Der Wald im Freistaat befindet sich in einem gesundheitlichen Belastungstest. Hitze, Stürme, Borkenkäferbefall und zu wenig Niederschlag stellen die Forstwirtschaft vor große Herausforderungen. Nach aktuellem Stand ist weiterhin keine Entspannung in Sicht.
Etwa 35 Prozent der Bäume in Sachsens Wäldern sind deutlich geschädigt, 40 Prozent weisen geringe Verluste auf und nur bei 25 Prozent sind keine offensichtlichen Schäden erkennbar. Das geht aus der aktuellen Waldzustandserhebung des Freistaats hervor, die Ende 2025 veröffentlicht wurde. Dabei wurde der Kronenzustand von 6.800 Bäumen bewertet und mit Daten vorheriger Kontrollen verglichen.1 Das zeigt den Gesundheitszustand der Bäume: Je fitter sie sind, desto widerstandsfähiger reagieren sie auf Umwelteinflüsse wie Hitze, Trockenheit oder Sturm.
Die Waldfläche in Sachsen beträgt 521.093 Hektar.2 Das heißt, die Landeshauptstadt Dresden würde etwa 16-mal hineinpassen. Den größten Anteil daran haben Nadelbäume wie die Fichte (35 Prozent) und die Kiefer (31 Prozent). Unter den Laubbaumarten führt die Birke (7 Prozent), gefolgt von Eiche (6 Prozent) und Buche (3 Prozent).3


Fichtensterben und Eichennot
In den letzten Jahren hat der Borkenkäfer besonders Fichten massiv beschädigt und riesige Bestandsflächen zerstört. Zwar zeigt der aktuelle Waldzustandsbericht, dass die Menge an abgestorbenem Holz sinkt. Doch ist diese Nachricht mit Vorsicht zu genießen: Denn es gibt schlichtweg nicht mehr genug Fichten, die der Käfer noch befallen könnte. Auch wenn die Zahlen also nach unten gehen, steckt der Wald immer noch in einer Krise, wie wir sie in den letzten 200 Jahren nicht erlebt haben.4
Seit Kurzem gerät zudem eine weitere Baumart unter Druck: die Eiche. Aktuell ist sie die Baumart, deren Gesundheitszustand sich am dramatischsten verschlechtert. In den sächsischen Forstrevieren weisen nur noch fünf Prozent der Eichen keine Schäden auf. Dabei gilt die Eiche eigentlich als Hoffnungsträger im Klimawandel, da sie vergleichsweise gut mit Trockenheit zurechtkommt – insbesondere die Traubeneiche.5 Doch ausgerechnet diese Trockenheit wird ihr nun zum Verhängnis. Unter diesen Bedingungen können sich Schädlinge wie der Eichensplintkäfer und der Eichenprachtkäfer rasch ausbreiten. Inzwischen sind knapp drei Viertel aller Eichen deswegen deutlich geschädigt.6

Was auf dem Spiel steht
Ist der Wald intakt, ist er ein unverzichtbarer Helfer gegen den Klimawandel, besonders in seiner Rolle als Luftfilter. Bäume sind in der Lage, neben Schadstoffen und Feinstaub auch das CO₂ der Umgebung aufzunehmen und einen Teil davon als Kohlenstoff in ihrem Holz zu binden.7 Damit sind Wälder neben Mooren wichtige Speicher von schädlichen Treibhausgasen.8 Wenn die Bäume absterben, kehrt sich dieser Effekt um: Beim Zerfall des Totholzes wird der zuvor gebundene Kohlenstoff wieder freigesetzt. Das ist ein natürlicher Prozess. Totholz ist gleichzeitig ein wichtiger Lebensraum für viele verschiedene Tierarten. Ob ein Wald CO₂-Speicher oder CO₂-Quelle ist, hängt ganz von der Bilanz aus CO₂-Bindung und -Freisetzung durch den Baumbestand und dessen Waldboden ab. Insbesondere der Befall durch Borkenkäfer oder Brände stellen ein massives Risiko dar.9
