In der angespannten Haushaltslage spart der Landkreis Leipzig an der Kinder- und Jugendhilfe. Fachkräfte aus den Kinder- und Jugendhäusern berichten von wachsender Belastung, fehlender Planungssicherheit und der Sorge, dass soziale Angebote für die Jüngsten in der Gesellschaft schrittweise wegbrechen.
Das AWO Kinder- und Jugendhaus in Bad Lausick: Das Wochenprogramm ist gut gefüllt und das Haus voller Menschen. Doch das könnte sich bald ändern. Inmitten des Trubels steht Thomas Schuricht – seit sechs Jahren leitet er die Einrichtung. Er habe teilweise 25 bis 30 Jugendliche täglich da, die Jüngsten von ihnen seien 10 Jahre alt. In dem zweistöckigen Haus gibt es einen Vorleseraum, ein Spielzimmer, eine Bühne, einen Fitnessraum und den „Underground“ – ein offener Aufenthaltsort, an dem Nachmittage verbracht und Geburtstage gefeiert werden. „Es gab Zeiten, da war die Hütte voll, bis abends. Da waren vielleicht 60, 70 Jugendliche da am Tag“, erinnert sich Thomas.
Doch momentan werden es immer weniger. Grund dafür sei, dass Thomas weniger Angebote machen kann. Denn er ist bald die einzige Fachkraft im Haus. Seine feste Mitarbeiterin geht noch in diesem Jahr in Rente. „Und mir wurde klipp und klar gesagt, es werde keine neue Fachkraft geben. Allein ist das nicht tragbar“, erklärt er. Er könne das Haus schon jetzt nur am Laufen halten, weil unbezahlte Praktikant:innen aushelfen. „Man hat uns versprochen, dass es zwei Teams geben wird, die mobile Jugendarbeit machen, um uns punktuell zu unterstützen. Und man hat uns gesagt, dass wir Honorargelder bekommen.“ Bisher sei das aber nicht passiert, kritisiert er.

Bild: Luisa Gabriel
Die Angst vor der „Abschussliste“
Thomas Schuricht ist nicht der Einzige, der eine steigende Belastung durch die Unterfinanzierung spürt. Um sich über die Herausforderungen auszutauschen, treffen er und andere Vertreter:innen der insgesamt 28 Kinder- und Jugendhäuser im Landkreis sich regelmäßig als Facharbeitskreis. Sie sprechen über die „Matrix“ des Jugendamtes, für die sie ihre Öffnungszeiten, Besuche und Projekte dokumentieren müssen. Auf Grundlage dieser Matrix werden Prioritätenlisten der Jugendhäuser erstellt. Die Hausleiter:innen fürchten, diese Listen könnten für systematische Schließungen genutzt werden, wenn das Geld noch knapper wird – sie verstehen sie als eine Art „Abschussliste“. „Wenn es zu Kürzungen kommt, gehöre ich zu den Ersten, die schließen müssen”, sagt Patrick Meyer, Leiter des Jugendclubs in Großpösna. In die Matrix zählen, den Berichten der Hausleiter:innen nach, neben der Anzahl an Kindern und Jugendlichen im Kernort auch Faktoren wie die Kriminalitätsrate und Arbeitslosigkeit hinein. „Je schlechter es der Gemeinde geht, desto besser ist die Punktzahl”, so Meyer. In diesem schneide sein Club in Großpösna schlecht ab. Die Qualität seines Angebots spiegele die Matrix jedoch nicht wider, das findet auch sein Kollege Thomas Schuricht. „Dann bin ich arbeitslos. Das Angebot wird für die Kinder und Jugendlichen im Ort und drumherum nicht mehr vorhanden sein“, bedauert Meyer.
Auch die Jugendlichen in Bad Lausick wissen ihr Jugendhaus zu schätzen. „Meistens hilft es mir auch wirklich viel, wenn ich mit denen da sprechen kann“, sagt ein elfjähriges Kind. „Hier wird man halt zu hundert Prozent ernst genommen, egal was man sagt oder macht“, fügt eine 14-Jährige hinzu. Sie komme fast täglich nach der Schule ins Jugendhaus.

