Über 35 Jahre nach dem Mauerfall trennen Ost und West noch immer unsichtbare Grenzen. Eine von ihnen verläuft mitten durch den Rentenbescheid.
Bundesweit liegt die durchschnittliche Bruttorente bei 1.692 Euro. Zwischen den Bundesländern schwankt dieser Wert um mehr als 230 Euro. Im Saarland ist die Rente mit 1.805 Euro am höchsten. In Thüringen ist sie mit 1.572 Euro am niedrigsten. Aufs Jahr gerechnet macht das einen Unterschied von fast 2.800 Euro.
Unter den sieben Ländern mit der niedrigsten Durchschnittsrente liegen sechs im Osten. Sachsen kommt auf 1.594 Euro. Sachsen-Anhalt liegt bei 1.580 Euro, Mecklenburg-Vorpommern bei 1.591 Euro. Eine Ausnahme bilden die ehemaligen Bezirke Ost-Berlins. Dort liegt die Durchschnittsrente bei 1.756 Euro. Ansonsten belegen ausschließlich westdeutsche Länder die oberen zehn Plätze.

Gleicher Rentenwert, ungleiches Einkommen
Der aktuelle Rentenwert ist seit dem 1. Juli 2024 offiziell für Ost und West identisch. Seither wird der Rentenwert weiter regelmäßig angehoben, zuletzt zum 1. Juli 2026 auf 42,52 Euro, ein Plus von 4,24 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Trotzdem bleibt die Rentenhöhe zwischen Ost und West unterschiedlich. Der Rentenwert legt nur fest, wie viel ein einzelner Rentenpunkt wert ist. Wie viele Punkte jemand über das Erwerbsleben sammelt, hängt vom Einkommen ab. Dieses ist in Ostdeutschland jedoch immer noch niedriger als im Westen, wie eine Untersuchung der Universität Duisburg-Essen aus dem Jahr 2024 zeigt.
Besonders drastisch sind diese Unterschiede im verarbeitenden Gewerbe, also bei Industriebetrieben, die Rohstoffe und Zwischenprodukte weiterverarbeiten. Im Maschinenbau etwa erreichen ostdeutsche Fachkräfte nur etwa drei Viertel des westdeutschen Lohnniveaus. Die Branche gehört zu den wichtigsten ostdeutschen Industriezweigen Ostdeutschlands. Entsprechend viele Erwerbsbiografien sind betroffen.
Die IG-Metall fordert deshalb bereits seit Jahren eine vollständige Angleichung der Löhne an das Westniveau. Noch immer gilt in Teilen der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie eine tarifliche Wochenarbeitszeit von 38 Stunden, im Westen sind es meist 35. Hinzu kommt, dass deutlich weniger Beschäftigte im Osten überhaupt in tarifgebundenen Betrieben arbeiten, wo Löhne verlässlicher steigen. Wer im Erwerbsleben weniger verdient, bekommt später auch weniger Rente, so die Gewerkschaft. Einzelne Tarifabschlüsse mit überproportionalen Erhöhungen im Osten ändern daran bisher wenig.

Betriebsrenten im Osten kaum verbreitet
Die Bruttorente aus der Karte zeigt nur einen Teil des Bildes. In den alten Ländern bezieht fast jeder Dritte über 65-Jährige zusätzlich eine sogenannte Betriebsrente, also eine zusätzliche Rente vom früheren Arbeitgeber. In den neuen Ländern sind es nur 19 Prozent. Das zeigt der Alterssicherungsbericht 2024 des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Auch bei der Höhe klafft eine Lücke. Wer im Westen eine Betriebsrente bezieht, bekommt im Schnitt 569 Euro im Monat. Im Osten sind es 288 Euro, also weniger als die Hälfte.
Der Grund liegt in der DDR-Wirtschaft. Betriebliche Zusatzrenten, wie sie in Westdeutschland seit Jahrzehnten üblich sind, gab es in dieser Form in der DDR nicht. Auch nach über 35 Jahren schlägt sich das im Rentenbescheid nieder.

Was erschwerend hinzu kommt: Die gesetzliche Rente deckt im Osten 90 Prozent des gesamten Einkommens der über 65-Jährigen ab, im Westen nur 64 Prozent. Die Werte zeigen, wie stark ältere Menschen im Osten von einem einzigen System abhängig sind, weil andere Einkommensquellen historisch kaum aufgebaut werden konnten. Kapitalerträge, Betriebsrenten oder Mieteinnahmen bleiben unter ostdeutschen Rentner:innen die Ausnahme.
