Folge 2: Silicon Saxony boomt – aber zu welchem Preis? Milliardeninvestitionen, neue Fabriken und tausende neue Jobs verwandeln die Region Dresden in ein Chip-Mekka. Doch die Infrastruktur hält schwer Schritt: Wohnungen, Schulen und Verkehrsinfrastruktur fehlen. Die Stadt muss Zuzug in der Dimension einer Kleinstadt managen. In einem Jahrhundertprojekt strukturiert sie Wasser und Abwasser komplett um. Der Fortschritt hat Durst – und Dresden schwitzt.
- Durch viele neue Halbleiterfabriken und Zulieferer erwartet die Mikroelektronik-Branche rund 30.000[1] zusätzlich Beschäftigte bis 2030 und einen Zuzug von mindestens 24.000 Menschen.
- Sie brauchen Wohnungen, Schulen und Verkehrsinfrastruktur – doch die Stadtkasse ist leer. Die benötigten 10.000 neuen Wohnungen sind bislang nicht in Sicht.
- Die Kommunen im Umfeld könnten zwar profitieren. Das Potenzial ist jedoch begrenzt, da viele ausländische Fachkräfte lieber mit internationaler Anbindung im Stadtzentrum leben. Schon jetzt boomt das Geschäft mit möblierten Wohnungen.
- Der Bedarf an Energie sowie Wasser und Abwasser steigt enorm. Dresden strukturiert deswegen sein Wasser und Abwasser in einem Jahrhundertprojekt komplett um.
Dresden wird Europas Halbleiterzentrum
Dresden wird Europas Halbleiterzentrum. Mit Milliardeninvestitionen und vielen neuen Chipfabriken und Zulieferern ist Silicon Saxony ein Erfolgsprojekt, das weiter wächst. Darüber haben wir in Folge 1 ausführlich berichtet. Der Chip-Boom im Silicon Saxony ist jedoch mit riesigen Herausforderungen verbunden. Nach einer Studie der Wirtschaftsförderung Sachsen werden bis in die 2030er Jahre in der Region Dresden, Freiberg und Chemnitz etwa 30.000[2] zusätzliche Beschäftigte erwartet. Hinzu kommen Lebenspartner und Kinder.

Der Branchenverband Silicon Saxony prognostiziert den Bedarf an neuen Arbeitskräften etwas niedriger, aber immerhin auf 27.000 Menschen. Die Hälfte davon – etwa 13.500 Fachkräfte – kommt aus der Region, die anderen 13.500 Mitarbeiter werden von außerhalb erwartet. Der Verband schätzt: Wenn Fachkräfte, die von außerhalb kommen, ihre Familien mitbringen, kommen in den nächsten fünf Jahren 24.000 Menschen neu in die Region.[3] Die Gesamtbevölkerung wird nach Prognosen der kommunalen Statistikstelle im Jahr 2040 über 603.000 Einwohner zählen – das sind 30.000 mehr Menschen allein in Dresden – hier sind die umliegenden Kommunen nicht einmal eingerechnet.
Halbleiterindustrie ist wasserreichste Industrie überhaupt
Gleichzeitig gilt die Halbleiterindustrie als die wasserreichste Industrie überhaupt. Dresden wiederum gilt nicht als wasserreichster Standort überhaupt. Mit ihren gut 570.000 Einwohner:innen ist die Großstadt in ihrer Wasserversorgung von Talsperren im Erzgebirge abhängig. Im Dürrejahr 2018 ist die Talsperre Klingenberg, der wichtigste Wasserspeicher für Dresden, fast leergelaufen. Seitdem ist die Stadt alarmiert. Immer wieder gibt es Entnahmeverbote, weil im Sommer Wasser knapp wird. Niemand möchte, dass sich die Wassersituation so zuspitzt wie rund um das Tesla-Werk in Grünheide. Deswegen strukturiert Dresden das Wasser und Abwasser komplett neu und baut zur Stromversorgung neue Umspannwerke. Doch der Reihe nach.
