13 Jahre nutzte der NSU Sachsen als Basis und Rückzugsraum.
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Wie Chemnitz zum Rückzugsraum des NSU wurde

Nachdem sie untergetaucht waren, lebte das NSU-Kerntrio jahrelang in Chemnitz. Warum konnten sich die drei ausgerechnet hier neu organisieren? Ein Gespräch im NSU-Dokumentationszentrum über Neonazi-Netzwerke, staatliches Versagen und die Frage, wie eine Stadt damit umgeht.
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Welche Rolle hat Chemnitz im NSU-Komplex gespielt? 

Jörg Buschmann: Chemnitz war im Januar 1998 der erste Anlaufpunkt für das Kerntrio nach der Flucht aus Jena, wo sie auf frischer Tat beim Bombenbau ertappt worden waren. Die zeitlichen Verzögerungen bei den Ermittlungen boten ihnen jedoch die Gelegenheit zu flüchten. Zwischen dem Kerntrio und den Akteuren in Chemnitz bestand bereits eine langjährige Beziehung. Auch der Sprengstoff, der in Jena gefunden wurde, stammte von einem Akteur aus Sachsen. In Chemnitz hatten sie alles, um sich weiter zu formieren.

Sie haben dort ein Netzwerk gefunden, das sie bei der Beschaffung von falschen Identitäten und Wohnraum unterstützt hat. Es hat eine belegte Waffenübergabe einer Česká-Pistole gegeben – vermutlich auch mehrere. Sie haben hier einen ersten Überfall im Heckert-Gebiet durchgeführt, um Geld zu beschaffen. Sie haben ausgehend von Chemnitz den ersten Bombenanschlag durchgeführt. Der hat in Nürnberg stattgefunden, wofür eine Taschenlampe zur Rohrbombe umgebaut worden war. Und das Ganze hat nicht im Geheimen stattgefunden, sondern in einem Neonazi-Netzwerk, das hier vor Ort schon existiert hatte, aus dem sie Leute für bestimmte Aufgaben rekrutiert haben. 

Gab es noch andere lokale Strukturen, die Chemnitz für das Kerntrio attraktiv machten? 

Elisabeth Desta: Es hat viel mit dem Fall der Mauer zu tun und den Umstrukturierungen, die darauf folgten. Das Trio ist im Fritz-Heckert-Gebiet untergekommen. Dort gab es viel Freiraum und wenig Präsenz von staatlicher Seite. 

Buschmann: Chemnitz war ein besonderer Fall. Die Neonazi-Strukturen waren ausgeprägt, es war ein großes Netzwerk. Es war anders organisiert als das Umfeld in Thüringen, wo das Kerntrio herkam. Dort war es eher eine hierarchische Parteistruktur, hier ging es in Richtung Subkultur. Es gab sehr starke rechtsextreme Musik-Labels, einige Hauptakteure waren in Chemnitz angesiedelt. Chemnitz war ein wichtiger Netzwerkpunkt. Nicht nur lokal und regional, sondern auch bundesweit und international.

Chemnitz war ein Netzwerkpunkt. Nicht nur lokal und regional, sondern auch bundesweit und international. Sie haben hier gelernt, anders zu denken, sich im Untergrund zu organisieren.

Das Kerntrio hat hier gelernt, anders zu denken, sich im Untergrund zu organisieren. Im Sinne des Konzepts des führerlosen Widerstands. Die Strukturen waren nicht hierarchisch, sondern hatten eher Zellen- und Netzwerkcharakter. Sie versuchten, selbstständig zu agieren, sich ihre Strukturen aufzubauen und die Leute nur nach Bedarf einzuweihen. Die Szene war dezentral organisiert.

Welche Verantwortung trägt die Stadt Chemnitz? 

Buschmann: Der bekannteste Ort war der Jugendclub Piccolo im Heckert-Gebiet, wo es den Neonazis gelungen ist, die Strukturen für sich zu nutzen. Das war ein städtischer Betrieb. Aber die Angestellten hatten prekäre Arbeitsbedingungen: geringe Kapazitäten, inhaltliche Überforderung, Verkennen der Probleme. Der Jugendclub tauchte auf einer Telefonliste des Trios auf, die bei einer Durchsuchung der Garagen gefunden wurde. Es war klar: Dort treffen sich die Chemnitzer Neonazis, es gibt eine direkte Verbindung zu städtischen Behörden.

