Die Ostdeutschen sind kränker als die Menschen im Westen – das ist keine gefühlte Wahrheit, sondern statistisch belegbar. Woran liegt das? Was hat die Gesundheit mit der Wiedervereinigung zu tun?
In der Wahrnehmung vieler Menschen zieht sich auch heute noch ein unsichtbarer Riss durch die Bundesrepublik, da wo einst die deutsch-deutsche Grenze verlief. Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung klaffen die Lebensverhältnisse – gefühlt und messbar – zwischen alten und neuen Bundesländern auseinander.
Eine aktuelle Auswertung der Krankenversicherung Barmer zur Gesundheit von West- und Ostdeutschen zeigt, dass dies auch die Gesundheit der Bürger:innen betrifft. Im jährlich erscheinenden Morbiditäts- und Sozialatlas vergleicht die gesetzliche Krankenkasse seit 2018 die Behandlungsdaten der Patient:innen in Deutschland. Auf der Deutschlandkarte wird der Umriss der ehemaligen DDR deutlich sichtbar, denn die Menschen in Ostdeutschland sind laut den Zahlen deutlich häufiger krank. Am stärksten betroffen sind die Thüringer:innen, die Bewohner:innen von Sachsen-Anhalt und Sachsen folgen knapp. Gicht, Diabetes, chronische Schmerzen – viele gravierende Erkrankungen häufen sich besonders im Osten.1
Die Barmer Ersatzkasse ist mit 8,3 Millionen Menschen die zweitgrößte Krankenversicherung Deutschlands. Der Morbiditäts- und Sozialatlas basiert auf Daten ihrer Versicherten. Die aktuellen Zahlen stammen aus dem Jahr 2023. Da die Versicherten der Barmer Krankenkasse nicht die gesamte deutsche Bevölkerung repräsentieren, wurden die Daten unter Einbeziehung sozio-ökonomischer und demografischer Faktoren hochgerechnet.
Hotspots in Sachsen: Demenz in Görlitz, chronische Schmerzen in Chemnitz
In Sachsen wurden bundesweit die meisten Fälle von Brust- und Hautkrebs pro Einwohner:in verzeichnet. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Zahl der an Herzinsuffizienz Erkrankten. Besonders die Häufigkeit von Demenz sticht ins Auge. Mit 28 Demenzkranken pro 1.000 Einwohner:innen liegt die Zahl der Erkrankten im Freistaat fast doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt.2
Die Demenzfälle häufen sich im Landkreis Görlitz und in Chemnitz. Letztere ist auch ein Hotspot für chronische Schmerzpatient:innen. Im Erzgebirge wurden dagegen besonders viele Herz-Kreislauf-Erkrankungen verzeichnet. Unter dem Durchschnitt liegt Sachsen nur im Hinblick auf psychische Erkrankungen – etwa Depressionen oder Essstörungen – oder bei den Fallzahlen von Kokainmissbrauch oder HIV/ AIDS.3
Ost-West-Unterschiede auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung
Dass es auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung noch gesundheitliche Unterschiede zwischen Ost und West gibt, ist kein neues Thema. Verschiedene Studienreihen und Institutionen kommen zwar zu unterschiedlichen Ergebnissen, sind sich aber in einem Punkt einig: Um die Gesundheit der Ostdeutschen ist es deutlich schlechter bestellt als um die der Bürger:innen im Westen der Republik.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) untersucht im Rahmen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) seit 1984 die Lebensbedingungen der Menschen in der BRD, seit 1990 auch in den neuen Bundesländern. Laut DIW gibt es immer noch erhebliche Unterschiede in der Wahrnehmung der eigenen psychischen Gesundheit bei West- und Ostdeutschen. Um die psychische Gesundheit der Menschen in den neuen Bundesländern ist es deutlich schlechter bestellt. Bis Ende der 2010er Jahre habe sich den Daten zufolge das seelische Wohlbefinden im Osten zwar verbessert, aber seit der Corona-Pandemie nehme die Differenz zwischen neuen und alten Bundesländern wieder zu.4
RKI: Kluft zwischen Ost und West schrumpft
Das Gesundheitsmonitoring des Robert Koch-Instituts (RKI) kommt zu ähnlichen, wenn auch optimistischeren Ergebnissen. Die Ost-West-Unterschiede haben sich demnach in vielen Bereichen eingeebnet. „Dies gilt zum Beispiel für die mittlere Lebenserwartung, die subjektive Gesundheitswahrnehmung und auch für viele chronische Erkrankungen“, heißt es im Bericht aus dem Jahr 2019. Die Sterblichkeit im Zusammenhang mit Brustkrebs ist im Osten Deutschlands sogar um 20 Prozent niedriger als im Westen.5
Trotzdem zeigen auch die Daten des Bundesinstituts immer noch Unterschiede: Die Ostdeutschen erkranken und sterben häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch der Anteil der Adipositas-Betroffenen ist bundesweit am höchsten in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Zudem habe der Osten auch im negativen Sinne nachgezogen: So habe sich der Tabakkonsum der Frauen in den neuen Bundesländern dem westdeutschen Niveau angepasst.6
Alter, kranker Osten?