Eine komplette Kleinstadt wird im Elbtal erwartet
Mindestens 24.000 neue Einwohner:innen erwartet die Region Dresden in den nächsten fünf Jahren. Dieser Zuzug entspricht der Einwohnerschaft einer Kleinstadt. Sie brauchen laut Branchenverband etwa 10.000 Wohnungen.[4] Doch gerade dieser Punkt erscheint im Dresdner Chip-Boom als offene Flanke. Schon 2023 warb der Verband für Investoren – eine große Wohnoffensive gibt es bislang nicht.[5]

Viele Wohnbauprojekte liegen wegen hoher Baukosten brach
„Wir haben in Dresden genehmigte Projekte für 1.000 Wohnungen, viele liegen jedoch brach“, erklärt Jörg Wimmer, Vorsitzender des Verbands „Stadtgestalter“, welcher die Belange von 13 Wohnungsbauunternehmen in Dresden vertritt. „Aktuell fehlen Investoren. Die Baukosten sind enorm gestiegen und liegen jetzt bei rund 6.000 Euro pro Quadratmeter. Um rentabel zu sein, müssten sie Mieten zwischen 18 und 20 Euro pro Quadratmeter veranschlagen.“ Diese bildeten sich jedoch aktuell in Dresden nicht ab und seien auch nicht im Interesse der Dresdner Bevölkerung.
„Die Mieten können ins Unermessliche steigen“
Für Wimmer drängt die Zeit, Bauen ist eine langfristige Angelegenheit. In der Regel müssten zwei Jahre für die Planung und zwei Jahre für die Bauzeit eingerechnet werden – und 2027 soll ja die Produktion bei ESMC schon beginnen. „Eigentlich müssten jetzt überall Kräne stehen, damit wir rechtzeitig genügend Wohnungen haben“, warnt er im Gespräch mit Katapult Sachsen. „Wenn wir nichts tun und alle nach Dresden strömen, steigen die Mieten ins Unermessliche. Das wäre aus meiner Sicht ein sozialpolitischer Skandal.“ Eine Wohnungsknappheit wie in München gebe es zwar bisher nicht. Es könnte sich jedoch in die Richtung entwickeln, wenn sich die Zuzug-Prognosen realisieren.

„Das einzige, was hilft: Neubau, Neubau, Neubau“
Stadtgestalter-Sprecher Ulf Mehnert erklärt: „Wenn wir alles dem Markt überlassen, müssen die neuen Mietpreise geschluckt werden. Ich will hier nicht das Wort Verdrängung in den Mund nehmen, doch eine normale Dresdner Familie kann das dann vielleicht nicht mehr bezahlen“, sagt Mehnert. „Das Einzige, was gegen Wohnungsknappheit hilft, ist Neubau, Neubau und noch einmal Neubau.“
Appell für gemeinsames Handeln
Wimmer und Mehnert möchten ihren Appell jedoch ausdrücklich nicht als Anklage sehen, sondern als eine Einladung zum gemeinsamen Handeln. „Es gibt viele Beteiligte: Weder die Stadt noch das Land noch der Bundeskanzler können das allein lösen“, erklären sie. Auch den Unternehmen könne man dies nicht allein abverlangen. „Wir möchten ermöglichen. Nur gemeinsam schaffen wir es, Lösungen zu finden“, erklären sie.
Blumenstrauß an Lösungen
Ihr Ziel: Mit dem Baubürgermeister, dem Branchenverband und den großen Unternehmen in einer kleinen Runde über konkrete Schritte beraten. „Wir sehen einen Blumenstrauß an Lösungen“, erklären sie. Dieser liege einerseits darin, die Baukosten zu senken, wie beispielsweise die Grunderwerbssteuer und die Kosten für den dreifach teuren Baustrom sowie für Straßensperrungen. Auch komplizierte Bauvorschriften wie Lärmschutz könnten aufgeweicht werden. Denkbar wäre auch „einmal ein Geschoss mehr zu bauen“. Den von der Bundesregierung beschlossenen „Bau-Turbo“, bei dem auf Planfeststellungsverfahren verzichtet werden kann, begrüßen die Vertreter der Wohnungswirtschaft.