Zu wenige Leute hatten den Nerv, hinzuschauen, viele hatten mit den eigenen Problemen zu kämpfen. Die Behörden haben es nicht so ernst genommen. Es gab schon Reaktionen, aber diese waren nicht adäquat. Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Institutionen sich nach der Wende in einer Umstrukturierungsphase befunden haben.

Aber: Es gab damals genug Leute, die das Problem artikuliert haben und die wurden nicht ernst genommen. Sie haben sich beholfen, indem sie sich selbst schützten. Die Räume waren klar verteilt. Es gab Jugendclubs, die waren eher für Nicht-Rechte. Da wussten alle, wie man sich verhält. 

Jörg Buschmann und Elisabeth Desta sind Teil der Projektleitung des NSU-Dokumentationszentrums in Chemnitz. Es wurde im Gedenken an die Opfer des NSU-Terrors im Mai 2025 eröffnet. Neben der Wanderausstellung „Offener Prozess“ gibt es Bildungsangebote, ein Archiv sowie einen Versammlungsort.

Wie wurde in den Jugendclubs mit dieser Polarisierung umgegangen?

Buschmann: Im Sächsischen Untersuchungsausschuss wurde der Jugendamtsleiter vernommen. Der hat das so geschildert: Die Jugendlichen kamen mit ihrer Neonazi-Ideologie und versuchten, diese im Jugendklub auszuleben. Es gab auch eine Phase, wo sie rausgekickt wurden. Dann wurde festgestellt, dass sich die Bewohner des Viertels darüber beschweren, woraufhin sie wieder in den Club reingeholt wurden.

Die Bedingung war, egal, was die Jugendlichen sagen, dürfen sie erstmal rein. Es gab einen Mangel an professionellen Fähigkeiten. Eine Mitarbeiterin des Piccolos wurde bedroht. Sie hatte gar nicht die Kompetenzen, mit Jugendlichen umzugehen, die sich radikalisieren. Es fehlte an Wissen und an Problembewusstsein. Die Dimension wurde völlig unterschätzt.

Die Aufarbeitung ist immer noch in vollem Gange. Wie bereit ist Chemnitz, das offen anzugehen? Wurden dem Dokumentationszentrum seitens der Stadt Steine in den Weg gelegt?

Desta: Ich finde schon, dass es Widerstände gab. Letztendlich hat die Zusammenarbeit mit der Stadt Chemnitz gut funktioniert und wir haben eine konstruktive Basis gefunden. In anderen Städten sieht man aber eine klarere Verantwortungsübernahme, sich auch der negativen Stadtgeschichte zu stellen. Als Dokumentationszentrum nehmen wir vor allem die Perspektive der Angehörigen, Betroffenen und Überlebenden ein. Auch von ihrer Seite gab es zunächst Vorbehalte gegenüber Chemnitz, die sich aber nach und nach abbauen ließen.

Relevante orte des NSU-Komplex in Sachsen.

Buschmann: Es gibt auch nach wie vor kein öffentliches Bekenntnis der Stadt zu uns. Damit ist man sehr vorsichtig. Von sich aus macht die Stadt ihre Geschichte nicht zum Thema. Man könnte auch proaktiver agieren. Das erlebe ich in anderen Städten anders. 

Desta: Ohne die Zivilgesellschaft, ohne die Akteur:innen, die sich über Jahre mit dem NSU-Komplex beschäftigt und für eine Aufarbeitung gekämpft haben,  ohne die unermüdliche Arbeit der Angehörigen und Überlebenden, hätte es dieses Dokuzentrum nicht gegeben. Die Stadt hat nicht entschieden: Wir brauchen sowas, weil wir uns der Verantwortung stellen. Das ging von anderen aus. Das Gute ist: Wir konnten unsere Perspektiven und Ansätze sehr stark einbringen. Dadurch, dass wir das als Zivilgesellschaft aufgebaut haben, hatten wir einen großen Gestaltungsspielraum. 

Der Wille zur Aufarbeitung kommt also vor allem aus der Zivilgesellschaft. Wie habt Ihr die Reaktionen der Besucher:innen wahrgenommen?

