Ein Interview mit Kathrin Herrmann über die Infektion und Ausbreitung der Vogelgrippe. Sie ist Fachtierärztin für Tierschutz, -ethik und -recht und promovierte Wissenschaftlerin. Seit 2017 forscht und lehrt sie an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health und war von 2020 bis 2025 Landestierschutzbeauftragte für Berlin.
Wie geht es den Tieren nach einer Infektion mit der Geflügelpest?
Eine Infektion mit dem hochansteckenden Vogelgrippe-Virus bedeutet akutes, massenhaftes Tierleid. In betroffenen Beständen verschlechtert sich der Zustand der Tiere oft innerhalb weniger Stunden bis Tage drastisch. Sie werden apathisch, zeigen Atemnot, teils neurologische Symptome, fressen und trinken weniger und sterben in großer Zahl. Es handelt sich um ein hochaggressives Krankheitsgeschehen, das mit erheblichem Leid verbunden ist.
Die Standardreaktion nach einem Ausbruch ist die sogenannte Keulung. Was bedeutet das konkret?
Der verwaltungstechnische Begriff „Keulung“ verschleiert eine ganze Prozesskette: das Einfangen und Fixieren der Tiere – häufig unter enormem Zeitdruck –, den Einsatz von Tötungstechniken sowie Nachkontrollen und gegebenenfalls Nachtötungen. Bereits vor der eigentlichen Tötung entstehen erhebliche Belastungen für die Tiere durch den Umgang mit ihnen, Lärm, Enge und Stress. Bei Massentötungen kommen zudem technische und organisatorische Risiken hinzu. Ob die Tiere schnell das Bewusstsein verlieren oder länger leiden, hängt unter anderem von der Gasverteilung, der Dichtigkeit, der Einwirkdauer, dem Monitoring und der Nachkontrolle ab. Fehler in diesen Bereichen erhöhen das Risiko einer unvollständigen Betäubung und eines verlängerten Leidens erheblich. Zudem bekämpft die Keulung nur die Symptome, nicht aber die strukturellen Ursachen von Seuchenausbrüchen.
Behörden sprechen dennoch von „weitgehend leidfreien“ Keulungen. Sehen Sie das auch so?
Nein, diese Darstellung widerspricht dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand. Der Einsatz von Kohlendioxid ist seit langem umstritten. Vor dem Eintritt der Bewusstlosigkeit verursacht CO₂ ausgeprägte Atemnot sowie massive Stress- und Abwehrreaktionen, wie wiederholtes, ruckartiges Schnappen nach Luft. Auf den feuchten Schleimhäuten der Atemwege reagiert CO₂ chemisch zu Kohlensäure, was zu starken Reizungen von Augen, Nase und Atemwegen führt – noch bevor die Bewusstlosigkeit eintritt. In der Fachliteratur sind zudem schwere Reizungen und Schädigungen der Atemwege und der Lunge beschrieben, teils bis hin zu Blutungen. Wer solche Verfahren pauschal als „weitgehend tierleidfrei“ bezeichnet, verharmlost das tatsächliche Geschehen.
In der öffentlichen Debatte gelten oft Wildvögel als Hauptverursacher. Was sagen Sie dazu?
Wildvögel können Influenzaviren in sich tragen und sie räumlich verbreiten. Sie sind jedoch selbst die Leidtragenden bei Ausbrüchen. Die Entstehung hochpathogener Varianten ist in der Regel an intensive Geflügelhaltung gebunden. Wenn viele genetisch nahezu identische Tiere auf engem Raum gehalten werden, können sich Viren leichter ausbreiten und zu besonders gefährlichen Varianten entwickeln – mit schweren Folgen für Tiere und potenziell auch für Menschen. Ohne aktives, risikobasiertes Monitoring und eine transparente Rück- und Vorverfolgung vom Stall bis zum Markt bleiben Infektionsursachen spekulativ – und einfache Schuldnarrative setzen sich durch.
Was fehlt Ihnen in der aktuellen Debatte – und was müsste sich grundlegend ändern?
Was fehlt, ist eine konsequente Tier-, Umwelt- und Gesundheitsperspektive. Dazu gehört eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem massiven Tierleid bei Massentötungen ebenso wie die Betrachtung struktureller Risikotreiber: hohe Bestandsdichten, intensive Tiertransporte und eine global vernetzte industrielle Tierhaltung. Zahlreiche Zoonosen zeigen ein wiederkehrendes Muster – von der Schweinegrippe bis zum Q-Fieber. Dieses Risiko entsteht nicht zufällig, sondern systematisch dort, wo Tiere massenhaft, genetisch uniform und unter hohem Produktionsdruck gehalten werden. Die entscheidende Frage lautet daher: Wie können wir die nächste Krise verhindern, statt die aktuelle nur effizienter zu verwalten? Dazu braucht es einen Paradigmenwechsel in der Art und Weise, wie wir Lebensmittel produzieren: weg von der industriellen Massentierhaltung und hin zu einem resilienten, pflanzenbetonten und nachhaltigen Ernährungssystem. Ohne einen solchen grundlegenden Systemwechsel in der Landwirtschaft produzieren wir die nächste Krise gleich mit.
Maria Schulze ist Kunsthistorikerin und forscht zu Geschlechter- und Mensch-Tier-Verhältnissen in Kunst- und Kulturgeschichte. Als freie Autorin schreibt sie über Kunst, Klima- und Naturschutz, Tierrechte oder Feminismus.
