Folge 1: Chip-Boom im Silicon Saxony – mit der Ansiedlung des taiwanischen Chip-Giganten TSMC wird die Region Dresden zur Hoffnung Europas für eine eigene europäische Chipindustrie, die unabhängig von Zulieferern wird. Schon jetzt haben weitere Halbleiter-Produzenten und Zulieferer weitere Milliarden- und Millioneninvestitionen angekündigt. Das boomende Chip-Hightech-Cluster in Sachsen ist mit vielen Chancen aber auch enormen Herausforderungen verbunden.
Teil 1 ___ Die Chancen
- Acht Fabriken1 strukturieren bereits in riesigen staubfreien Reinräumen elektronische Schaltkreise auf Wafer, aus denen später die einzelnen Chips herausgeschnitten werden
- Drei weitere große Fabriken werden gerade gebaut
- Der größte Chiphersteller der Welt – TSMC aus Taiwan – kommt jetzt nach Dresden
Während sich der Dresdner Herbst in die sonnenumwobene Weinhänge des Elbtals einwebt, pumpen zwei Betonwerke im Dresdner Norden fast pausenlos frischen Betonbrei in LKWs. Rund 1000 Mitarbeiter arbeiten in Schichten – die einzige Pause liegt zwischen drei und sechs Uhr morgens –, um Europas größte Chipfabrik zu bauen. Der taiwanische Chip-Gigant TSMC baut hier mit Partnern für zehn Milliarden Euro sein erstes Werk in Europa. Er gilt als Produzent der modernsten und besten Halbleiterchips der Welt.
Ein Fußballstadion voller Beton
Damit die elektronischen Schaltkreise nanometergenau auf den Silizium-Scheiben entstehen können, muss die Fab – wie es im Branchen-Fachjargon heißt – vor den kleinsten Erschütterungen sicher sein. Selbst eine Straßenbahn kann hier zu Abweichungen führen, wenn der Boden Druckwellen überträgt. Deswegen wird die neue Halbleiterfabrik auf dem Granitfels des Dresdner Nordens und auf einem immens dicken Fundament errichtet. Insgesamt 155.000 Kubikmeter gemischter Beton – das entspricht in etwa einem bis oben gefüllten Fußballstadion – werden als Betonplatten in zehn Metern Tiefe direkt auf den Fels gegossen und in den Mauern verarbeitet. Hinzu kommen 30.000 vorproduzierte Betonteile. „Die Bodenplatten sind in den meisten Gebäuden fertig, erste Ebenen wachsen bereits in die Höhe“, erklärt Anke Lemke, PR-Managerin des eigens für Dresden gegründeten TSMC-Joint-Ventures ESMC. „Wir verbauen fast so viel Beton, wie im Taipeh-Tower steckt.“ Der Taipeh 101 war mit über 500 Metern Höhe bis zum Jahr 2009 das höchste Gebäude der Welt.

TMSC ist der weltgrößte Chiphersteller
Doch warum ist die Ansiedlung von TSMC so wichtig? „TSMC ist längst der größte Chiphersteller der Welt. Er produziert in allermodernsten Chipfabriken weltweit und mit großem Abstand die allerneuesten, besten Chips“, erklärt Branchenkenner Heiko Weckbrodt. Der Wirtschaftsjournalist beschäftigt sich seit Jahren mit der Entwicklung im sogenannten Silicon Saxony. „TSMC ist derzeit uneinholbar in Quantität und im technologischen Niveau.“ Niemand anderes könne so leistungsfähige Super-Chips mit teils nur zwei Nanometer Strukturgröße massenhaft bauen. Bislang beherrschen rein europäische Halbleiter-Unternehmen nur Strukturen bis hinunter zu 24 Nanometern. Das ESMC-Ziel für Dresden liegt – vorerst – bei zwölf Nanometern.
Neues Technologieniveau
„Die Ansiedlung von TSMC ist ein Adelsschlag für die Region Dresden. Damit steigt Sachsen eine ganze Klasse auf und erreicht ein höheres Technologieniveau“, sagt Weckbrodt. TSMC produziere als Auftragsfertiger für alle großen Player wie Apple und den KI-Spezialisten Nvidia. „Nvidia ist der Experte für KI-Beschleuniger im westlichen Raum, die meisten großen Trainingszentren in den USA arbeiten mit Nvidia-Chips.“

