Der Verein Zentrum bezeichnet sich als „alternative Gewerkschaft“ und will der IG Metall auch in Sachsen Konkurrenz machen. Die Gruppe steht allerdings extrem rechten Gruppen nahe und hat AfD-Mitglieder in den eigenen Reihen. Bisher haben die Rechtsaußen-Gewerkschafter:innen keinen Erdrutschsieg davongetragen. Aber klar ist auch: Rechtsextreme Einstellungen sind unter Arbeiter:innen anschlussfähig.
„Sensationeller Auftakt bei den Betriebsratswahlen“ heißt es Anfang März auf dem Telegram-Kanal der „alternativen Gewerkschaft“. Bei den innerbetrieblichen Wahlen im Volkswagen-Motorenwerk in Chemnitz haben die Kandidat:innen des Vereins Zentrum 25 Prozent der Stimmen eingefahren. Die Rede ist von einem „Erdrutschsieg“, schließlich habe man das Ergebnis von 2022 verdoppelt. Ein grandioser Erfolg sei das.
Tatsächlich machten 23 Prozent der Wähler:innen bei VW Chemnitz ihr Kreuz bei den „freien Betriebsräten“ – 2022 waren es noch 26 Prozent. Da die Liste, die dem Verein nahesteht, aber mehr Kandidat:innen aufgestellt hat, erhielt sie auch mehr Mandate als bei der letzten Wahl. Die Botschaft ist für die „Gewerkschafter:innen“ von rechts klar: „Die Zeit der Monopolgewerkschaften ist vorbei“, wie einer der Mitstreiter des Vereins in den sozialen Medien kommentiert.
Wer kann einen Betriebsrat wählen?
Alle vier Jahre werden in Betrieben in Deutschland die Mitglieder der Arbeitnehmer:innenvertretungen gewählt. Zuletzt geschah dies 2022. Betriebsräte können in Unternehmen ab einer Größe von fünf Beschäftigten gegründet werden. Die Anzahl der Mitglieder hängt ebenso von der Unternehmensgröße ab. Laut einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft arbeiten 36 Prozent der Beschäftigten in Unternehmen mit einem Betriebsrat – Tendenz sinkend.
Vereinsgründer war Rechtsrock-Gitarrist
Gegründet wurde der Verein 2009 als Zentrum Automobil im baden-württembergischen Untertürkheim. 2010 gelang es dem Gründer Oliver Hilburger und einem Mitstreiter in den Betriebsrat des örtlichen Mercedes-Benz-Werks einzuziehen. 2014 kamen zwei Mandate dazu. Hilburger war vor der Gründung des Vereins bei einer christlichen Gewerkschaft aktiv, musste diese jedoch verlassen, als bekannt wurde, dass er bis 2008 Gitarrist der Rechtsrock-Band „Noie Werte“ war.
Der Verein, der heute nur Zentrum heißt, bezeichnet sich als „alternative Gewerkschaft“. Man will eine Art „Anti-IG Metall“ sein. Zwar ist der eingetragene Verein keine Gewerkschaft im rechtlichen Sinne, mit Kritik an den DGB-Gewerkschaften geizt die Organisation jedoch nicht. „Die jahrzehntelange Dominanz der DGB-Gewerkschaften hat nicht zu mehr Mitbestimmung, sondern vielerorts zu Stillstand, Anpassung und dem Verlust von Arbeitsplätzen geführt“, heißt es in einem Beitrag auf der Website des Vereins.
Einfache Antworten auf komplexe Fragen?
„Der zentrale Punkt des Vereins ist, den DGB-Gewerkschaften alle möglichen Probleme in die Schuhe zu schieben und die als Feindbild zu markieren“, sagt Daphne Weber. Weber ist Kommunikationsberaterin und hat über politische Mobilisierung an der Humboldt-Universität in Berlin promoviert. Sie hat die Strategie von Zentrum in einer aktuellen Studie der gewerkschaft snahen Hans-Böckler-Stift ung analysiert. Der Verein nehme besonders die IG Metall im Automobilsektor ins Visier. „Der Vorwurf lautet, die Gewerkschaft würde mit den Eliten unter einer Decke stecken und sei mitverantwortlich für Probleme wie Arbeitsplatzabbau und -verlagerung.“ Die Antworten, die Zentrum liefert, seien einfach, aber würden der Komplexität der Lage nicht gerecht werden. Ein Beispiel: Zentrum fordert die Abkehr von der E-Mobilität, um die angeschlagene Automobilbranche zu retten.