Vorstellbar: Abnahmegarantie für Wohnungen
Bereits 2024 hatte Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) die Idee von Werkswohnungen für die Beschäftigten der Chip-Industrie eingebracht, jedoch ein klares Zeichen erhalten, „dass die Investoren das Ziel aktuell nicht verfolgen“.[6] Wimmer und Mehnert sehen eine andere Möglichkeit: „Eine Abnahmegarantie einer bestimmten Anzahl von Wohnungen zu einem definierten Mietpreis und einer festgesetzten Zeit ist für uns vorstellbar“, erklären sie und stellen gleichzeitig klar: „Wir wollen keine Subventionen und keine Förderung, sondern einfach nur bauen und in Ruhe durchplanen.“
„Die Folgen eines angespannten Wohnungsmarktes sind dramatisch für viele Haushalte. Ausreichend großer Wohnraum wird nicht mehr gefunden oder wird zur Armutsfalle. Mieter trauen sich nicht mehr, ihre Rechte wahrzunehmen.“
Florian Bau, Rechtsberater und Sprecher des Mietervereins Dresden
Mieterverein: Angespannter Wohnungsmarkt wird Zuzug schwer verkraften
Nun könnte man der Bauwirtschaft vorwerfen, vornehmlich eigene Interessen zu verfolgen und eine Knappheit herbeizureden, die es in diesem Ausmaß nicht gibt. Doch auch der Dresdner Mieterverein schlägt Alarm. „Die Folgen sind für Haushalte mit geringem oder mittlerem Einkommen erheblich“, erklärt Florian Bau, Rechtsberater und Sprecher des Mietervereins Dresden und Umgebung auf Anfrage von Katapult Sachsen. Das sächsische Staatsministerium für Infrastruktur und Landesentwicklung (SMIL) habe erst kürzlich festgestellt, „dass in Dresden nach wie vor ein angespannter Wohnungsmarkt vorliegt“ und aus diesem Grund die Mietpreisbremse verlängert.
Zuzug ist „großes Risiko“
„Die Folgen eines angespannten Wohnungsmarktes sind dramatisch für viele Haushalte. Ausreichend großer Wohnraum wird nicht mehr gefunden oder wird zur Armutsfalle. Mieter trauen sich nicht mehr, ihre Rechte wahrzunehmen. Außerdem unterbleiben möglicherweise sinnvolle Umzüge in kleinere Wohnungen. Die Liste ließe sich fortsetzen“, erklärt Bau weiter. Der Rechtsberater des Mietervereins bilanziert: „Da weiterhin nicht in Sicht ist, dass in nennenswerter Zahl vor allem bezahlbare Wohnungen in Dresden entstehen, bewerten wir den prognostizierten Zuzug als großes Risiko für die Gemeinde. Die skizzierten Probleme werden sich potenzieren und die Mieten vermutlich erheblich steigen.“
Das Umland als Wohnreserve
Steffen Rietzschel leitet das Amt für Wirtschaftsförderung in Dresden. Bei ihm laufen viele Fäden der Entwicklungen um die Chipindustrie zusammen. Er möchte die Sorge um eine Wohnungsknappheit nicht bestätigen und sieht viel Potenzial im Umland von Dresden. „Wir kommen beim Zuzug tatsächlich zu den genannten Größenordnungen. Doch nicht jeder der 24.000 zusätzlichen Beschäftigten muss in Dresden wohnen“, sagt er im Gespräch mit Katapult Sachsen. „Mit einer verbesserten Zusammenarbeit über die Stadt- und Gemeindegrenzen hinweg sind wir gut beraten. Hier müssen wir sehen, welche Bau- und Wohnpotenziale es auch außerhalb Dresdens gibt – dabei sind wir bereits auf einem guten Weg.“ Ähnlich sieht das auch Silicon-Saxony-Verbandschef Frank Bösenberg: „In der Analyse der Erlebnisregion Dresden sehen wir viel Potenzial auch außerhalb der Stadtgrenzen, was aktiviert werden kann. Prinzipiell ist die Wohnungsfrage ein lösbares Problem.“
