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Genug ist genug: Frauen in Sachsen streiken für Gleichberechtigung

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Beim feministischen Streik am 9. März gehen auch in Sachsen Frauen auf die Straße. Sie protestieren gegen ungleiche Bezahlung, mangelnden Gewaltschutz und ein Hilfesystem, das vielerorts längst an seine Grenzen gestoßen ist.

Was passiert, wenn Frauen*1 für einen Tag ihre Arbeit niederlegen und weder Lohn- noch Care-Arbeit verrichten? Genau das soll der 9. März weltweit zeigen. In über 80 deutschen Städten wurden Frauen zum Streik aufgerufen. Der Aufruf kam vom „Töchterkollektiv“. Initiatorin ist die Chemnitzer Aktivistin Jen Follmann. Sie hat das Kollektiv ins Leben gerufen, nachdem Bundeskanzler Friedrich Merz seine „Stadtbild“-Aussage mit dem Satz „Fragen Sie Ihre Töchter“ verteidigt hat.

Quelle: Emily Heisig

Streik soll für mehr Sichtbarkeit sorgen

„Die Wut über fehlende Gleichberechtigung ist groß. Care-Arbeit wird abgewertet, Schutzräume fehlen und die finanzielle Abhängigkeit bleibt bestehen“, erklärt Follmann gegenüber der Berliner Landeszentrale für politische Bildung. Von dem Streik erhofft sich das Kollektiv vor allem mehr Sichtbarkeit. „Ein Streik stößt Debatten an. Er macht sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt. Er ist unbequem – und genau deshalb wirksam“, so Follmann. Sorgearbeit, unzureichender Gewaltschutz und ökonomische Abhängigkeit seien zentrale Fragen sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Werte. „Ein Tag verändert nicht alles. Aber er setzt politischen Druck in Bewegung.“

Ein Tag verändert nicht alles. Aber er setzt politischen Druck in Bewegung.

Jen Follmann, Initiatorin des Töchterkollektivs

Der erste Frauenstreik

Der erste Frauenstreik fand 1975 in Island statt, als 90 Prozent der Frauen ihre Arbeit niederlegten und somit das ganze Land zum Stillstand brachten. Der Streik bewirkte verschiedene politische Reformen. Noch heute gilt Island als eines der weltweit fortschrittlichsten Länder in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit.

Hilfesystem für Frauen reicht nicht aus

Auch in Sachsen gab es in verschiedenen Städten Protest- und Streikaktionen. In Leipzig wurde bei einer Pressekonferenz des Vereins „Frauen für Frauen“ über das mangelnde Hilfesystem für Betroffene von häuslicher und sexualisierter Gewalt gesprochen. Die Frauenhäuser und Beratungsstellen in Leipzig arbeiten seit Jahren am Limit. „Aktuell ist es Glückssache, Gewaltschutz zu bekommen“, erklärte Lynn Huber, Koordinatorin des Vereins. Aufgrund des hohen Bedarfs und des geringen Angebots sei es reines Glück, ob man einen Platz in einem Frauenhaus bekomme oder bei einer Beratungshotline jemanden erreiche.

Madeleine Burkowsky leitet das Frauen- und Kinderschutzhaus in Leipzig. Auch sie berichtet, dass sie immer wieder von Gewalt betroffene Frauen abweisen müssen, weil schlicht kein Platz mehr da ist. „Ich möchte nicht mehr, dass wir uns dafür verantwortlich fühlen müssen, sondern Politik und Gesellschaft müssen dafür Verantwortung übernehmen“, sagt sie.

Viola Butzlaff von der Fach- und Beratungsstelle zu sexualisierter Gewalt berichtet, dass sie im vergangenen Jahr über 900 Personen beraten haben. Seit Beginn an seien sie unterbesetzt und konnten die Nachfrage nicht decken. Es bleibe kaum Zeit für Präventionsarbeit, man sei lediglich damit beschäftigt, die Symptome zu bekämpfen. „Wenn man ganz früh, flächendeckend mit Prävention anfangen würde, müssten wir jetzt nicht immer nur die Betroffenen versorgen und den Zahlen hinterherrennen, die immer größer werden“, sagt Butzlaff.

Kritik am Gewalthilfegesetz

Kritik wird auch am Gewalthilfegesetz geübt, das die Regierung Anfang 2025 beschlossen hat. Insbesondere wird ein bedarfsgerechter Ausbau des Hilfesystems gefordert. „Das bedeutet, dass wir nicht selektieren müssen, wem wir ein freies Zimmer geben, wenn wir fünf Anfragen gleichzeitig haben”, macht Burkowsky deutlich. Auch die Finanzierung durch die Kommunen müsse gesichert und Kostensteigerungen müssten berücksichtigt werden. Denn aktuell würden die finanziellen Mittel bei Weitem nicht ausreichen; die aktuelle Förderrichtlinie stammt aus dem Jahr 2021.

Politischer Streik

Der Streik ist politisch und wird nicht gewerkschaftlich organisiert. Die Teilnehmenden sind somit nicht durch das Streikrecht geschützt und riskieren eine Abmahnung seitens des Arbeitgebers. Das hat jedoch mehrere hundert Menschen in Leipzig nicht davon abgehalten, sich bei einem kollektiven „Sit-in“ auf dem Leipziger Marktplatz zu versammeln. Sie bemalen Plakate, picknicken und singen.

„Ich habe genug davon, dass Frauen nicht fair bezahlt werden, dass Frauen nicht ausreichend in Führungspositionen vertreten sind und dass Frauen den Großteil der Sorgearbeit übernehmen“, erzählt Konstanze, die am Streik in Leipzig teilnimmt. Sie und ihre Freundin Michaela haben es sich mit Campingstühlen auf dem Marktplatz bequem gemacht, um ein Zeichen zu setzen.

„Weil ich von Herzen Feministin bin.“

Auch Sara und Lisa sind Teil des Streiks. „Ich bin hier, weil ich Gleichheit und Freiheit möchte und von Herzen Feministin bin“, erklärt Sara. „Weil ich das Privileg habe zu streiken und das für alle Frauen machen möchte, die das heute nicht tun können“, ergänzt Lisa.

Quelle: Emily Heisig

Auch wenn der Streik vor allem von Frauen getragen wird, ist er in erster Linie ein feministischer Streik. Das betont auch Viola Butzlaff von der Fach- und Beratungsstelle zu sexualisierter Gewalt: „Gleichberechtigung ist kein Thema für Frauen, sondern ein feministischer Streik, der alle etwas angeht.“

  1. Frauen* umfasst alle weiblich gelesenen Personen inklusive Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, transgeschlechtliche und agender Personen. ↩︎

Autor:in

  • Redakteurin

    Aufgewachsen in Bayern, vor 10 Jahren zum Studieren in den wilden Osten (Chemnitz) gezogen und will Sachsen seitdem nicht mehr verlassen.

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