Die „alternative Gewerkschaft“ wuchs bisher langsam. Anlässlich der Betriebsratswahlen 2018 startete der Verein eine bundesweite Kampagne. „Werde Betriebsrat“ – Dazu rief Zentrum damals auf. Während der Verein zuvor kaum bekannt war, wurden bundesweit Medien auf die kleine Gruppe aufmerksam.
Wahlkampfhilfe von der Neuen Rechten
Das lag auch an der tatkräftigen Unterstützung eines ganzen Netzwerks extrem rechter Gruppen. Der Verein Ein Prozent, der wiederum der Identitären Bewegung nahesteht, produzierte Werbevideos für die „alternativen Gewerkschafter“ und veröffentlichte neben Artikeln und Infomaterialien im Netz auch eine gedruckte Wahlkampfzeitung. Das „Establishment“ sei in Unruhe angesichts der Kampagne, schrieben die rechtsextremen Aktivisten damals.
Medienstrategie geht auf
Der Arbeitnehmer:innen-Verein betreibe eine „professionelle Medienarbeit“ und poste „qualitativ hochwertige, gut produzierte Kampagnenfilme“, urteilt Weber. Dabei inszenieren sie persönliche Geschichten von Kolleg:innen, denen die Zentrums-Betriebsräte geholfen haben. Es seien simple Dramaturgien, die aber Wirkung haben, sagt sie. „Dadurch, dass man die Leute, die es betrifft, persönlich sprechen lässt, gewinnt das Ganze eine hohe Authentizität und eine hohe Glaubwürdigkeit.“ Der Verein veröffentlichte aber auch neutral wirkende Info-Videos, die wohl weniger radikalisierte Arbeiter:innen erreichen sollten, sagt Weber. In den vergangenen Jahren sei die Öffentlichkeitsarbeit von Zentrum immer professioneller geworden.
Die Kampagne brachte dem Verein eine Handvoll Mandate, davon einige in Automobilwerken in Leipzig und Zwickau. Später kam noch ein Standort in Chemnitz dazu. Zur Betriebsratswahl 2026 traten Listen mit Verbindungen zu Zentrum an Volkswagen-Standorten in Zwickau und Chemnitz an sowie bei Porsche und BMW in Leipzig. Bundesweit kommen noch Listen in Niedersachsen, Baden-Württemberg und Bayern dazu. Eigenen Angaben zufolge hält der Verein aktuell insgesamt 30 Mandate bundesweit, zehn davon bei Unternehmen in Sachsen.
AfD, Neonazis und die Freien Sachsen
Das VW-Werk in Zwickau galt lange als Vorzeigestandort des Großkonzerns. Es war die erste Fabrik, die vollständig auf den Bau von Elektroautos umgestellt wurde. Angesichts der Wirtschaftskrise hat Volkswagen die Produktion in der westsächsischen Stadt mittlerweile gedrosselt und Schichten reduziert.
Bundesweit will der Konzern bis 2030 insgesamt 50.000 Stellen abbauen. Es sind unsichere Aussichten für die rund 8.200 Beschäftigten in Zwickau. Lars Bochmann ist einer davon. Der 50-Jährige trat 2022 zum ersten Mal mit der Liste „Bündnis freie Betriebsräte“ zu einer außerordentlichen Betriebsratswahl an. Bochmann ist neben der Betriebspolitik auch in der AfD aktiv. In seinem Wohnort, dem erzgebirgischen Aue-Bad Schlema, kandidiert er für die Partei zur Wahl des Oberbürgermeisters. Bochmann tritt zwar nicht unter dem Namen von Zentrum auf, sitzt aber im Vorstand des Vereins, der seine Liste offen unterstützt. Bei der betriebsinternen Wahl Anfang März errang Bochmanns Liste erneut vier der 35 Mandate.
Vom Neonazi-Aufmarsch in die Betriebspolitik?