Desta: Ich war am Anfang sehr überrascht und gerührt von den Gesprächen mit den Gästen des Dokumentationszentrums. Viele waren nach dem Ausstellungsbesuch empört und entsetzt darüber, dass der NSU-Komplex und die damit verbundenen institutionellen Verstrickungen so in Deutschland möglich waren. Über die Bildungsangebote haben wir verschiedene Zielgruppen erreicht: Schulklassen, Initiativen, Vereine. Auch Gruppen aus Institutionen, die ihre Teamtage hier machen. Ganz bunt gemischt, aus der ganzen Bundesrepublik.

Das NSU-Netzwerk in Sachsen

Buschmann: Wir haben den Eindruck, dass viele Leute darauf gewartet haben, dass so etwas umgesetzt wird. Der Ort mit der Ausstellung ist ein Statement, das deutlich macht: Es muss nicht so bleiben, wie es ist. Auch hier kann es Aufarbeitung zum NSU-Komplex geben. Die Auseinandersetzung mit rechtsmotivierter Gewalt und ihren Ursachen ist den Leuten wichtig. Und dafür braucht es einen dauerhaften Ort.

Ist der Wunsch nach so einem Ort in Chemnitz größer als an anderen Orten, wo rechtsextreme Strukturen nicht so stark ausgeprägt sind?

Desta: Was die Thematik betrifft, gibt es in größeren Städten ein viel größeres Angebot. Für Chemnitz ist das Dokumentationszentrum ein einzigartiger Ort, ein Ort mit einer Strahlkraft, der es schafft, Themen, Initiativen und Personen zusammenzubringen. 

Buschmann: Der Raum ist wirklich einzigartig, auch für Ostdeutschland. Inhaltlich können viele etwas mit dem Thema anfangen. Der Anspruch war nicht zu sagen, das ist das Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex. Wir sagen bewusst, es ist „eines.“ Die Aufarbeitung hat in Chemnitz ihre Berechtigung, sie wurde von vielen Leuten unterstützt. Aber es gibt natürlich auch andere Orte, wo das genauso notwendig wäre.

Eine große Rolle spielte im NSU-Komplex das Versagen der Polizei. Hat man daraus gelernt?

Desta: Wir haben seit letztem Jahr ein Modellprojekt, das dezidiert Bildungsarbeit für Polizei und Verwaltung anbietet. Da gibt es eine große Nachfrage. Wir haben Kontakt mit Polizeischulen und -behörden und versuchen, mit Polizist:innen unsere Themen zu bearbeiten.

Buschmann: Ich glaube, es wurden bei den Polizeien schon Aufarbeitungsprozesse angestoßen. Es ist unklar, wie tief das verankert ist. Was man bei der sächsischen Polizei merkt, ist, dass man sich um einen Kulturwandel bemüht. Es wird stärker darauf gesetzt, Vielfalt zu repräsentieren, eine bessere Fehlerkultur zu etablieren und es gibt auch eine andere Problemwahrnehmung. Der NSU war auch in den Augen vieler Polizist:innen eine Niederlage und es gibt bei einigen den Wunsch, Dinge zu verändern. Das ist spürbar.

Blick in die Ausstellung des NSU-Dokumentationszentrums.

Habt Ihr Forderungen und Wünsche, wie über den NSU berichtet werden soll? Welche Perspektiven eingenommen werden sollen? 

Desta: In unserer Arbeit gehen wir immer von den Angehörigen und Überlebenden aus und möchten ihnen Raum geben. Unser Ziel ist, sie aktiv in die Arbeit des Dokumentationszentrums einzubeziehen. 

Buschmann: Weniger Fixierung auf die Täter, mehr Hinterfragen, welche gesellschaftlichen Bedingungen dazu geführt haben, dass die Taten möglich wurden. Das findet sich auch in den Forderungen der Angehörigen wieder, die wir sehr präsent in den Stadtraum transportieren. Es geht darum, die Gesellschaft und ihre Institutionen so zu verändern, dass es möglichst schwierig wird, solche Taten zu wiederholen. 

Autor:in

  • Redakteurin

    Aufgewachsen in Bayern, vor 10 Jahren zum Studieren in den wilden Osten (Chemnitz) gezogen und will Sachsen seitdem nicht mehr verlassen.

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