Auch Mieterverein hofft auf umliegende Gemeinden
Der Dresdner Mieterverein sieht eine Lösung der Wohnungsnot ebenfalls in der Region. „Am sinnvollsten erscheint uns die intelligente Einbindung der umliegenden Gemeinden“, erklärt Bau. „Dazu muss der öffentliche Nahverkehr mit einer engen und zuverlässigen Taktung ausgebaut werden.“ Gleichzeitig müsse bezahlbarer Wohnraum schnellstmöglich geschaffen und der Bau von Sozialwohnungen attraktiv ausgestaltet werden. Dies könne mit einer Verschärfung des kooperativen Baulandmodells geschehen. Dieses verpflichte in Dresden private Bauträger, einen gewissen Bruchteil der neu entstehenden Wohnungen als Sozialwohnungen zu errichten.
IHK fordert Tempo bei Wohnungen und Infrastruktur für Fachkräfte
Eine planungsrechtliche „Überholspur“ für interkommunale Kooperationsprojekte, die auf neue Wohnungen, Gewerbegebiete und Infrastrukturen im Großraum Dresden zielen, fordert Andreas Sperl, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden.[7] „All das kann Dresden nur mit dem Umland schaffen“, ist Sperl überzeugt. Sprich: Dresden muss sich „auf Augenhöhe“ mit Ottendorf-Okrilla, Pirna, Kamenz und weiteren Kommunen, Gemeinden sowie Landkreisen zu einer „Metropolregion“ zusammentun.[8]
850 Wohnungen gerade in Dresden entstanden
Wirtschaftsförderungschef Rietzschel verwehrt sich gegen den Eindruck, die Stadt sei nicht aktiv genug. „Es ist nicht so, dass sich Dresden nicht um das Wohnen kümmert. Auf dem Schützenplatz und der Ostraallee sind sehr hochwertige Wohnungen entstanden. Wir haben das im Blick, wir kümmern uns darum“, erklärt er im Gespräch. In der Tat: Rund 850 Wohnungen sind in Dresden gerade fertiggestellt worden. Knapp 1.500 Wohnungen befinden sich aktuell im Bau. Viele weitere in Planung. Gleichzeitig gibt es Kooperationen und Bauprojekte in Ottendorf-Okrilla, Pirna, Meißen, Radebeul, Coswig, Radeberg und Kamenz. Alles zusammen, inklusive der nur geplanten und auch schon verkauften und vermieteten Wohnungen, sind das genau 6.348 Wohnungen.
Mindestens 3.652 Wohnungen fehlen
Allerdings setzt das erstens voraus, dass alle geplanten Wohnungen auch gebaut werden, was gerade nicht passiert. Und zweitens müsste der Bedarf bei einem Plus von 30.000 Menschen wirklich nur bei 10.000 neuen Wohnungen liegen. Diese Wohnungszahl basiert nämlich nur auf der Prognose von Menschen, die von außerhalb neu in die Region kommen. Es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, dass Fachkräfte und Auszubildende, die schon in Ost- und Mittelsachsen leben, in den Großraum Dresden ziehen. Doch selbst wenn der Bedarf wirklich bei 10.000 Wohnungen liegt, fehlen noch 3.653 Wohnungen.

