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Was bleibt von der Kulturhauptstadt?

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Auf den ersten Blick ist das Kulturhauptstadtjahr ein voller Erfolg für Chemnitz: Tourist:innen strömen in die Stadt, Museen und Kulturfestivals melden Besucherrekorde. Insgesamt 115 Millionen Euro wurden für das Projekt bereitgestellt, das offiziell im November endet. Aber aus der Kulturszene in Chemnitz kommt Kritik und einige fragen sich: Was wird vom Prestigeprojekt langfristig bleiben?

Wenn Stefan Schmidtke auf die letzten vier Jahre zurückblickt, wirkt er zufrieden. Chemnitz ist Europäische Kulturhauptstadt. Das Projekt, sagt der Kulturmanager und Dramaturg, habe Menschen zusammengebracht, die sonst nie miteinander ins Gespräch gekommen wären. Es habe Leute an Kultur herangeführt, die vorher wenig damit zu tun gehabt hätten.

Schmidtke ist Programmgeschäftsführer der städtischen Tochtergesellschaft Chemnitz 2025 gGmbH. An seinem Arbeitsort, der ehemaligen Hartmannfabrik, wurden früher Spinnereimaschinen gebaut. Heute plant und organisiert sein Team dort das kulturelle Prestigeprojekt.

Programm soll von den Chemnitzer:innen kommen

Der Kulturmanager ist seit 2021 dabei, kümmert sich um die Finanzierung und organisiert den Prozess, der Chemnitz – zumindest zeitweise – zur Kulturmetropole machen soll. Vor allem aber, sagt er, wurden die Chemnitzer:innen bereits im Bewerbungsprozess eingeladen, das Programm für 2025 selbst zu gestalten. Er und sein Team haben sie dabei unterstützt, sagt Schmidtke.

Wenn man ihn fragt, was langfristig vom Festjahr bleiben wird, holt er aus. Im Moment sei man in einem „Analyse-Moment“ und stimme sich zu „den größeren strategischen Horizonten“ ab. Auch die Frage, wie man die 38 Kommunen im Chemnitzer Umland einbindet, werde diskutiert.

Für ihn steht aber fest, dass „wir jetzt schon in einer anderen Stadt leben.“ Das Großprojekt Europäische Kulturhauptstadt habe „sehr viel Selbstbewusstsein und Selbstermächtigung“ mit sich gebracht. „Das verändert die Menschen“, sagt er – unabhängig davon, wie es nach 2025 weitergeht.

Film ab in Chemnitz-Siegmar

Ines Baumann ist skeptischer, wenn sie über die Zukunft nachdenkt. Sie arbeitet in der Filmwerkstatt Chemnitz, einem Verein, der junge Filmtalente von der Filmidee bis zum fertigen Streifen begleitet. Es ist eine kleine Nachwuchsschmiede, schildert Baumann und erzählt stolz, dass ein ehemaliger Absolvent heute etwa an der Tatort-Reihe und erfolgreichen Spielfilmen mitarbeitet. Andere sind Regisseur:innen und Drehbuchautor:innen geworden. Der Verein betreibt außerdem ein beliebtes Programmkino im Stadtteil Siegmar.

Als 2020 bekannt wurde, dass Chemnitz eine der Europäischen Kulturhauptstädte werden würde, war sie wie viele andere Kulturschaffende euphorisch, erinnert sie sich. Sie wollte mit ihren jungen Filmemacher:innen von Anfang an dabei sein und schlug eine ganze Reihe von Filmprojekten vor.

„Ich wäre zum Beispiel gerne auf die Straße gegangen, hätte Interviews mit den Bewohnern der Stadt gemacht, weil jeder eine Geschichte zu erzählen hat“, erklärt Baumann. Schließlich sei auch die Perspektive von Menschen interessant, die nur wenig mit Kunst und Kultur verbindet.

Wir wollen nicht nur meckern, dann wären wir wie die anderen.

Ines Baumann

Lokaler Kultur-Verein geht leer aus

Aber daraus ist nichts geworden. Nach anfänglichem Interesse seien sie und ihre Mitstreiter:innen von den Entscheidungsträgern der Kulturhauptstadt ignoriert worden. Kein einziges Projekt der Filmwerkstatt habe Mittel aus den Fördertöpfen der Kulturhauptstadt erhalten: „Alles praktisch gecancelt.“

„Wir wollen nicht nur meckern, dann wären wir wie die anderen“, sagt sie mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen. Der Kulturhauptstadt-Prozess bewirke auch viel Positives, findet die „Filmwerkstättlerin“. Die vielen Tourist:innen veränderten das Image der Stadt, auch die Chemnitzer:innen profitierten vom Austausch und bei so manchem wecke das Jahr vielleicht auch ein langfristiges Interesse an Kultur, glaubt Baumann.