Kaum Spielraum in der Kreiskasse
„Wirklich katastrophal“ beschreibt Dr. Mario Hesse die Finanzsituation in Sachsen. Der Finanzwissenschaftler an der Universität Leipzig spricht von schwierigen letzten Jahren, fehlendem Wachstum und hohen Preisen. Der größte Kostenfaktor: die Sozialausgaben. Bereits im September vergangenen Jahres verhängte das Landratsamt daher eine Haushaltssperre auf die Kinder- und Jugendhilfe – eine Notbremse, die noch nie zuvor gezogen wurde. Als Folge werden alle Hilfeleistungen minutiös geprüft. Das Sozialgesetzbuch verpflichtet die Landkreise zu einer Bandbreite an Leistungen der öffentlichen Jugendhilfe, wie Heimunterbringungen, Erziehungshilfen und Schulbegleitungen. Finanzwissenschaftler Hesse erklärt: „Haushaltssperre heißt nicht, dass nichts mehr passiert. Aber Haushaltssperre bedeutet immer, es darf nichts Neues dazukommen.“ Keine neuen Projekte, Verträge und Investitionen. Die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe im Landkreis Leipzig sind in ihrer ganzen Breite von den Einsparungen betroffen. Die Jugendhäuser, die als freiwillige Leistung gelten, sind nur einer der vielen Bereiche.
Ist das die Lösung für das Haushaltsproblem – bei der Kinder- und Jugendhilfe zu sparen, soweit es geht? „Der Landkreis hat keine Wahl“, sagt Anett Konzack-Klingner. Sie ist Kreisrätin bei der SPD, Mitglied im Jugendhilfeausschuss und selbst Sozialarbeiterin. Sie kennt die Sorgen der Mitarbeitenden in der Kinder- und Jugendhilfe aus erster Hand, aber auch die des Landkreises. Sie schildert, dass die freiwilligen Leistungen, wie die Jugendclubs, immer hinten anstünden. „Das Problem ist, dass wir mit dem Budget gerade so überlebensfähig sind, aber überhaupt nicht mehr entwicklungsfähig“, erklärt sie und fügt resigniert hinzu: „Als Sozialarbeiterin kann ich das kaum ertragen. Aber als Kreisrätin muss ich sagen, auf Landkreisebene sehe ich keine Lösungswege.“

„Wir sind der Rattenschwanz“
Aufgrund der Unsicherheit darüber, ob künftig noch Gelder da sein werden, sehen sich viele der Jugendhausleiter:innen im Landkreis bereits gezwungen, einen Berufswechsel zu erwägen. „Ich muss daran denken, jetzt zu wechseln, bevor das Boot untergeht“, erklärt Patrick Meyer vom Jugendclub Großpösna. Auch Thomas Schuricht aus Bad Lausick schaut sich bereits anderweitig um. Als größtes Problem sehen sie den stockenden Informationsfluss von denen, die über das Geld entscheiden, zu ihnen – denjenigen, die tagtäglich mit den Jugendlichen arbeiten. Ein Mitglied vom Facharbeitskreis hat den Eindruck: „Wir sind der Rattenschwanz, die Allerletzten, an die gedacht wird.”
Um herauszufinden, wie es mit den Jugendhäusern weitergeht, sprechen wir mit Ines Lüpfert, Sozialdezernentin und Zweite Beigeordnete des Landrats. „Wir haben bei den Jugendclubs keine Einschnitte vorgenommen“, versichert sie, und das hätten sie auch nicht vor. Die Prioritätenliste verabschiede der Jugendhilfeausschuss jedes Jahr, erklärt sie, sie seien grundsätzlich zur Legitimation der Finanzierung notwendig. Sie ziehe daher den Begriff „Förderliste“ vor. Schließungen seien keine geplant. Ihr sei darüber hinaus bewusst, dass es mehr Fachkräfte in den Häusern bräuchte – doch das könne sich der Landkreis in dieser Haushaltslage nicht leisten. „Soziale Arbeit kann immer mehr“, merkt sie an.
Eine Umfrage des Jugendamts von 2023 zeigt, dass neun Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen im Landkreis mindestens einmal pro Woche ein Jugendhaus besuchen. Drei Prozent gaben an, sich mit ihren Sorgen an das Jugendhaus zu wenden. Anett Konzack-Klingner sieht es anders als die Sozialdezernentin: „Ich finde ein Jugendhaus muss auch offen sein, wenn nur eine Person kommt.“

Eine Frage des politischen Willens
Professor Torsten Linke, Sozialarbeitswissenschaftler an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig, betont den Mehrwert der Kinder- und Jugendhäuser durch ihre Niedrigschwelligkeit – auch in Abgrenzung von der Schule, in der häufig Leistungsdruck herrsche. Die kostenfreien Angebote könnten besonders für Kinder aus Familien mit begrenzten finanziellen Ressourcen als Freizeitbeschäftigung dienen. Fachkräfte in den Jugendhäusern können zudem vertrauensvolle Ansprechpersonen für die Jugendlichen sein. „Mit Blick auf das Kindeswohl und das Erkennen möglicher Gefährdungen können offene Angebote eine wichtige Anlaufstelle darstellen“, meint Linke. Thilo Fehmel, Professor für Sozialadministration und Sozialpolitik an der HTWK, merkt außerdem an: „Der Hinweis auf fehlende Finanzmittel ist immer auch ein Hinweis auf mangelnden politischen Willen.“
Einen mangelnden politischen Willen bemerken auch die Leiter:innen der Jugendhäuser. „Wir werden schnell vergessen.” Und nicht nur sie merken es, sondern auch die Kinder selbst: „Die Jugendlichen wundern sich, wenn sich mal jemand für sie interessiert”, sagt eine Hausleiterin. „Diese ganze Generation entwickelt dadurch keine Tatkraft mehr.”
Die Haushaltsverhandlungen des Landkreises Leipzig für den Doppelhaushalt 2027/28 sind für die kommenden Monate angesetzt. Die hohen Sozialausgaben und insbesondere Einsparpotentiale in der Kinder- und Jugendhilfe dürften darin wieder einen zentralen Diskussionspunkt bilden.
Svenja Friedrichs und Paula Klüver studieren Journalismus an der Universität Leipzig. Zur Recherche haben außerdem Anne Burckhardt und Luisa Gabriel beigetragen.