Danny Wende, der für das unternehmenseigene Institut der Barmer-Krankenkasse über das Gesundheitssystem in Deutschland forscht, sieht als Ursache dafür vor allem die Altersstruktur. Die Ostdeutschen sind im Durchschnitt deutlich älter. Das Alter sei einer der wesentlichen Treiber von Erkrankungen, so Wende: „Wo die Menschen im Durchschnitt älter sind, erwarten wir auch eine höhere Krankheitslast.“ Bei Erkrankungen wie Demenz, die zumeist im fortgeschrittenen Alter ausbrechen, werde dieser Effekt besonders deutlich.
„Wo die Menschen im Durchschnitt älter sind, erwarten wir auch eine höhere Krankheitslast.“
Danny Wende, Barmer Institut für Gesundheitssystemforschung
Zudem würden vor allem junge, gesunde Menschen abwandern – ein Phänomen, das auch als „Healthy Movers“ bekannt ist und das seit 1990 auch in Ostdeutschland zu beobachten war. Zurückbleiben die Menschen, die im Vergleich häufiger erkranken.
Armut macht krank
Der Vergleich zwischen Ost und West greift aber zu kurz: Viel wichtiger sei die Betrachtung kleinräumlicher, regionaler Unterschiede, heißt es beim Robert Koch-Institut. Auch innerhalb von Bundesländern gebe es teils große Unterschiede in der durchschnittlichen Lebenserwartung, die mit der sozialen und wirtschaftlichen Situation in den Regionen zusammenhingen. Die Menschen in armen, „abgehängten“ Landkreisen haben eine kürzere Lebenserwartung. Fast alle Kreise im Osten verdeutlichen das, aber auch Orte wie Essen, Gelsenkirchen oder Teile des Saarlands.7 Ein Faktor, der die Gesundheit der Menschen massiv beeinflusst, ist also die soziale Ungleichheit.
Das Wohlstandsgefälle zwischen Ost- und Westdeutschland ist nach wie vor groß: Der Durchschnittslohn im Osten liegt 20 Prozent unter dem Niveau des Westens8, und auch die Vermögen westdeutscher Haushalte sind im Vergleich mehr als doppelt so hoch.9 Der Anteil der Menschen, die mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze leben, ist hingegen in Ostdeutschland deutlich höher.10
So wie der Wohlstand ist auch die gesundheitliche Belastung in Deutschland ungleich verteilt, erklärt die Soziologin Lara Bister. Dass die meisten Regionen im Osten wirtschaftlich schwächer sind und „viel mehr Instabilität seit der Wiedervereinigung“ erlebt haben, wirke sich auf das Wohlbefinden der Menschen aus.
Schlechtere Gesundheitsversorgung im Osten
Zudem sei die Gesundheitsversorgung in den ländlich geprägten Regionen in den neuen Bundesländern schlechter. „Wenn die Bevölkerung immer kleiner wird, werden Versorgungslücken im Gesundheitssystem immer größer.“ Das passiere in Ost-, aber auch in Westdeutschland. „Dadurch entstehen immer mehr Nachteile für die Menschen vor Ort, die sie dann irgendwie individuell kompensieren müssen.“
Aber nicht nur die Versorgungslage wirke sich auf die Gesundheit der Bevölkerung aus: Die wirtschaftliche Situation beeinflusst den Lebensstil der Menschen, so Bister: „Auch der alltägliche Druck spielt eine Rolle. Man weiß aus Studien, dass während Wirtschaftskrisen zum Beispiel plötzlich die Rate derer, die rauchen, ganz stark zunimmt, weil es eben als Stressbewältigungs-Mechanismus dient, genau wie der Alkoholkonsum.“
„Krisen sind immer schlecht für die Gesundheit und erhöhen den Stress innerhalb von Familien.“
Lara Bister, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
Die Soziologin forscht seit einigen Jahren zu den Auswirkungen von wirtschaftlichen Krisen auf die Gesundheit der Menschen. Ihre Studien, wie die zu den Folgen der Rezession von 2007 und 2008 in mehreren europäischen Ländern, zeigen: Krisen sind „immer schlecht für die Gesundheit und erhöhen den Stress innerhalb von Familien.“
Langzeitfolgen der Wiedervereinigung
Das trifft auch auf Ostdeutschland zu. Lara Bister hat die Folgen der Wiedervereinigung auf die Generation der „Wendekinder“ untersucht, also der etwa drei bis vier Millionen Menschen, die 1990 maximal 17 Jahre alt waren und die Umbrüche als Kinder und Jugendliche erlebt haben. Der „kollektive Schock“ nach dem Zusammenbruch der DDR hat Auswirkungen bis in die Gegenwart, sagt Bister.