„Aber wir hatten uns erhofft, mehr involviert zu werden, gemeinsam Ideen zu spinnen“, sagt Baumann etwas resigniert. Die Filmemacherin glaubt nicht, dass die lokale Kulturszene in Chemnitz gut in das Großprojekt Kulturhauptstadt eingebunden worden ist. „Mit uns hat gar keiner geredet“, erinnert sie sich.

Kritik: Es fehlt an festen Strukturen

Auch Aktive aus anderen Kulturvereinen in Chemnitz teilen diesen Eindruck: Kim Brian Dudek leitet das Kunstfestival Pochen Biennale. „Man hat nicht nachhaltig die Träger aufgebaut, sondern die gGmbH“, sagt Dudek. Er befürchtet, dass nach dem Kulturhauptstadtjahr eine Lücke in Chemnitz klaffen wird. Denn: Was aus der Firma nach dem Festjahr wird, steht noch nicht endgültig fest. Es ist jedoch absehbar, dass sie stark schrumpfen wird. Kim Brian Dudek fragt sich, wer dann die Rolle der gGmbH übernehmen wird. Aktuell sei die Firma eine zentrale Schnittstelle für die Kultur in Chemnitz, organisiere und koordiniere, was in der Szene passiert. Zum Beispiel sei die Firma 2025 federführend für die Organisation des Stadtfestivals Kosmos Chemnitz gewesen.

Der Projektleiter freut sich zwar über die Aufmerksamkeit, die Chemnitz und seinen Kulturschaffenden aktuell zuteil wird. Aber trotz der Besucherströme und Fördermittel, die in die Kulturhauptstadt fließen, zweifelt er daran, ob die Köpfe des Projekts einen tragfähigen Plan für die Zukunft haben: „Ich glaube, dass der Moment liegen gelassen wurde, nach vorne zu schauen, sich zu fragen, was man will.“

Obwohl 2025 die Kultur in der ehemaligen Industriestadt gefeiert wird, scheint wenig Nachhaltiges aufgebaut zu werden, und man fragt sich, ob es an der Strategie der Entscheidungsträger des Projekts liegt oder an der Art und Weise, wie die Fördermittel verteilt werden.

Prestigeprojekte statt Nachhaltigkeit

Sören Uhle ist heute wohl einer der unverblümtesten Kritiker der Kulturhauptstadt-Macher:innen. Uhle ist kein Künstler, sondern Kaufmann, aber er kennt die Szene in der westsächsischen Stadt gut. Er leitete jahrelang die städtische Tourismus-Gesellschaft CWE und spielte eine wichtige Rolle bei der Bewerbung zur Kulturhauptstadt.

Haben die Stadtpolitik und der Oberbürgermeister irgendwas strukturell in dieser Stadt verankert, auf das wir langfristig aufbauen können?

Sören Uhle

Das Jahr 2025 habe das Image der Stadt nachhaltig verbessert, aber man sei dennoch den falschen Zielen gefolgt, sagt Uhle: Statt die Kulturwirtschaft auf lange Sicht zu stärken, hätten sich die Organisator:innen in einmaligen Veranstaltungen und prestigeträchtigen „Leuchtturm“-Projekten verrannt. „Haben die Stadtpolitik und der Oberbürgermeister irgendwas strukturell in dieser Stadt verankert, auf das wir langfristig aufbauen können?“, fragt er frustriert.

Kulturhauptstadt-Firma kommt nicht aus der Mitte der Stadt

Das Problem: Die für die Programmplanung und Mittelverteilung zuständige Chemnitz 2025 gGmbH habe – entgegen ihres formulierten Vorhabens – die lokalen Kulturschaffenden nicht eingebunden: „Das Team hat überhaupt nicht die Stadtgesellschaft abgebildet. Die sind 2026 alle wieder weg. Ich brauche aber die, die anerkannt, die vernetzt sind, die in der Kulturszene aktiv sind und die nach 2025 noch da sind und Verantwortung tragen.“

Dabei hätten Kulturschaffende und Künstler:innen aus Chemnitz viele Aufgaben der Tochterfirma stemmen können, da ist sich Uhle sicher. Man hätte die üppigen Mittel allerdings verschieben müssen, sagt er. Die Macher:innen der Kulturhauptstadt hätten so eine entscheidende Chance vertan: mit dem Festjahr den angeschlagenen Kulturbereich in der Stadt langfristig zu stabilisieren.