Auch Frank Neufert ist Mitglied von Zentrum. Und auch er hat augenscheinlich Verbindungen zu rechtsextremen Gruppen. Fotos auf der Online-Plattform Flickr zeigen ihn etwa bei dem „Trauermarsch“ anlässlich der Bombardierung Dresdens. Die Demonstration ist seit Jahrzehnten ein fester Termin für Neonazis aus dem gesamten Bundesgebiet.
Und: Er arbeitet im Leipziger BMW-Werk. Seit 2018 tritt er dort mit der Interessengemeinschaft Beruf und Familie (IBF) zu Betriebsratswahlen an. Ähnlich wie die Liste im Zwickauer VW-Werk steht auch die IBF dem Zentrum nahe und auch Spitzenkandidat Neufert sitzt im Vorstand des Vereins. Der Karosseriebauer führt allerdings einen langjährigen Rechtsstreit mit dem Auto-Konzern aufgrund mehrerer Kündigungen.
Neufert war jahrelang Mitglied der AfD. Dort war er in der Gruppe „Arbeitnehmer in der AfD“ aktiv – einer von mehreren Versuchen, die Partei attraktiver für Arbeiter:innen zu machen. 2019 verließ er die AfD eigenen Aussagen zufolge, weil die Partei zu wenig Gewicht auf Sozialpolitik legte. Heute tritt er für die Partei Freie Sachsen auf – einem Sammelbecken von Neonazis, Die Heimat-Mitgliedern (früher: NPD) und Verschwörungsgläubigen. Eine Anfrage von KATAPULT Sachsen zu seinen politischen Verbindungen – und anderen Fragen – ließ der Verein Zentrum unbeanwortet.
Wie umgehen mit den Betriebsräten von rechtsaußen?
Nino Vogel ist einer von Neuferts Kollegen. Er sitzt auch im Betriebsrat des Leipziger BMW-Standorts – allerdings für die IG Metall. Fragt man Vogel, wie die Interessengemeinschaft im Betrieb auftritt, fasst er sich kurz: „Sie engagieren sich nur dann, wenn Wahlen sind. Im Betriebsrat kommen sie zu Sitzungen, stimmen mit ab und das war’s. Wir sehen da keine Mitarbeit.“
„Sie engagieren sich nur dann, wenn Wahlen sind.„
Der 31-Jährige gibt sich angesichts der Konkurrenz von Rechtsaußen entspannt: Die Strategie von Neufert und seinen Mitstreitern verfange bei der Belegschaft nicht. Das sehe er etwa bei Betriebsversammlungen „Wenn dort Zentrum das Wort ergreift, stehen die Leute auf und gehen. Das ist ein klares Signal der Belegschaft.“

Vogel will der „alternativen Gewerkschaft“ möglichst wenig Bühne bieten. „Meine Taktik – wenn man das so nennen will – ist, einfach gute Betriebsratsarbeit zu machen. Für mich und die IG Metall heißt das, dass wir uns aktiv und vehement für die Interessen der Belegschaft einsetzen. Das ist die beste Werbung, die man machen kann.“
Tatsächlich sei der Erfolg des Vereins überschaubar, urteilt die Kulturwissenschaftlerin Weber. Es gebe keine verlässlichen Mitgliederzahlen des Vereins und die Anzahl der Listen, die dem Zentrum nahestehen, sei begrenzt. Auch ein Versuch des Vereins, während der Pandemie im Sozial- und Pflegebereich Fuß zu fassen, hat bisher keine sichtbaren Erfolge erbracht.
Bisher wenig Erfolg für Zentrum
„Wenn man das beispielsweise mit der IG Metall im Automobilsektor vergleicht, ist Zentrum verschwindend klein. Das heißt aber nicht, dass man sich zurücklehnen kann.“ Denn die Wahlergebnisse der AfD, vor allem in Ostdeutschland, so Weber, zeigen, dass „die Einstellungen, die Zentrum und Co. ansprechen wollen, in der Bevölkerung vorhanden sind und dann eher bei Parlamentswahlen abgegriffen werden.“

Die Positionen der Af D sind anschlussfähig unter Arbeiter:innen. Das zeigt sich auch in Wahlumfragen. Laut einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap zur Landtagswahl 2024 wählten in Sachsen 45 Prozent der Arbeiter:innen die AfD. Die Partei ist damit stärkste Kraft in dieser Gruppe von Wähler:innen geworden.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen
Instituts der Hans-Böckler-Stiftung anlässlich der Bundestagswahl 2025. Rund 36 Prozent der befragten Arbeiter:innen gaben an, die AfD wählen zu wollen. Die Partei ist also auch auf Bundesebene deutlich überrepräsentiert unter Arbeiter:innen.
