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Wie politisch ist die Kita?

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Kitas gelten oft als geschützte, unpolitische Räume. Orte, an denen Kinder „einfach Kind sein“ sollen. Doch auch hier wirken gesellschaftliche Machtverhältnisse und Diskriminierung. Studien und Praxisberichte zeigen: Kinder mit Migrationshintergrund erleben früh Ausgrenzung, während Fachkräfte häufig unter strukturellen Zwängen arbeiten. 

Fast ein Drittel aller Kinder in deutschen Kitas haben einen Migrationshintergrund. Gleichzeitig besteht bis heute die Annahme, dass Kinder frei von Vorurteilen und nicht diskriminierend sind . „Wenn über soziale Ungleichheit, Diskriminierung oder Rassismus gesprochen wird, ist selten der frühkindliche Bildungsbereich im Fokus“, sagt Soziologin Seyran Bostanci. Sie forscht seit Jahren zu institutionellem Rassismus in der Kita und berät zu Diversität, Anti-Bias und rassismuskritischer Bildung.


„Menschen werden nicht als Rassist:innen geboren, sondern sie werden durch unsere Gesellschaft da hinein sozialisiert und lernen über Vorurteile und Stereotype, ihr Weltbild zu kreieren“, erklärt Bostanci. Deswegen sei es so wichtig, Kinder schon im jungen Alter zu sensibilisieren.

Bostanci berichtet, dass viele Eltern die Kita als unpolitischen Raum wahrnehmen. „Die Kita als Institution ist natürlich nicht frei von Machtverhältnissen und von diskriminierenden Strukturen“, ergänzt sie. Bestimmte Rahmenbedingungen in der Kita würden dazu führen, dass Kinder – bewusst oder unbewusst –diskriminiert werden.

Institutioneller Rassismus

Institutioneller Rassismus bedeutet, dass Benachteiligung nicht nur von einzelnen Personen ausgeht, sondern in den Abläufen und Regeln von Einrichtungen steckt. Diese wirken oft unauffällig, führen aber dazu, dass manche Kinder etwa aufgrund ihrer Sprache, ihres Namens oder einer Behinderung in der Kita benachteiligt oder ausgeschlossen werden.

Kinder mit Migrationshintergrund schon bei Vergabe von Kitaplätzen benachteiligt 

„Kitas sind strukturell nicht so ausgestattet, dass sie mit Vielfalt gut umgehen können“, erklärt Bostanci. Es fehle oft an Wissen im Umgang mit multilingualen Kindern. Aufgrund von Überforderung würden diese Kinder dann nicht angenommen werden. Pädagogische Fachkräfte reproduzieren teils unbewusst rassistische Vorurteile oder diskriminierende Deutungsmuster im Kita-Alltag, wie eine Analyse der Amadeu-Antonio-Stiftung zeigt.

In einer Studie in Berliner Kitas stellte Bostanci fest, dass Familien mit Migrationshintergrund bei der Vergabe von Kita-Plätzen oft benachteiligt werden. Träger:innen und Einrichtungen treffen dabei teils strategische Entscheidungen, um Gruppen nach ihrer Vorstellung von einer „guten Mischung“ zusammenzustellen – etwa: die Hälfte der Kinder mit Migrationshintergrund. „Das klingt erstmal logisch, aber gerade in Stadtteilen, wo 70 bis 80 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund leben, kann dieser Mechanismus ungewollt zum Ausschluss von bestimmten Kindern führen“, sagt sie.  

Zudem basieren Zuschreibungen zu Kulturen oft auf rassistischen und defizitorientierten Diskursen. Familien und Kinder aus dem arabischen Raum würden beispielsweise in ihrer Sprachkompetenz häufig schlechter eingeschätzt werden als Kinder, die Englisch oder Französisch sprechen.

Eine groß angelegte Studie mit fiktiven Anfragen an über 18.000 Kitas bestätigt das: Eltern mit migrantischen Namen erhielten seltener Antworten und diese warenmeist weniger ermutigend. Die Diskriminierung variierte regional und trat stärker in strukturschwächeren und politisch rechts geprägten Regionen auf.