Vorbereitung unter großer Geheimhaltung
Für TSMC ist der Bau einer Megafab in Europa Neuland. Deshalb haben die Taiwaner mit europäischen Partnern, die European Semiconductor Manufacturing Company GmbH (ESMC) gegründet. Diese kennen das hiesige „Halbleiter-Ökosystem“ und potenzielle Kunden. Das Ziel: die neue Fabrik schnell flott zu bekommen. Viele Jahre wurde die hochkarätige Ansiedlung unter großer Geheimhaltung vorbereitet – dieser Deal durfte nicht platzen. Alle arbeiteten zusammen, der Branchenverband, der Freistaat, Dresden, ansässige Unternehmen, die Wirtschaftsförderungen – alle.
💡 Die European Semiconductor Manufacturing Company GmbH (ESMC) ist ein Gemeinschaftsunternehmen von TSMC (70 Prozent der Anteile) und Bosch, Infineon und NXP Semiconductors (jeweils 10 Prozent) zum Bau und Betrieb der neuen Halbleiterfabrik (Fab) in Dresden.
Größte Investition in Sachsen seit der Wende
Möglich wurde der Coup schließlich durch den EU Chips Act und den Klima- und Transformationsfonds (KTF) des Bundes. Insgesamt fünf Milliarden Euro Subventionen fließen in das neue ESMC-Werk in Dresden – die Hälfte der Investitionssumme von zehn Milliarden. Die Anteilseigner Infineon, Bosch und NXP sind mit jeweils rund 0,5 Milliarden dabei. TSMC selbst zahlt „nur“ 3,5 Milliarden Euro. Ein großer Betrag, doch gemessen an der Gesamtsumme verhältnismäßig moderat. „Das ist die größte Investition in Sachsen seit der Wende“, bilanziert der Chef der Dresdner Wirtschaftsförderung Steffen Rietzschel im Gespräch mit Katapult Sachsen.

Die geopolitische Dimension
Doch warum steckt die EU plötzlich über den EU Chips Act so viel Geld in die Halbleiter-Industrie? Warum fließen so viele Investitionen? Die Ansiedlung der Chiphersteller hat auch eine geopolitische Dimension – die allerdings nur wenige Gesprächspartner betonen. Bislang hatte TSMC immer nur in Taiwan gebaut. Das Land stand jedoch zuletzt im Fokus geopolitischer Spannungen zwischen den USA und China. „Was passiert, wenn China Taiwan erobert? Was passiert bei einem Erdbeben? Die EU möchte unabhängiger von Zulieferungen werden, sie will selbst das große Rad drehen“, sagt Weckbrodt. Ein europäischer Standort reduziere das Risiko, dass Europa im Falle einer Taiwan-Krise von Chiplieferungen abgeschnitten ist. “Und umgekehrt macht sich TSMC mit seinen neuen Chipfabriken in den USA, in Japan und in Europa resilienter gegen Lieferkettenstörungen, Zollkriege und nicht zuletzt auch gegen echte Kriege.”
💡 Der European Chips Act wurde im Jahr 2023 von der EU mit dem Ziel verabschiedet, öffentliche und private Investitionen in Höhe von 43 Milliarden Euro auszulösen und Europas Weltmarktanteil in der Mikroelektronik bis 2030 auf 20 Prozent zu erhöhen. Vor Dresden wurden schon Förderungen für Werke bei Grenoble in Frankreich, Catania auf Sizilien und Novara in Italien genehmigt.
Corona und Zuliefererkrise haben Empfindlichkeit gezeigt
Weckbrodt beschäftigt sich seit Jahren mit der Entwicklung der Mikroelektronik in der Region Dresden und kennt die internationalen Dimensionen der Branche. „Sowohl Corona als auch die Zuliefererkrise durch den Angriff auf die Ukraine und die Blockade des Suezkanals – all das hat den westlichen Ländern vor Augen geführt, wie empfindlich sie gegen Lieferkettenstörungen sind”, erläutert er. Unternehmen und auch Wirtschaftspolitiker weiteten daher seit geraumer Zeit das Mehrquellen-Prinzip aus. „Das bedeutet: Für wichtige Schlüsselkomponenten wie beispielsweise eben Schaltkreise sollte man mehrere Quellen in mehreren Weltregionen haben, statt zu abhängig von einem Land oder von einem einzigen Produzenten zu sein“, erklärt der Chip-Experte Weckbrodt.