Das Ökosystem ist auch für die Entstehung von Grundwasser unverzichtbar. Der Waldboden speichert große Mengen Wasser und leitet Überschüsse gefiltert in tiefere Schichten weiter.10 Parallel dazu wirkt die Bewaldung als Erosionsschutz: Die starke Durchwurzelung des Bodens verhindert, dass er durch Wind oder Wasser abgetragen wird. Während im Sommer vor allem der kühlende Temperaturausgleich die Lebensqualität erhöht, bietet der Wald auch weitere Vorteile. Der Aufenthalt im Grünen fördert nachweislich Gesundheit und Erholung. Doch die Bedeutung des Ökosystems reicht über den Freizeitwert hinaus: Als Rohstofflieferant schafft der Wald Arbeitsplätze und begegnet uns in Form von Holzprodukten nahezu täglich.11
Mission Waldumbau: Vielfalt statt Reinbestand
Die Ergebnisse der Waldzustandserhebung überraschen Dr. Ulrich Pietzarka nicht. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur für Forstbotanik an der Technischen Universität Dresden und wissenschaftlicher Leiter des forstbotanischen Gartens in Tharandt. „Die Probleme sind der Forstbranche schon länger bekannt, aber es ist dem Berufsfeld nicht möglich kurzfristig zu handeln“, erklärt er und ergänzt: „In der Forstwirtschaft denkt man nicht in einzelnen Jahren, sondern in Generationen – oft blickt man 100 Jahre und mehr voraus.“ Etliche Hektar jetzt dem Boden gleichzumachen und neu zu bepflanzen, sei wenig hilfreich. Benötigt wird ein großflächiger Waldumbau, denn angesichts des Klimawandels wäre es in 100 Jahren zu spät. Pietzarka versichert: „In der Forstbranche wird bereits gehandelt.“
Er sieht auch eine große Chance in der Integration nicht-heimischer Baumarten. In reinen Wirtschaftswäldern ist das durchaus denkbar. In Schutzgebieten wie Nationalparks hingegen nicht, da dort besondere Auflagen gelten. Vielfalt bedeutet auch immer Risikostreuung und ist somit das Gegenteil von Reinbeständen. Als wissenschaftlicher Leiter des Forstbotanischen Gartens verfolgt er die Entwicklung unterschiedlichster Baumarten. Auf 35 Hektar wachsen über 3.200 Pflanzenarten von allen Kontinenten. Dabei haben sich bereits einige nicht-heimische Baumarten als potenziell klimafest erwiesen. Zwar kann die Einrichtung nur begrenzt und ausschließlich auf lokaler Ebene Aussagen darüber treffen, dennoch teilt sie ihre Erkenntnisse mit Wissenschaftler:innen, die daran weiterforschen. Dr. Ulrich Pietzarka betont jedoch auch, dass der Einfluss nicht-heimischer Arten auf unsere Pflanzenwelt noch nicht ausreichend erforscht ist.
