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Prozess gegen Sächsische Separatisten zeigt enge Verflechtungen in rechtsextreme Netzwerke

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Vor dem Oberlandesgericht Dresden müssen sich acht Männer wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten. Einige von ihnen sind in der AfD. Andere stammen aus bekannten rechtsextremen Familien.

Vielleicht hat die Winterkälte sie abgehalten. Zum Oberlandesgericht (OLG) Dresden sind an diesem 23. Januar jedenfalls nicht viele Privatpersonen gekommen. Vor allem der Zuschauerraum im Sitzungssaal ist mit Vertreter:innen der Presse gefüllt. Dann beginnt der erste Prozesstag gegen die sogenannten Sächsischen Separatisten: Die jungen Männer in Handschellen betreten nach und nach den Raum, flankiert von kräftig gebauten Justizbeamten.

Während Jörg Schimanek blass aussieht, zeigt sein Bruder Jörn in Richtung der Fotografen demonstrativ den Mittelfinger. Das Gesicht von Kurt Hättasch, gekleidet in einem altmodischen Janker, bleibt ausdruckslos. Und dann ist da noch Kevin R., der ähnlich wie sein AfD-Kumpan Hättasch einen Kaiser-Wilhelm-Bart trägt. R. grinst breit, witzelt mit seinen Verteidigern. Einmal dreht er sich nach hinten, um in Richtung seiner dort sitzenden Familienangehörigen lachend eine Grimasse zu schneiden.

Jörg und Jörn Schimanek, Kurt Hättasch, Kevin R. und vier weitere Männer sind an diesem Tag vor Gericht, weil ihnen von der Bundesanwaltschaft vorgeworfen wird, dass sie mit Waffengewalt in Sachsen einen an der Ideologie des Nationalsozialismus ausgerichteten Staat errichten wollten. Konkret lauten die Vorwürfe unter anderem Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung sowie die Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens.

Mutmaßlich genozidale, ethnische Säuberungen geplant

Die Sächsischen Separatisten, die sich intern laut Anklage selbst SS nannten, sollen aus etwa 15 bis 20 Personen bestanden haben. Rädelsführer und Initiator soll Jörg Schimanek gewesen sein, der über Telegram Gleichgesinnte um sich scharte. Neben ihm und seinem Bruder sollen auch Karl K. und Norman T. von Anfang an dabei gewesen sein, die anderen kamen später dazu. Sie alle verfolgten nach Auffassung der Bundesanwaltschaft einen Sieg der “weißen Rasse” und der Idee des militanten Akzelerationismus. Sie sollen genozidale, ethnische Säuberungen und die Tötung von politischen Amtsträgern im Falle eines Systemsturzes geplant haben. Immer wieder wird in der Anklage jedoch betont, dass die Gruppierung diesen Systemsturz nicht selbst herbeiführen wollte.

Gemeinsam sollen die heute 22- bis 26-Jährigen paramilitärische Trainings durchgeführt haben. So sollen sie etwa an einem aufgegebenen Flugfeld bei Brandis sowie auf Schießständen und in Waldgebieten unter anderem Häuserkampf geübt haben. Es wurde hantiert mit Messern, Handgranaten-Atrappen, scharfen Waffen. Die Beschaffung militärischer Ausrüstung wie ballistischen Schutzwesten oder Tarnkleidung gehörte ebenso dazu.

Der Bundesverfassungsschutz erhielt den ersten Tipp über die SS-Aktivitäten vom US-amerikanischen FBI. Anfang November 2024 wurden dann etwa 20 Räumlichkeiten durchsucht, darunter auch welche von sieben weiteren Verdächtigen und Objekte in Österreich. In einem von der Familie Schimanek angemieteten Forsthaus in Niederösterreich wurde dabei unter anderem ein großes Waffenlager mit rund 30 kg Munition gefunden. In und um Leipzig, in Dresden, an einem Ort im Landkreis Meißen sowie im polnischen Zgorzelec wurden die Angeklagten verhaftet.