„Halbleiter sind der Treibstoff des 21. Jahrhunderts“
Die TSMC-Ansiedlung ist also auch ein großes politisches Projekt. Deswegen kam Ursula von der Leyen zum Spatenstich im August 2024 höchstpersönlich angereist, ebenso der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz. Die europäische Industrie profitiere von zuverlässigeren Lieferketten und TSMC von einem besseren Zugang zur Automobilindustrie in Europa. „Wir alle wissen, dass das globale Wettrennen um die Technologien von morgen begonnen hat. Und ich will, dass Europa jetzt wirklich einen Gang zulegt“, sagte die EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen. Olaf Scholz erklärte: „Halbleiter sind der Treibstoff, das Erdöl des 21. Jahrhunderts.“ Unsere Zeit sei durch die Digitalisierung und den Abschied von fossilen Energieträgern geprägt. „Wer bei diesen beiden Megatrends dabei sein will, braucht vor allem Halbleiter.“ Rund 20 Prozent Weltmarktanteil will die EU erreichen. Dieses Ziel halten allerdings viele Branchenbeobachter für illusionär, selbst in Dresden.
ESMC-Baustelle gehört zu den größten Europas
Die neue 200 mal 200 Meter große Fabrik des taiwanesischen Chip-Giganten TSMC gehört zu den größten Baustellen Europas und ist schon jetzt eine kleine Containerstadt mit Bürogebäuden, Kantinen und Mitarbeitern aus 60 Nationen. Der Zeitplan ist strikt, die Ziele sind klar, die Produktion soll zügig und sicher starten und auf Kundenwünsche abgestimmt werden. „Unser Ziel ist es, im nächsten Jahr die Dächer wetterfest zu schließen und mit dem Innenausbau zu beginnen. 2027 sollen die Fertigungsanlagen eingebaut werden und später ist es soweit: First wafer out, die Produktion der Wafer kann beginnen“, erläutert Lemke.

Produktion nach Wunsch der Kunden
Lemke macht deutlich: ESMC ist ein reiner Auftragsfertiger. Übersetzt und stark vereinfacht heißt das: ESMC hat die Werkhalle, die Werkzeuge und die Prozesse, die sonst fast niemand hat. Unternehmen wie Infineon kommen mit ihren entworfenen Wafern und lassen sie dort produzieren. Sie profitieren dabei von Maschinen, die sie sich selbst niemals leisten könnten und von einem Expertenwissen für die hochkomplexe Produktion.

Rund 2000 Stellen allein im ESMC-Werk
Rund 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen in dem Werk arbeiten. Neben den Bauarbeitern und 70 ESMC-Fachkräften haben auch die ersten Azubis schon begonnen. „Sie dürfen das Entstehen der Fab miterleben. Wir möchten eine eigene Talentpipeline aufbauen und suchen jetzt schon die Azubis für das nächste Jahr“, sagt Lemke. „Eine Halbleiterfabrik zu bauen, gehört zu den komplexesten Bauvorhaben der Welt.“ Insgesamt 30 Experten aus Taiwan seien aktuell vor Ort. In Hochzeiten würden künftig mehrere hundert taiwanische Fachkräfte erwartet, die den Aufbau und das Einfahren der Fabrik begleiten.
Infineon baut weitere große Fabrik
Um die Dynamik in Silicon Saxony einzuschätzen, reicht jedoch längst nicht nur der Blick auf ESMC. Auch Infineon baut gerade seine zweite Fabrik, die „Smart Power Fab“ für weitere 1000 Mitarbeiter. Die zahlreichen Kräne, die an der Königsbrücker Straße weit in die Höhe ragen, bilden in der Nacht ein Spiel aus roten Lichtern, das von fast jedem Ort in Dresden zu sehen ist. Das neue Werk soll grünes Vorbild werden in der sonst eher umweltschädlichen Halbleiterindustrie. Mit elektrischen Plasmaanlagen für Abgase, effizienten Strom- und Wärmeflüssen sowie Solaranlagen auf dem Dach. „Der Produktionsstart ist für 2026 geplant. Wir haben den Rohbau in einer Rekordzeit von nur 19 Monaten fertiggestellt und bereiten uns darauf vor, die ersten Tools einzubringen“, erklärt Sprecherin Nora Pluntke. Die Smart Power Fab sei in der Lage, ihre Fertigungslinien innerhalb weniger Tage umzustellen und somit zwischen unterschiedlichen Leistungs-, Analog- und Mischsignaltechnologien zu wechseln. Insgesamt 3900 Menschen arbeiten schon jetzt für Infineon in Dresden.