Die Mischwald-Offensive
Um den Wald für die Zukunft zu wappnen, setzt der Freistaat auf einen Umbau zu klimastabilen Mischwäldern. Das Ziel besteht darin, anfällige Nadelholzreinbestände in artenreiche Laubmischwälder umzuwandeln, da diese deutlich widerstandsfähiger gegenüber Schädlingen und Extremwetter sind. Ein Fokus liegt dabei auf verschiedenen Eichenarten sowie der Buche und der Weißtanne, die zukünftig weiter etabliert werden sollen. Dabei soll auch der Prozess der Naturverjüngung gezielt gefördert werden: Statt ausschließlich neue Setzlinge zu pflanzen, sollen junge Bäume aus den Samen der Altbäume vor Ort heranwachsen. Das führt zu einer besonders stabilen und standortgerechten Bewurzelung.12
Das Sächsische Staatsministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft hat gemeinsam mit dem Sachsenforst 18 Beispielreviere veröffentlicht, die als Vorreiter für naturgemäße Waldbewirtschaftung dienen. Eines dieser Leuchtturmprojekte ist das Forstrevier Collm im Wermsdorfer Wald bei Leipzig. Einst geprägt von monotonen Nadelholzbeständen, setzen die Verantwortlichen heute konsequent auf ökologische Stabilität, Artenvielfalt und Klimaanpassung. So wuchs in den letzten 30 Jahren ein struktur- und artenreicher Mischwald heran. Das Revier dient nicht nur als praktisches Beispiel für eine gelungene Waldentwicklung, sondern auch als Ort des Lernens und des Austauschs: Exkursionen und Fortbildungen zeigen das Vorbild neugierigen Waldbesitzer:innen und Fachleute im ganzen Freistaat.13

Was jede:r tun kann
Rund 39 Prozent der Waldfläche in Sachsen gehören dem Freistaat. 46 Prozent sind Privatwald.Die Aufgaben des Waldumbaus sind umfangreich.Das macht kleine Taten aber nicht wirkungslos. Neben einem respektvollen Umgang mit dem Wald und seinen Bewohnenden, ist es möglich, regionale Pflanzaktionen zu unterstützen.
Es ist ebenso wichtig, sich mit dem Ökosystem insgesamt auseinanderzusetzen und die zahlreichen Facetten und Funktionen des Waldes zu verstehen.
Dr. Ulrich Pietzarka befürwortet zudem eine sachliche Auseinandersetzung mit der Branche der Forstwirtschaft, denn schließlich stecke immer noch der Begriff „Wirtschaft“ darin. In Fachkreisen spricht man auch gerne vom „Schlachthausparadoxon“: Während der Rohstoff Holz sehr positiv besetzt ist, ist das Fällen von Bäumen stark verpönt. „Das sind Entscheidungen, die wir als Gesellschaft treffen müssen“, betont Pietzarka. „Wenn wir nur noch Holz importieren, dann exportieren wir Probleme.“ Im schlimmsten Fall bedeutet das die Abholzung von noch mehr Regenwald oder anderen verwundbaren Regionen.
Letztlich ist der Erhalt der sächsischen Wälder ein Zusammenspiel aus staatlicher Forstpolitik und zivilgesellschaftlichem Bewusstsein. Wer sich über die rein theoretische Debatte hinaus mit inspirierenden Ansätzen befassen möchte und der Frage auf den Grund gehen möchte, Wie man illegal einen Wald pflanzt, findet hier die passende Lektüre.
- Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft: Waldzustandserhebung, auf: wald.sachsen.de. ↩︎
- Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft: Daten zum Wald, auf: wald.sachsen.de. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft: Waldzustand, auf: wald.sachsen.de. ↩︎
- Höltken, Aki Michael; Hardtke, André: Eichenarten im Klimawandel: Unterschätzte Anpassungspotenziale?, auf: nw-fva.de. ↩︎
- Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft: Waldzustand, auf: wald.sachsen.de. ↩︎
- Bolte, Andreas; Ammer, Chrisitan; Annighöfer, Peter; Bauhus, Jürgen; Eisenhauer, Dirk-Roger; Geissler, Corinna; Leder, Bertram; Petercord, Ralph; Rock, Joachim; Seifert, Thomas; Späthelf, Peter: Fakten zum Thema: Wälder und Klimaschutz, auf literatur.thuenen.de (11/2021). ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Stiftung Unternehmen Wald: Funktionen des Waldes, auf: wald.de. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Staatsbetrieb Sachsenforst: Waldumbau mit einfachen Mitteln, auf: publikationen.sachsen.de (20.02.2023). ↩︎
- Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft: Beispielreviere, auf: wald.sachsen.de. ↩︎