtieren, Nutztieren und Krankheiten sowie Menschen erhöht. Dadurch können neue Krankheiten entstehen, die von Tieren auf Menschen übertragen werden. Jedoch sei der global wachsende Konsum von Tierprodukten der bedeutendste Treiber für das Auftreten neuer Pandemien. Obwohl bereits jetzt 83 Prozent der weltweiten Agrarflächen für die Erzeugung von Tierprodukten verwendet werden, die zudem nur 18 Prozent der globalen Kalorien liefern, steigt der Fleischkonsum global weiter. Von 1970 bis 2020 hat sich die Geflügelfleischproduktion von 15,1 Millionen Tonnen auf 137 Millionen Tonnen verachtfacht. Für die Schaffung von Flächen für den Futtermittelanbau werden Ur- und Regenwälder gerodet – auch für den deutschen Geflügelmarkt. Seit der Jahrtausendwende wuchs die deutsche Hühnerfleischproduktion um fast 90 Prozent.
Übertragungsrisiken für Menschen könnten steigen
Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden seit 2003 weltweit über 2.800 Infektionen bei Menschen nachgewiesen, wobei 1.100 Menschen starben. Das sind sehr wenige Übertragungen, wenn man bedenkt, dass Millionen Menschen in den letzten drei Jahrzehnten mit dem Virus in Kontakt gewesen sein könnten. Etwa 40 von 100 Menschen sterben nach einer Infektion, viel mehr als bei Covid-19.
Laut Robert Koch-Institut (RKI) sind Vogelgrippe-Viren bisher nicht gut an Menschen angepasst. In Deutschland ist bislang keine Erkrankung bei Menschen bekannt. Insgesamt gilt das Ansteckungsrisiko also noch als gering. Aber auch wenn den aktuell bekannten Vogelgrippe-Viren die entscheidenden Eigenschaften für Mensch-zu-Mensch-Übertragungen noch fehlen, schließen Forscher nicht aus, dass sie diese noch erwerben können. Sollte das Virus diese Eigenschaften entwickeln, drohen viele Millionen Tote.
Wege aus der Krise
„Um die Entstehung und Ausbreitung von Zoonosen zu senken, muss die Zahl der Tiere reduziert werden”, sagt Tanja Niggemeier von der Organisation Faba-Konzepte, die sich mit einer gerechten Transformation von Landwirtschaft und Ernährung beschäftigt. Nur durch eine pflanzenbasierte Ernährung könne der Flächenverbrauch, die Abholzung von Wäldern und die landwirtschaftlichen Treibhausgase deutlich gesenkt werden. Damit stünde ein Großteil der globalen Agrarflächen für andere Nutzungen oder Renaturierungen zur Verfügung, was zu mehr Arten-, Umwelt- und Klimaschutz beitragen würde. Das würde der Ausbreitung von Zoonosen entgegenwirken. „Würden die Tierzahlen drastisch sinken, hätte das enorme Vorteile für die Umwelt, das Klima und die Gesundheit von Tieren und Menschen“, sagt Niggemeier. „Die Tierindustrie verursacht zudem unermessliches Tierleid. Es wird Zeit, ein pflanzenbasiertes Ernährungssystem voranzutreiben.“
Maria Schulze ist Kunsthistorikerin und forscht zu Geschlechter- und Mensch-Tier-Verhältnissen in Kunst- und Kulturgeschichte. Als freie Autorin schreibt sie über Kunst, Klima- und Naturschutz, Tierrechte oder Feminismus.