Enge Zusammenarbeit mit der AfD
Die „alternative Gewerkschaft“ und die Alternative für Deutschland ähneln sich nicht nur im Namen. Zwischen dem Verein und der AfD gibt es rege Kontakte. Ein Auftritt von Vereinschef Oliver Hillburger im vergangenen Jahr bringt das Verhältnis auf den Punkt: Unter dem Motto „Partei und Gewerkschaft. Gemeinsam zu politischer Gestaltungsmacht“ referierte er vor AfD-Mitgliedern im nordrhein-westfälischen Detmold. Dutzende Bilder in den Sozialen Medien zeigen Hillburger mit Politiker:innen der Partei. Zuerst suchten Akteur:innen am rechten Rand der Partei die Nähe zum Verein. Mittlerweile tritt aber selbst Partei-Chefin Alice Weidel mit den rechten „Gewerkschaftern“ auf, zuletzt vor dem Mercedes-Werk in Untertürkheim. Dabei galt – zumindest offiziell – lange ein Unvereinbarkeitsbeschluss der Partei gegenüber Zentrum. Das dürfte mit der drohenden Beobachtung durch den Verfassungsschutz und den rechtsextremen Verbindungen der „alternativen Gewerkschaft“ zu tun gehabt haben. Das „Kontaktverbot“ wurde beim Bundesparteitag der
AfD im Juni 2022 gekippt – auch auf Betreiben von Björn Höcke. „Die AfD definiert sich selber als Arbeiterpartei oder als Partei der arbeitenden Mitte und für diese Inszenierung ist es natürlich förderlich, wenn es auch einen gewerkschaftlichen Arm gibt“, sagt Weber. Zentrum sei also ein Mittel für die Selbstinszenierung der Partei.
„Zentrum ist ein Mittel der Selbstinszenierung der Partei.“
Ein massiver Rechtsruck, wie ihn einige Medien befürchteten, blieb bei der Betriebsratswahl 2026 augenscheinlich aus. Ein Großteil der Beschäftigten habe nach wie vor großes Vertrauen in die DGB Gewerkschaften, sagt Weber. „Die Leute wissen, wer mehr Lohn in den Geldbeutel verhandelt, wer die Tarifverträge abschließt und wer von den Arbeitgebern auf Augenhöhe als Tarifpartner anerkannt wird.“ Es gehe um Verhandlungsmacht und die IG Metall ist immerhin die größte Einzelgewerkschaft der Welt.
Basis der Gewerkschaften schrumpft
Aber: Die Gewerkschaften befinden sich seit Jahren in der Krise. Die großen Arbeitnehmer:innenvertretungen verlieren konstant ihre Basis. Die DGB-Gewerkschaften zählten 2025 zusammen noch 5.432.306 Mitglieder. Es ist der niedrigste Stand seit 1951. Mitte der 1990er waren es noch über neun Millionen Gewerkschaftsmitglieder. Auch die IG Metall ist von diesem Mitgliederschwund betroffen. Ob sich dieser Trend angesichts des strauchelnden Industriesektors in Zukunft beschleunigen wird, bleibt offen.
Entscheidend wird sein, glaubt Weber, welche Antworten die Gewerkschaften auf die Fragen der Zukunft bieten können: „Einerseits müssen sie die ökologische Transformation im Interesse der Beschäftigten mitgestalten. Wichtig ist neben dem erfolgreichen grünen Umbau, dass Industrieproduktion in Deutschland erhalten wird und Arbeitsplätze gesichert werden. Das wirksam zu kommunizieren, ist schwer, aber zentral.“ Ob ihnen das gelingt, wird sich 2030 zeigen. Dann stehen die nächsten Betriebsratswahlen an.