Ein weiteres Beispiel aus der Praxis: Manche Kitas veranstalten interkulturelle Feste und bitten Familien, Nationalgerichte mitzubringen. „Das entspricht oft gar nicht der Alltagspraxis der Familien“, erklärt Bostanci. Eine diskriminierungskritische Kita würde stattdessen ein Fest zum Lieblingsessen machen – und Familien nicht in Nationalstaatskategorien festsetzen. „Dann wird festgestellt: Wir haben eigentlich viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.“

Dann wird festgestellt: Wir haben eigentlich viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.

Umgang mit Rassismus als gesellschaftliches Problem

Der Umgang mit Rassismus sei ein gesamtgesellschaftliches Problem, sagt Bostanci. „Wenn man über Rassismus spricht, kommt meistens erstmal eine Abwehrhaltung.“ Fehlverhalten werde oft mit Schuld und Scham verbunden, statt mit Lernprozessen. Was es brauche, sei eine fehlerfreundliche Kultur. „Wir sind es als Gesellschaft nicht gewohnt, das auszuhalten und nochmal zu reflektieren: Oh, vielleicht war es wirklich rassistisch oder vielleicht habe ich ungewollt diskriminiert“, sagt sie. 

Katharina Lang arbeitet im Bereich Familienbildung beim Projekt Fabikoo der Caritas im Leipziger Stadtteil Grünau. Der Ausländeranteil im Viertel liegt bei fast 27 Prozent. Auch sie sieht das Problem vor allem auf der institutionellen Ebene. „Viele Fachkräfte bilden nach wie vor nicht die Diversität der Kinder ab, mit denen sie arbeiten“, sagt sie. 

Viele Fachkräfte bilden nach wie vor nicht die Diversität der Kinder ab, mit denen sie arbeiten.

Selbst wenn Fachkräfte sensibilisiert sind, scheitert die Umsetzung oft an den Rahmenbedingungen. „Fachkräfte arbeiten derzeit unter oft prekären Strukturen, die es eigentlich unmöglich machen, inklusiv, partizipativ und diskriminierungskritisch zu arbeiten“, sagt Bostanci. 

Dem schließt sich Kitasozialarbeiter Stephan Rethfeld an. Er arbeitet in der Kindergärtnerei-Herbie e.V.  in Grünau. „Es gibt Tage, da sind die Leute froh, wenn sie einfach durch den Tag gekommen sind“, sagt er. Der Personalschlüssel liegt aktuell bei einer Fachkraft pro zwölf Kinder – und lässt somit wenig Spielraum für zusätzliche und individuelle Angebote. 

Demokratie als Alltagspraxis in der Kita Herbie

Trotzdem versucht Stephan Rethfeld so gut es geht, Demokratiebildung in der Kita zu integrieren. Bei rund einem Viertel der Kinder wird zuhause nicht vorrangig Deutsch gesprochen. Insgesamt sind rund 20 verschiedene Sprachen in der Kita vertreten, erzählt Rethfeld. 

Leipzig ist im Hinblick auf die Anzahl an Kita-Plätzen gut aufgestellt – durch den demografischen Wandel gibt es mehr Angebot als Nachfrage. Trotzdem gibt es für migrantische Familien sprachliche Hürden bei der Kita-Platz-Suche. Diese wird in Leipzig über ein Online-Portal geregelt, welches in vier verschiedenen Sprachen nutzbar ist. „Allerdings bildet es die sprachliche Vielfalt überhaupt nicht ab, die die Stadt Leipzig mitbringt“, sagt Rethfeld. 

Die Kita Herbie in Grünau hat im vergangenen Jahr einen Kinderrat ins Leben gerufen –bestehend aus demokratisch gewählten Kindern zwischen drei und sechs Jahren. Der Wahlkampf sei für die Kinder aufregend gewesen, erzählt Rethfeld. „Da haben die Kinder Plakate gebastelt und ihre Ziele formuliert, warum sie gewählt werden möchten und so einen kleinen Wahlkampf abgehalten.“ Die einen hätten Popcorn versprochen, die anderen eine Schaukel.

„Es geht hier um uns“

Nun trifft sich der Kinderrat einmal im Monat, begleitet von Stephan Rethfeld und einer Kollegin. Dann wird besprochen: Was sind die Belange der Kinder? Welche Rechte haben Kinder? Welche Themen beschäftigen sie gerade? Oder auch: Was bedeutet Armut? 