Drei AfD-Mitglieder aktiv in der Kommunalpolitik

Nicht alle Festnahmen verliefen reibungslos: In Grimma ist Kurt Hättasch den GSG 9-Spezialkräften mit einem geladenen Jagdgewehr gegenübergetreten. Weil er in Richtung der Beamten gezielt haben soll, hatte einer zweimal auf ihn geschossen und ihn so am Kinn verletzt. In Untersuchungshaft soll Hättasch Tagebuch führen. Auszüge erscheinen in der rechtsextremen Zeitschrift „Sezession“, deren Herausgeber Erik Lehnert ist, Fraktionsgeschäftsführer der AfD-Fraktion im Landtag Brandenburg. In den Texten heißt es, dass Hättasch von einem Antifa-Angriff ausgegangen sei. Die Narbe in seinem Gesicht ist dann beim Prozessauftakt kaum sichtbar. Der Metallbauer wird neben den anderen Anklagepunkten auch des versuchten Mordes aus niedrigen Beweggründen, des tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte sowie Verstößen gegen das Waffengesetz bezichtigt.

Hättasch ist kein Unbekannter in der Region: Er saß für die AfD im Kreisvorstand im Landkreis Leipzig und im Stadtrat von Grimma, arbeitete als Mitarbeiter des Landtagsabgeordneten Alexander Wiesner und gehörte über Jahre dem Vorstand der mittlerweile aufgelösten AfD-Jugendorganisation Junge Alternative (JA) in Sachsen an. Auch Kevin R. war in der AfD aktiv, kümmerte sich im Kreisverband Leipzig um die Medienarbeit und soll ebenfalls für einen Landtagsabgeordneten gearbeitet haben. Hans-Georg P. wurde von 2021 bis Oktober 2022 von der Leipziger AfD in den Stadtbezirksbeirat Ost entsandt.

Hättasch und R. planten darüber hinaus einen rechten Szenetreff in Grimma einzurichten. Im Januar 2024 überwies Berlins früherer Finanzsenator Peter Kurth (ehemals CDU) nach Spiegel-Recherchen 100.000 Euro auf R.s Konto für den Kauf eines Gebäudes. Obwohl die AfD nach der Festnahme von Kurt Hättasch, Kevin R. und Hans-Georg P. verkündete, sie aufgrund der Vorwürfe aus der Partei auszuschließen, sind sie (Stand Mitte Februar) noch Mitglieder der AfD. Das Parteiausschlussverfahren läuft.

Solidarität durch AfD-Landtagsabgeordneten und Höcke

Im September 2025 rief der AfD-Kreisverband Landkreis Leipzig auf Facebook derweil zu einer solidarischen Kundgebung für Hättasch und R. auf. Erst nach Intervention des AfD-Landesvorstandes wurde sie abgesagt. Beim Prozessauftakt gegen die acht Angeklagten sitzt einer der Initiatoren der Kundgebung, der sächsische Landtagsabgeordnete Jörg Dornau, dann im Zuschauerraum.

Auch Björn Höcke, der Vorsitzende der AfD-Fraktion im Erfurter Landtag und Thüringer AfD-Landeschef, erklärte Hättasch öffentlich zu einem Opfer eines „Putschs“ gegen die AfD. Im Juni des vergangenen Jahres besuchte Höcke dessen Ehefrau. Auch sie ist in der rechtsextremen Szene zuhause: Ihr Vater ist Thomas Sattelberg, der frühere Anführer der verbotenen neonazistischen Kameradschaft Skinheads Sächsische Schweiz (SSS) und heutige Funktionär der Partei Die Heimat. Gemeinsam mit Hättasch besuchte sie etwa im Frühjahr 2022 das Institut für Staatspolitik in Schnellroda, eine jahrelange rechtsextreme Kaderschmiede und AfD-Besuchermagnet.

Schon früh war eine nationalistische Gesinnung bei Kurt Hättasch deutlich. So soll er auf dem Schulhof von den Reden an die deutsche Nation des sächsischen Philosophen Johann Gottlieb Fichte aus dem Jahr 1808 geschwärmt haben, die als geistige Vorläufer des Nationalsozialismus gelten. Das erfährt KATAPULT Sachsen von einer Person, die mit Hättasch im Geschichtsunterricht saß. Die erinnert sich auch, dass er dort bei dem Thema Zweiter Weltkrieg sinngemäß gefragt haben soll, warum nicht der deutschen Opfer durch die Alliierten gedacht werde. Jahre später, im Juni 2024, gedachten Hättasch und seine Frau dann bei einer Sonnenwendfeier in der Oberlausitz des SS-Standartenführers Max Wünsche.