Dresden wird Boom-Region
Neben ESMC und Infineon hat auch Bosch für eine Milliarde Euro ein neues Werk in Dresden gebaut – die „größte Einzelinvestition in der Unternehmensgeschichte“2. Es ist seit 2021 in Betrieb. Globalfoundries betreibt bereits zwei Fabrikeinheiten und möchte ab 2026 ebenfalls über eine Milliarde Euro investieren,3 um seine Kapazitäten zu erweitern. Das ostdeutsche Halbleiter-Unternehmen X-Fab hat seine Dresdner Chipfabrik für rund 40 Millionen Euro ausgebaut.4 Das Thüringer Unternehmen Jenoptik produziert seit Mai dieses Jahres in einer neuen Fabrik in Dresden Mikrooptiken für die Halbleiterindustrie. Silicon Saxony boomt. Grob gerechnet fließen knapp 19 Milliarden Euro an Investitionen in die Halbleiterregion rund um Dresden.
Enormer Wachstumsschub
„Mit den Ansiedlungen erleben wir einen enormen Wachstumsschub, der Dresden zur Boom-Region macht und die Weichen für die nächsten 20 Jahre stellt“, erklärt Frank Bösenberg, Geschäftsführer des Branchenverbandes Silicon Saxony. Die Ansiedlung von TSMC sei einzigartig in Europa und stärke die Region weiter. „Die Investition zieht weitere Unternehmen an, das merken wir schon jetzt.“ So habe der französische Industriegas-Hersteller Air Liquide eine neue 250-MillionenInvestition zur Versorgung der Halbleiterindustrie angekündigt. Auch der japanische Chipfabrik-Ausrüster Murata will eine Niederlassung samt Schulungszentrum in Sachsen eröffnen – den ersten Spatenstich in Dresden-Klotzsche gab es bereits. Über 650 Mitgliedsunternehmen zählt der Branchenverband. „Wir erleben in Dresden eine ähnliche Entwicklung wie beim Bankensektor in Frankreich. Die Region wird zum Zentrum einer ganzen Branche im europäischen Maßstab“, bilanziert Bösenberg im Gespräch mit Katapult Sachsen.

Einzigartiges Chip-Ökosystem
„Die Entscheidung von TSMC ist wegen des eingespielten Halbleiter-Ökosystems und über 60 Jahren Erfahrung mit Mikroelektronik auf Dresden gefallen“, analysiert Chip-Journalist Weckbrodt. „Dresden ist ein einzigartiger Standort, das gibt es in dieser Art nicht noch einmal: Mikroelektronik-Massenproduktion paaren sich hier mit Spitzenforschung, Fertigungsmöglichkeiten für analoge, hybride und organische Halbleiter auch in kleineren Serien, sowie innovativen Start-ups“. Von Pilotlinien aus könne man gleich nebenan zur Massenproduktion wechseln. Dieser Deep-Tech-Faktor, der die enge Verzahnung von Forschung, Industrie und Produktion beschreibt, sei enorm. Sein Nutzen reiche weit über die Entstehung von Arbeitsplätzen hinaus.
Schon jetzt Mitnahmeeffekte spürbar
In Dresden gebe es zudem Ausbildungen für Fachkräfte bis hin zu Erfahrungen, wie giftige Restabgase verwertet werden. „Diese besondere Expertise gibt es sonst nirgends.“ Noch bevor das ESMC-Werk den ersten Chip produziert habe, seien die Mitnahmeeffekte deutlich spürbar. So investiere der Klima- und Kältetechnik-Ausrüster Sachsenkälte zehn Millionen Euro in Dresden, weitere Ansiedlungen auch taiwanischer Zulieferer sind absehbar.
„Das Silicon Saxony kann man sich wie ein Mosaik vieler Chipfabriken und Forschungseinrichtungen vorstellen, die sich untereinander nur wenig Konkurrenz machen, oft aber kollaborieren.“
Chip-Fachjournalist Heiko Weckbrodt
Automobil- und Maschinenbau schwächeln gerade
Allerdings, auch das betont Branchenkenner Weckbrodt: Die Hauptabnehmer der Chipindustrie liegen im Automobil- und Maschinenbau, beide Branchen schwächelten gerade. „Nur wenn es gelingt, die geschaffenen Kapazitäten auszulasten, wird es weitere Investitionen geben“, erklärt er. Der Mikroelektronik-Experte sieht zudem das EU-Ziel von 20 Prozent Weltmarktanteil in weiter Ferne. „Wir dürfen uns keine Illusionen machen, dass wir autark werden. Wir sind Lichtjahre davon entfernt, größter Chipstandort der Welt zu werden. Derzeit liegt Europa bei sieben bis acht Prozent.“
Lange nicht unabhängig: Endmontage noch immer in Asien
Zudem müssten die Waferscheiben momentan zur Endmontage noch immer nach Asien gesendet werden, von wo aus sie als fertige Chips wieder nach Europa kommen. „Das ist nicht unbedingt ökologisch. Die sogenannte Backend-Industrie gab es einmal in Europa und in den USA. Sie wurde aber vor Jahrzehnten nach Asien verlagert, um Lohnkosten zu sparen“, erklärt der Fachjournalist. Jetzt seien die Ingenieurs-Gehälter in Singapur allerdings genauso hoch wie im Westen, der Lohnkostenvorteil ist also längst passé. Doch inzwischen hat Asien einen enormen Expertise-Vorsprung aufgebaut. „Wenn es gelänge, eine hochautomatisierte Endmontage der Chips wieder nach Europa zu holen, wäre das nicht nur ökologisch sinnvoller, sondern würde die hiesige Wirtschaft auch wirklich unabhängiger von internationalen Lieferkettenschwankungen machen.“