Düstere Zukunft trotz Kulturhauptstadt

Vereine und Träger von Kulturprojekten in Chemnitz sind von massiven finanziellen Kürzungen betroffen – einige stehen vor dem Aus. Dabei fließen rund 115 Millionen Euro in die Kulturhauptstadt. 33 Millionen Euro stammen aus der Stadtkasse, jeweils 25 Millionen kommen von Freistaat und Bund, wie die Stadtverwaltung mitteilt. Dazu kommen Drittmittel in Höhe von 31 Millionen Euro: 1,5 Millionen Euro von der Europäischen Union, sowie 7,5 Millionen Euro von Firmen-Sponsoren und ein zweistelliger Millionenbetrag aus verschiedenen Förderprogrammen.

115 Millionen Euro Fördermittel

Über die genauen Ausgaben für das Kulturhauptstadtjahr sind bisher nur einzelne Zahlen an die Öffentlichkeit gedrungen. Die Stadtverwaltung und deren Tochterfirma halten sich zu dem Thema bedeckt. Wie die Freie Presse berichtet, schlug beispielsweise die Eröffnungsfeier im Januar mit 2,5 Millionen Euro zu Buche und das Online-Marketing habe 8,4 Millionen Euro gekostet.1

Die Stadt finanziert mit 57 Millionen Euro eine ganze Reihe von Infrastruktur- und Bauprojekten. Dazu zählen unter anderem die Veranstaltungsfläche Garagencampus oder das neu eröffnete Museum im Karl Schmidt-Rottluff Haus.2

Die genauen Kosten für einzelne Programmpunkte oder die Betriebskosten der Chemnitz 2025 gGmbH, die immerhin 90 Mitarbeiter:innen beschäftigt, werden hingegen nicht öffentlich gemacht. Sören Uhle hält dieses Vorgehen für intransparent. Eine Kritik, der sich Ines Baumann von der Filmwerkstatt anschließt: „Ich will Zahlen sehen!“

Ausgaben bleiben aus juristischen Gründen geheim

„In Vertragsfällen sind Rechte von Drittparteien betroffen und deshalb wird darüber nicht gesprochen“, sagt Stefan Schmidtke. Intern werde darüber aber genaue Rechenschaft abgelegt, versichert er.

Stefan Schmidtke hat die Kulturhauptstadt-Firma 2021 mit aufgebaut. Schmidtke sagt, er hätte die lokalen Kulturakteure damals gerne stärker in die Organisation des Projektes eingebunden. Aber das sei schlicht nicht realisierbar gewesen.

Zu groß wären der bürokratische Aufwand und zu gegensätzlich die Interessen der vielen Träger gewesen, wenn man keine zentrale Firma geschaffen hätte. Wäre ein runder Tisch, statt der gGmbH, möglich gewesen? „No way“, sagt der Theatermann, nicht bei der komplexen Zusammensetzung der Fördermittel.

Schmidtke betont zudem, dass die Auswahl der geförderten Projekte in einem „kompetitiven Verfahren“ von Fachbeiräten getroffen wurde. Das betreffe die Vorhaben, die zusätzlich zu den im Bewerbungsverfahren formulierten Projekten ins Programm kamen. Sprich: Projekte, die außen vor gelassen worden sind, wurden als nicht gut genug erachtet.

Unser Auftrag war, möglichst viel an die Leute zu geben, damit die das Projekt als ihr eigenes erleben.

Stefan Schmidtke

Das Programm der Kulturhauptstadt kam dennoch aus der Stadtgesellschaft, sagt Schmidtke. Die Rolle der gGmbH sei es gewesen, „möglichst viel an die Leute zu geben, damit die das Projekt als ihr eigenes erleben“. Insgesamt seien auf diese Weise 229 Projekte zusammengekommen. Aber auch die von einigen bemängelten Lücken seien so entstanden. Er könne nichts tun, „wenn etwas nicht aus der Stadt kommt“. Diejenigen, die das Programm kritisieren, sagt der Geschäftsführer, „müssen es doch von sich selber verlangen, nicht von mir“.

  1. Kassner, Jens: Chemnitz 2025: Was kostet die Kulturhauptstadt und wer bezahlt was?, auf: freiepresse.de (5.3.2025). ↩︎
  2. auf: www.chemnitz.de/de/kultur/kulturhauptstadt-2025 ↩︎

Autor:in

  • Tim Schulz

    Redakteur

    Wahl-Chemnitzer mit ostdeutschen Wurzeln: Seit zehn Jahren hier, halbtags beim MDR, ganztags mit trockenem Humor bewaffnet.

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