Szene-Anwälte fahren aggressiven Kurs

Insgesamt 19 Verteidiger sitzen den acht Angeklagten aktuell zur Seite. Darunter ist zum Beispiel ein ehemaliger Chef der Wiking-Jugend, ein Die Heimat-Funktionär und ein früherer Legida-Organisator. 2016 war einer der Verteidiger beim Angriff auf den linken Stadtteil Leipzig-Connewitz dabei. Martin Kohlmann, Vorsitzender der neonazistischen Kleinstpartei Freie Sachsen, vertritt Jörg Schimanek.

Zu Hättaschs fünf Verteidigern gehören unter anderem der vorbestrafte Ex-AfD-Funktionär Dubravko Mandic aus Freiburg sowie der baden-württembergische AfD-Politiker Markus Berthold. Mandic und sein Team sprechen von einem „politischen Prozess“. „Diese Namen müssen Sie sich einprägen“, sagt Mandic über die Richter und die Vertreter der Bundesanwaltschaft. „Wer bei so etwas mitmacht, macht sich mitschuldig. In Ihrer Haut möchte ich nicht stecken!“ Die Vorsitzende Richterin Simone Herberger lässt Mandic gewähren und sagt auch dann nichts, als Verteidiger und Angeklagte wie in einer Kneipe zustimmend auf die Tische klopfen.

An den darauffolgenden Verhandlungstagen äußern sich Hättasch und Jörg Schimanek ausführlicher. Während sich der AfD-Mann vom mutmaßlichen Rädelsführer distanziert und erklärt, er sei nicht „rassistisch, antisemitisch oder extremistisch, gar terroristisch“, rudert Schimanek etwas weniger zurück. „Meine Einstellung ist rechts und ich bin national“, beginnt er seine Rede bestimmt. Sein Überlebenstraining für einen Katastrophenfall habe aber keine politische Komponente gehabt.

Rechtsextremer Vater organisierte ebenfalls Wehrsportübungen

Wer wissen will, wieso Jörg Schimanek und womöglich auch sein Bruder solche politischen Ansichten haben, muss nicht lange suchen: Sie sind die Söhne eines bekannten Rechtsextremisten aus Österreich, Hans Jörg Schimanek junior. Er war in den 1990ern Führungskader in Gottfried Küssels Volkstreuer außerparlamentarischer Opposition (Vapo). Dort organisierte er Wehrsportübungen. 1995 wurde er wegen NS-Wiederbetätigung zu mehreren Jahren Haft verurteilt.

Nach seiner Entlassung zog Schimanek nach Ostdeutschland und arbeitet dort seitdem mit dem Bauunternehmer Reinhard Rade zusammen, einem Ex-Funktionär der rechtsextremen Partei Die Republikaner. Rade besitzt auch mehrere Immobilien auf der kroatischen Insel Šipan. Dort soll es laut Dorfbewohner  Militärübungen gegeben haben, auch Jörg und Jörn Schimanek waren 2021 mit Freunden auf dem Weg dorthin. Hans-Jörg Schimanek senior war einst Landeschef der Rechtsaußen-Partei FPÖ in Niederösterreich. René Schimanek, der Bruder von Hans-Jörg junior, war bis Februar 2025 Büroleiter von Nationalratspräsident Walter Rosenkranz (ebenfalls FPÖ). Hans-Jörg Schimanek junior und René sind aktuell erneut wegen NS-Wiederbetätigung angeklagt.Hans-Jörg Schimanek junior wurde vom Landgericht Wien nun wegen NS-Wiederbetätigung schuldig gesprochen und zu 18 Monaten verurteilt. 

Die Wehrsportübungen und „Häuserkämpfe“ seien nur eine Möglichkeit, sich fit zu halten, sagt sein Sohn Jörg nun also vor Gericht. Von seinem Vater gibt es zustimmendes Nicken und Applaus im Zuschauerraum, auch seine Mutter klatscht. Und wieder: keine Ordnungsrufe der Richterin. Das Gericht hat bereits weitere Verhandlungstermine bis mindestens Ende 2026 angesetzt. Es wird ein Marathon, kein Sprint.

von Natalie Meinert

Autor:in

  • Sachsen Tiger

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