Dabei geht es nicht um komplexe politische Zusammenhänge, sondern um die Integration von Demokratie in den Kita-Alltag: Eine möglichst gerechte Entscheidungsfindung, aber auch die Einbeziehung von Gefühlen der Kinder. „Es geht darum, Kinder zu bestärken, ihre eigenen Themen einzubringen“, sagt Rethfeld. „Auch das ist ein politischer Akt: Die Möglichkeit zu finden, sich wahrgenommen, sich eingebracht, sich repräsentiert zu fühlen.“

Kinderrechte

Kinderrechte sind in der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 festgelegt, die fast alle Staaten weltweit ratifiziert haben. Zu den zentralen Prinzipien gehören das Recht auf Schutz vor Gewalt, das Recht auf Bildung, das Recht auf Beteiligung (Mitbestimmung) sowie das Recht auf Förderung und Entwicklung. 

Eltern sorgen sich um „Frühpolitisierung“

Skepsis gab es vor allem seitens der Eltern. Eine Familie äußerte die Sorge vor einer „Frühpolitisierung“, so beschreibt es Rethfeld: „Die Sorge war, dass ihr Kind mit politischen Themen konfrontiert wird, die zu viel sein könnten.“ 

Die Soziologin Bostanci widerspricht: Kinder würden weitaus mehr mitbekommen, als viele Erwachsene annehmen. „Auch wenn sie kognitiv noch nicht alles verstehen, wissen sie, dass bestimmte Merkmale zum Ein- und Ausschluss führen“, sagt Bostanci. Wer wird oft zum Kindergeburtstag eingeladen? Wer gilt als attraktive:r Spielpartner:in?

Und: Rassismus gehöre längst zur Realität – auch in der Kita. Eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen zeigte, dass fast 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund bereits Alltagsrassismus erfahren haben. Die Tendenz: Je dunkler die Hautfarbe, desto höher die Wahrscheinlichkeit, von Alltagsrassismus betroffen zu sein. 

„Kürzlich hat ein Kind gesagt: ,Nee, denen sage ich nicht Tschüss, die sprechen kein Deutsch‘“, erzählt Rethfeld. “Da ist es eindeutig, dass es rassistisch ist. Aber diese Fälle sind selten.“ 

„Wenn Erwachsene nicht intervenieren, lernen Kinder aus solchen Situationen, dass es scheinbar normal und okay ist, Menschen entlang dieser Merkmale auszuschließen“, erklärt Bostanci. Zunächst sollte vor allem dem betroffenen Kind Schutz geboten werden.

Im besten Fall sollte auch ein Gespräch mit den Eltern gesucht werden. „Einerseits, um es erstmal offen mitzuteilen, dass es aufgefallen ist. Andererseits, um sich auch zu fragen, wie sehen die Eltern selbst die Situation oder haben sie vielleicht eine Idee, wodurch das Kind auf diese Aussage kommen könnte“, erklärt Rethfeld.

Mehr Ressourcen für Weiterbildungen und Diskurse

Rethfeld wünscht sich, dass Demokratiebildung und der Umgang mit Diskriminierung nicht vom Engagement einzelner Fachkräfte abhängt. Es brauche mehr Raum für Weiterbildung und für Diskurse – nicht nur über, sondern auch mit den Betroffenen. Ideal wäre seiner Meinung nach eine zentrale Ansprechperson in der Kita zum Thema Diversität, Rassismus und Zugangsgerechtigkeit.

Rassismus und Diskriminierung offen und kindgerecht thematisieren – das hat nicht nur positive Folgen für die eigene Erfahrung, sondern auch für die Geselllschaft. Denn Forschungsergebnisse zeigen: Wer diskriminiert wird, verliert nicht nur Bildungschancen, sondern auch Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen – und somit auch in die Demokratie.

„Grundlegend birgt diese Mini-Gesellschaft in Kitas totale Chancen und Potenziale für eine diverse Welt“, sagt Katharina Lang. „So wie es immer sein könnte, denn dort ist es ja längst Realität.“

Autor:in

  • Redakteurin

    Aufgewachsen in Bayern, vor 10 Jahren zum Studieren in den wilden Osten (Chemnitz) gezogen und will Sachsen seitdem nicht mehr verlassen. Schreibt am liebsten über soziale Ungleichheit, Feminismus und Lokalpolitik.

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