„Schon jetzt extreme Spaltung“
Rietzschel bleibt trotzdem locker: „Von den 30 Taiwanesen, die jetzt schon da sind, wohnt kein einziger in einer Wohnung, die von ESMC bereitgestellt wurde. Der freie Wohnungsmarkt kann das locker abbilden“, erklärt der Chef der Dresdner Wirtschaftsförderung. Weniger locker sieht das allerdings Tom. Er ist Aktivist beim Internationalistischen Zentrum in Dresden und bietet mit seinen Leuten kritische Radtouren zur Chipindustrie an. „Wenn wir nicht rechtzeitig handeln, stehen wir vor einem riesigen Wohnungsproblem in Dresden“, erklärt er. Schon jetzt gebe es in der Stadt eine extreme Spaltung der Gesellschaft.
Obdachlosenzahlen steigen bereits
Während in Vierteln wie Loschwitz die Einkommen und Vermögen sehr hoch seien, seien in Plattenbauvierteln wie Gorbitz und Prohlis viele Menschen auf Sozialleistungen angewiesen. Es komme kaum mehr zum Austausch zwischen den verschiedenen Lebensrealitäten, warnt Tom. „Spannt sich der Wohnungsmarkt weiter an, erleben wir eine harte Verdrängung von einkommensschwachen Menschen. Bereits jetzt steigen in vielen Städten, auch in Dresden und Chemnitz, die Zahlen der Obdachlosen.“ Die Gesellschaft werde damit härter und gnadenloser. Bau vom Mieterverein stellt klar: „Wir sehen keine Gründe für einen positiven Blick in die Zukunft.“
Abnahmegarantie realistisch?
Wie sieht es bei einem möglichen Neubau von Wohnungen mit einer Kooperation und Abnahmegarantie von Wohnungen durch die Unternehmen aus? Wie realistisch ist das? „Wir unterstützen unsere Mitarbeitenden bei der Wohnungssuche mit Projektpartnern“, sagt ESMC-Sprecherin Anke Lemke. Über weitere Details schwieg sie sich aus. Wirtschaftsförderungschef Rietzschel wiederum bestätigt: „Es gibt bilaterale Projekte, bei denen sich ESMC und Wohnungsbauunternehmen über Belegungsgarantien für taiwanesische Fachkräfte verständigen – auch in Dresden. Solche Projekte sind mir bekannt.“ Welche das genau sind, darüber wollte sich Rietzschel nicht äußern.
Eine bestätigte Kooperation gibt es – immerhin: Die Robert Bosch Wohnungsgesellschaft (Woge) baut in Coswig gerade 84 Werkswohnungen.[9] Eingedenk des Bedarfs von 10.000 neuen Wohnungen wirkt diese Zahl jedoch wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Ist das auch für ESMC denkbar? Rietzschel von der Wirtschaftsförderung erklärt: „Ich verweise hier auf eine Aussage des ESMC-Chefs, man sei gut darin, Chips zu produzieren, aber nicht, Wohnungen zu bauen.“
Relocationfirmen suchen Wohnungen
Wimmer bleibt bei seinen Bedenken, die Zeit wird knapp. „Wir merken schon jetzt die Nachfrage nach möblierten Wohnungen“, sagt er. Relocationfirmen würden bereits intensiv Unterkünfte für Mitarbeiter suchen. „Doch auch sie stoßen schon an Grenzen. Nicht selten heißt es dann, Übernachtung im Hotel.“ Dass er nicht übertreibt, zeigt die Einschätzung eines 35-jährigen Dresdner Versicherungsvertreters, der Monteurswohnungen anbietet. „Ich bin jetzt schon bis Ende des Jahres komplett ausgebucht, die Nachfrage ist explodiert“, sagt er der Sächsischen Zeitung.[10]
Zweckentfremdungsverbot dringend notwendig
Der Mieterverein erklärt dazu: „Wir stellen eine Zunahme möblierter Mietangebote fest. Damit wird oft versucht, die Mietpreisbremse zu umgehen.“ Um die „schwerwiegendsten Auswirkungen“ der Wohnungsnot abzumildern, bedürfe es dringend eines Zweckentfremdungsverbots. Dies lindere zwar nur die Symptome, aber jede Maßnahme müsse ergriffen werden, „da sich die Situation eher noch verschlimmern dürfte“.