„Ich habe sowohl die körperliche als auch die psychische, selbst wahrgenommene Gesundheit untersucht.“ Die Forscherin hat nach psychischen Belastungen in der Alterskohorte gesucht, etwa wie sich Sorgen, Ängste oder Niedergeschlagenheit auf den Alltag von Betroffenen auswirken. „Ich habe herausgefunden, dass vor allem die Frauen unter den Wendekindern mit psychischen Gesundheitsbelastungen zu kämpfen haben.“
Stärkere psychische Belastung für Frauen
Sowohl Männer als auch Frauen hätten damals unter dem wirtschaftlichen und politischen Schock nach der Wiedervereinigung gelitten, so Bister. Aber während Männer ihre Gefühle bewältigen würden, indem sie sie nach außen trügen, seien Frauen aufgrund von gesellschaftlichen Rollenbildern dazu angehalten, die Probleme mit sich selbst auszumachen, was Druck aufbaue.
Was zudem überraschen dürfte: Dabei sei kaum relevant, ob die Familien direkt vom Strukturwandel in den 1990er Jahren betroffen waren. Kinder aus Familien, die direkt von Arbeitslosigkeit betroffen waren, zeigten laut Bisters Studie eine deutlich höhere psychische Gesundheitsbelastung, aber auch jene aus Familien ohne Jobverlust zeigten deutliche Zeichen von Belastung. Der „initiale Schock und die große Perspektivlosigkeit“ im Umfeld der Kinder haben „wahrscheinlich eine bleibende Belastung für die Betroffenen hinterlassen“, so Bister.
Körperliche Folgen auch Jahrzehnte später
Die Wiedervereinigung habe laut der Soziologin aber nicht nur seelische Spuren hinterlassen. Lara Bister und ihre Kolleg:innen haben auch die Stoffwechselgesundheit der Wendekinder untersucht. „Wir haben herausgefunden, dass wieder die Frauen in der Alterskohorte – aber weniger stark auch die Männer – schon im jungen Erwachsenenalter beispielsweise einen deutlich höheren Blutdruck hatten als ihre westdeutschen Vergleichsgruppen.“
Forscht über die Folgen der Wiedervereinigung: Die Soziologin Lara Bister. Quelle: Körber Stiftung
Es handele sich noch nicht um krankhafte Werte, so Bister, aber großer Stress könne sich auf den Metabolismus und die hormonelle Entwicklung von Kindern und Teenagern auswirken. Ein Beispiel: Die Pubertätsentwicklung der Wendekinder. „Wir haben herausgefunden, dass die Kohorten, die zwischen 1989 und 1996 geboren sind, einen deutlich früheren Pubertätseintritt hatten in Ostdeutschland als in Westdeutschland. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass sich der Stress bei den Wendekindern bereits früh körperlich bemerkbar gemacht hat.“
Sparpolitik belastet Gesundheitssystem
Unter den Krisen, erklärt Bister, leiden nicht nur die Arbeitnehmer, sondern häufig auch diejenigen, die von ihnen abhängig sind. Es trifft vulnerable Gruppen wie Kinder und Jugendliche, aber auch ältere Menschen – vor allem in Regionen, in denen es wenige staatliche Hilfen gibt.
Umso problematischer würde sich die Kürzung von öffentlichen Mitteln in Zeiten des Wirtschaftsrückgangs auswirken. „Es gibt beispielsweise Studien aus dem Vereinigten Königreich nach der Wirtschaftskrise von 2008, die zeigen, dass Sparmaßnahmen zwar kurzfristig wirksam für den staatlichen Haushalt sind, aber auf lange Sicht die Gesundheitskosten um ein Vielfaches erhöhen. Es rechnet sich einfach nicht.“
Barmer Institut für Gesundheitsforschung (Hg.): Morbiditäts- und Sozialatlas, auf: bifg.de (2024). ↩︎
Mattis Beckmannshagen; Daniel Graeber; Barbara Stacherl: Psychische Gesundheit: Abstand zwischen Ost- und Westdeutschland wird kleiner, in: DIW Wochenbericht, Nr. 40, S. 546-552. ↩︎
Lampert, Thomas u.a.: Beschreibung der gesundheitlichen Lage in Ost und West sowie deren Entwicklung in den letzten 30 Jahren, in: Journal of Health Monitoring, Bd. 4, Nr. S3, S. 2-25. ↩︎
Barmer Institut für Gesundheitsforschung (Hg.) 2024. ↩︎
tagesschau.de: Lohnunterschied zwischen Ost und West weiter groß, auf: tagesschau.de (31.8.2025). ↩︎
Statistisches Bundesamt (Hg.): Ungleichheit und Armutsrisiko kaum verändert – trotz steigender Vermögen und Löhne, auf: destatis.de (6.11.2024). ↩︎
Statistisches Bundesamt (Hg.): Im Jahr 2024 weiterhin ein Fünftel der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, auf: destatis.de (29.1.2025). ↩︎
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