Bei KI-Chips leider nicht dabei
Verbandschef Bösenberg sieht das EU-Ziel ebenfalls skeptisch: „Die Investments sind global überall höher als in Europa. Mir ist nicht klar, wie wir in einem insgesamt wachsenden Markt mit weniger Finanzmitteln besser als die anderen werden wollen. Eine Aufholjagd halte ich eigentlich für unmöglich“, erklärte er dem Branchenmagazin GTAI.5 „Es bräuchte eine stärkere Nachfrage nach Halbleiterprodukten. Doch die Schwäche der Elektronikbranche in ganz Europa führt dazu, dass es keine marktgetriebene Nachfrage für Investmentprojekte gibt. Die höchsten Margen im Halbleitersektor werden mit KI-Chips erzielt, und da sind wir nicht dabei.“
Die Herausforderungen sind riesig
Silicon Saxony ist also ein Erfolgsprojekt, das weiter wächst. Allerdings ist das Wachstum der Chipindustrie in Dresden mit riesigen Herausforderungen verbunden. Je nach Prognose werden in der Region zwischen 24.000 und 30.000 Menschen erwartet – das entspricht dem Zuzug einer mittleren Kleinstadt. Alle diese Menschen brauchen Wohnungen, Kita- und Schulplätze sowie medizinische Versorgung. Der Bedarf an Industriewasser soll sich bis 2030 verdoppeln, dann wird das Industriewasser die Hälfte des gesamten Dresdner Wasserverbrauchs ausmachen. Gleichzeitig muss das Abwasser recycelt werden und riesige Energiemengen in den Dresdner Norden gelangen. Der Bedarf an neuen Wohnungen wird auf mindestens 10.000 geschätzt. Wie das alles gestemmt werden soll – darüber lest Ihr im zweiten Teil des Chip-Schwerpunktes von Katapult Sachsen.
Die Forschung profitiert
„Kleine Aufträge helfen vielen Unternehmen und Forschungseinrichtungen, Prototypen, Kleinserien und Spezialanfertigungen neuartiger Mikroelektronik rasch in die Produktion zu überführen und sogar in Megafabs zu erproben. Das ist nur an ganz wenigen Standorten möglich“, sagt Chip-Experte Weckbrodt. Ein Beispiel sei der Auftrag des Dresdner TU-Professors Christian Mayr, der künstliche „Nervenzellen“ für einen innovativen Neuro-Computer bei Globalfoundries „in Silizium gießen“ lasse. „Dass dieser Zweig des internationalen ‚Human Brain Projects‘ – bei dem das menschliche Gehirn künstlich nachgebaut werden soll – von England nach Sachsen verlagert wurde, war vor allem dem besonderen Forschungs- und Mikroelektronik-Ökosystem in Dresden zu verdanken“, bilanziert der Chip-Experte.
Auch das schwedische Unternehmen AlixLab schätze die einzigartigen Möglichkeiten in Dresden, ein alternatives Chip-Ätzverfahren vom Labor in die Fabrikproduktion zu überführen. Hier gebe es auch Kooperationen mit dem Fraunhofer Zentrum für Nanotechnologie, das mit industrienahen Pilotproduktionen arbeitet. „Die Bedeutung des Mikroelektronik-Ökosystems ist für die Forschung enorm“, erklärt Weckbrodt.

- Bereits fertige Fabriken und Fabrikmodule größerer Unternehmen. Daneben gibt es noch zahlreiche kleinere Fabriken und Fabrikmodule. ↩︎
- Ebberg, Jörn: Pressemeldung zur Eröffnung, auf: bosch-presse.de (7.6.2021). ↩︎
- Hofer, Joachim; Olk, Julian: Eine Milliarde Euro für Dresden, in: Handelsblatt (5.6.2025). ↩︎
- Weckbrodt, Heiko: Chipfabrik von X-Fab Dresden ausgebaut, auf: oiger.de (1.6.2025). ↩︎
- GTAI: Europas Halbleiterindustrie im Rennen um den Weltmarkt, auf: gtai.de (7.5.2025). ↩︎