Studie Zweckentfremdung in Dresden
Bedarf an Industriewasser verdoppelt sich
Neben den Wohnungen gibt es weitere große Herausforderungen. Die Halbleiterindustrie gehört zu den wasserintensivsten Industrien, die es gibt. Im Dresdner Norden stehen bereits acht Fabriken, mit Infineon und ESMC werden es bald zehn sein. Laut Prognosen wird sich der Bedarf an Industriewasser bis 2030 in der Region verdoppeln[11], doch auch der Bedarf nach Trinkwasser steigt durch den enormen Zuzug von Menschen. „Bis 2030 wird der Wasserbedarf der Industrie, vor allem der Chipindustrie, die Hälfte des Dresdner Wasserbedarfs betragen“, erklärt Peter Anderson, Projektleiter bei Sachsenenergie. Anfang der 2020er Jahre sei der Anteil noch ein Drittel gewesen. Gleichzeitig steigen auch die Abwassermengen.

Negativbeispiel Tesla
Zu welchen Problemen es kommen kann, wenn die Wasserversorgung nicht auf die wasserintensive Halbleiterindustrie abgestimmt wird, zeigt das Beispiel Tesla in Brandenburg. Immer wieder gab es dort Demonstrationen – unter anderem wegen der Trockenheit und der mit Tesla in Verbindung gebrachten Wasserprobleme. Auch Dresden gilt nicht als wasserreichste Region und ist von Talsperren im Erzgebirge abhängig, die bei der Dürre 2018 schon einmal fast leergelaufen sind. Das soll in Dresden nicht passieren. Deswegen strukturiert der für Dresden zuständige Energie- und Wasserversorger Sachsenenergie die gesamte Wasser- und Abwasserversorgung im großen Stil um.
Trinkwasser und Industriewasser werden getrennt
„Wir entkoppeln Industriewasser und Trinkwasser“, erklärte Nora Weinhold, Sprecherin von Sachsenenergie. „Die Halbleiterindustrie stellt spezielle Anforderungen an das Wasser. Es wäre wenig sinnvoll, Trinkwasser, das wir mit hohem Aufwand für den menschlichen Verzehr aufbereitet haben, für die Produktion von Wafern zu verwenden“, erklärt sie. „So schonen wir wertvolle Ressourcen und setzen das Wasser effizient und nachhaltig ein.“
Größter Umbau seit Errichtung des Wassersystems
„Die Trennung von Trinkwasser und Industriewasser ist von entscheidender Bedeutung für die Stadt und ihre nachhaltige Entwicklung“, sagt auch Peter Anderson, Projektleiter bei Sachsenenergie. „Wir erleben aktuell die umfassendsten Umbauten seit der Errichtung des Wassersystems in Dresden. Mit dem Aufbau eines zweiten Wassernetzes revolutionieren wir die Wasserversorgung.“ Es handle sich um eines „der größten Projekte, die Sachsenenergie aktuell umsetzt“.
💡 Sachsen-Energie gilt mit rund 600.000 Kundinnen und Kunden als größter kommunaler Versorger Ostdeutschlands.
60 Millionen Liter Wasser täglich für Industrie
Die Trennung des Industriewassers vom Trinkwassersystem ist ein Baustein der neuen Dresdner Wasserstrategie. Ein zweiter ist die zusätzliche Förderung von Industriewasser. Dafür wurden bereits 15 Uferfiltrat-Brunnen an der Dresdner Saloppe, einem alten Wasserwerk, in Betrieb genommen. Doch trotz der laufenden Ertüchtigung des Wasserwerks Hosterwitz bis 2026 und bereits gesicherter zusätzlicher Wassermengen durch Infineon und Bosch reicht die bestehende Versorgung nur mittelfristig aus.
Deswegen plant Sachsenenergie auch ein komplett neues Flusswasserwerk in Dresden-Übigau. Pro Tag sollen dort bis zu 60 Millionen Liter Wasser aus der Elbe gefördert werden.[12]„Der Standort an der Flügelwegbrücke in Dresden-Kaditz ist durch die Nähe zur Elbe, zum Klärwerk sowie die gute Anbindung im industriellen Gebiet strategisch ideal“, erklärt Björn Bergmann, Geschäftsführer der von Sachsenenergie gegründeten SachsenIndustriewasser GmbH, in den DNN.[13]
Anderson von Sachsenenergie erläutert, man sei intensiv im Austausch mit anderen Versorgern. So werde beispielsweise am Rhein mit Industriewasser gearbeitet. London und Hanoi haben Erfahrungen mit Flusswasserwerken, weil sie ihr Wasser auch aus ihren Flüssen beziehen.
Umbau der Wasserstruktur kostet 317 Millionen Euro
Die gesamte Investitionssumme zum Umbau des Dresdner Wassersystems beträgt 317 Millionen Euro, sagt Anderson. Knapp die Hälfte davon fördere der Freistaat Sachsen (100 Millionen) und Stadt Dresden (50 Millionen). Die andere Hälfte (167 Millionen) werde von Sachsenenergie vorfinanziert und später auf den Industriewasserpreis umgelegt. „Für den Privatverbraucher bleibt es kostenneutral“, betont Anderson.

Kritik an mangelnder Transparenz
Gleichzeitig gibt es jedoch Kritik – in einer städtischen Gestaltungskommission bemängeln Architekt:innen die mangelnde Transparenz der Planung, fehlende Visualisierungen und die Wahl eines Grundstücks, das nahe an Kleingartenanlagen liegt.[14]
Der BUND hat zusammen mit Greenpeace Dresden, Parents for Future Dresden, Health for Future Dresden und anderen Unterstützern in einem offenen Brief Intransparenz und Informationsarmut in der Stadtratsvorlage zum Flusswasserwerk kritisiert. „Die Vorlage erweckt den Eindruck, der Stadtrat soll eine langfristige Infrastrukturentscheidung treffen, ohne über die Grundlagen und die Auswirkungen dieser Entscheidung vollständig informiert zu sein“, heißt es in dem Brief. Der BUND fordert darin mehr „Mehr Transparenz für eine Jahrhundertentscheidung“.
Prozesse kritischer begleiten
Mehr Transparenz fordert auch das Internationalistische Zentrum Dresden. „Wir wollen mehr Transparenz und brauchen bezahlbare Wohnungen“, sagt Tom, Sprecher des Zentrums. Zudem müsse die Dresdner Bevölkerung stärker in Mitbestimmungsprozesse eingebunden und ökologische Folgen kritischer analysiert werden. „Wir sollten über die Auswirkungen der Chipindustrie auf die Bevölkerung sprechen. „In Klotzsche wird ein Schwimmbad nicht saniert, während wir nebenan Milliarden in eine Fabrik stecken.“ Gleichzeitig würden für die Leitungen in den Dresdner Norden auch viele Bäume in der Heide gefällt.
Dresdner Stromverbrauch könnte sich verfünffachen
Parallel zum Wasserprojekt verstärkt Sachsenenergie gemeinsam mit Sachsennetze massiv das Stromnetz in Ostsachsen, um den stark steigenden Energiebedarf der Halbleiterindustrie zu decken. „Wir erwarten in Dresden bis 2045 nahezu eine Verfünffachung des Strombedarfes“, sagt Steffen Klinger, Projektleiter bei der Sachsennetze GmbH.
Bis 2027 sind Investitionen von insgesamt 732 Millionen Euro geplant, die teilweise über einen 400-Mio.-Euro-Kredit der Europäischen Investitionsbank (EIB) finanziert werden.[15] Geplant ist unter anderem der Ausbau von Umspannwerken – etwa eine leistungsstärkere 110-kV-Schaltanlage am Umspannwerk Dresden-Räcknitz – sowie neue Hochspannungsleitungen.[16] Um die Nachfrage bedienen zu können, entsteht bis 2030 ein brandneues Umspannwerk in Altwilschdorf.[18] Erste Konflikte gibt es bereits: Die Gemeinde Moritzburg lehnt die Pläne fürs Umspannwerk ab – sie befürchtet Schäden für Flora und Fauna und die Zerstörung eines Naherholungsgebietes.[19]
- Marc Bovenschulte, Frederik Parton, Florian Bernardt: Analyse und Prognose volkswirtschaftlicher und regionalökonomischer Wachstumseffekte des Halbleiterökosystems in Sachsen. Studie im Auftrag der Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH. Institut für Technik und Innovation (iit) August 2024. ↑
- Ebd. ↑
- Prognose des Branchenverbandes Silicon Saxony, die Katapult Sachsen vorliegt ↑
- Ebd. ↑
- Silicon Saxony: Landeshauptstadt Dresden: Dresden sucht Investoren für 10.000 neue Wohnungen, auf Silicon-Saxony.de am 27. Oktober 2023 ↑
- Weller, Andreas: Platzt OB Hilberts Traum von TSMC-Werkswohnungen in Dresden?, auf: wirtschaft-in-sachsen.de am 7. Juni 2024. ↑
- Heiko Weckbrodt: IHK: Brauchen Überholspur für die Metropolregion Dresden, auf: oiger.de. ↑
- Ebd. ↑
- Martin Skurt: Bosch baut in Weinböhla: 84 neue Wohnungen an den Obstwiesen, auf: sächsische.de vom 5. Mai 2025. ↑
- Schloms, Moritz: Wegen ESMC und Infineon: „Die Nachfrage nach Zimmer für Monteure in Dresden explodiert“, in: Sächsische Zeitung vom 15. Juli 2025. ↑
- Katrin Tominski: Sachsen: Wasserbedarf für Industrie verdoppelt sich – Dresden strukturiert die Versorgung neu, auf: tagesschau.de vom 17. Mai 2023. ↑
- Pieschen aktuell (Hg): „Grunderwerb für Flusswasserwerk“, auf: dresden-uebigau.de vom 5. Oktober 2025. ↑
- Catrin Steinbach: „So kommt das Industriewasser in denDresdner Norden““, auf: dnn.de vom 4.Januar 2025. ↑
- Dirk Hein: Dresdner Architektur-Hüter üben Kritik am neuen Elbe-Flusswasserwerk für Chipindustrie, auf: saechsische.de vom 13. September 2025. ↑
- Europäische Investitionsbank: „Deutschland: 400 Millionen Euro für die Energiezukunft Ostsachsens: EIB unterstützt Netzausbau von SachsenEnergie“, auf: eib.org vom 3. April 2025. ↑
- Wirtschaftsförderung Sachsen: „400 Millionen Euro für die Energiezukunft Sachsens“, auf: standort-sachsen.de vom 3. April 2025. ↑
- Europäische Investitionsbank: „Deutschland: 400 Millionen Euro für die Energiezukunft Ostsachsens: EIB unterstützt Netzausbau von SachsenEnergie“, auf: eib.org vom 3. April 2025. ↑
- Stadt Dresden: „Wasser, Strom und Glasfaser: Dresden investiert massiv in städtische Infrastruktur“, auf: dresden.de vom 6. Februar 2025. ↑
- Sven Geisler: „Zoff mit Dresden: Deshalb lehnt Moritzburg die Pläne fürs Umspannwerk ab“, auf: sächsische.de vom 15.10.2025.↑
