Betroffene von Gewalt in Sportvereinen
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Sexualisierte Gewalt im Sport: Machtmissbrauch mit System

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Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um sexuelle Gewalt gegenüber Minderjährigen. Die Inhalte können emotional belastend oder retraumatisierend sein. Wenn du selbst betroffen bist oder Unterstützung benötigst, findest du am Ende des Artikels Hinweise auf Beratungsstellen.1

Sexualisierte Gewalt im Sport ist kein Randphänomen und wird strukturell begünstigt. Fälle aus Sachsen zeigen, dass Taten häufig ohne Konsequenzen bleiben. Bislang steht die Vereinsautonomie über verpflichtenden Kinderschutzkonzepten.

Martin R. ist Fußballtrainer in Sachsen. Im Dezember 2025 wird er vom Amtsgericht Riesa zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Das Vergehen: sexueller Missbrauch. Die Taten, die ihm vorgeworfen werden, liegen schon viele Jahre zurück, die Betroffene war damals erst zwölf Jahre alt. Anvertraut hat sie sich ihrer besten Freundin erst Jahre später. Anzeige gegen ihren damaligen Trainer erstattete sie mit 18.

Das Verfahren zeigt, wie kompliziert es sein kann, Missbrauchsfälle im Sportbereich aufzuklären. Die Betroffenen sind häufig minderjährig, die Taten liegen lange zurück, Beweise sind schwer zu sichern. Für das Urteil wurden hunderte Seiten Chatnachrichten ausgewertet. Der Fall zeigt auch, dass Sexualstraftäter trotz Verurteilung weiter im Jugendsportbereich arbeiten können.  Martin R. war zum Zeitpunkt der Anzeige bereits wegen anderer Sexualdelikte verurteilt worden. Dennoch war er bis zuletzt als Trainer tätig.

Vergleichbares trifft auch auf Heiko G. aus Chemnitz zu. Der Fußballtrainer war bis vor kurzem bei den Sportfreunden Chemnitz-Süd aktiv, obwohl er 2021 bereits wegen Pädokriminalität vor Gericht stand.2 Heiko G. hatte 2019 im Internet gemeinsam mit einem anderen Mann geplant, einen 15-Jährigen in eine Fabrikruine in Chemnitz zu locken, ihn zu missbrauchen und zu töten. Während der Ermittlungen wurden hunderte Dateien mit Inhalten von sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen entdeckt. Verurteilt wurde er zu einer einjährigen Bewährungsstrafe. Erst eine Recherche der taz und der Chemnitzer Aktivistin Jen Follmann machte seinen aktuellen Verein darauf aufmerksam – Heiko G. wurde inzwischen entlassen. 

Keine Einzelfälle

Diese Taten sind keine Ausnahmen, sondern Ausdruck eines strukturellen Versagens auf politischer und Vereinsebene. Das Recherchenetzwerk Correctiv und das Fußball-Magazin 11Freunde deckten im letzten Jahr deutschlandweit Missstände im Sportbereich auf.3 Über Monate haben die Redaktionen gemeinsam mit weiteren Medien aus dem Netzwerk CORRECTIV.Lokal zu Gewalt und Übergriffen im Sport recherchiert. Das Ergebnis ist alarmierend: Hunderte Kinder und Jugendliche wurden Opfer von Gewalt durch Machtmissbrauch – insbesondere im Fußball.

Wie Correctiv berichtet, wurden seit 2020 in Deutschland mindestens 37 strafrechtliche Ermittlungsverfahren, die Gewaltdelikte gegen Minderjährige im Fußball zum Gegenstand haben, mit 130 Geschädigten eingeleitet – meist begangen von Trainern. Dabei ging es vor allem um sexualisierte Gewalt. Deutlich wird aber auch ein Machtgefälle, in dem männliche Trainer oder Betreuer Gewalt gegenüber ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen ausüben.

Zudem berichteten in einer Umfrage, die Teil der Recherche von Correctiv und 11Freunde war, fast 500 Personen über Gewalterfahrungen, die sie als Minderjährige im Fußball gemacht haben. Die geschilderten Erlebnisse decken ein breites Spektrum ab: Zahlreiche Aussagen thematisieren heimlich angefertigte Videoaufnahmen, andere berichten von rassistischen und homofeindlichen Beleidigungen, körperlicher Gewalt wie Schläge und Ohrfeigen, sexualisierten Berührungen bis hin zu schwerer sexualisierter Gewalt und Vergewaltigung.

In den meisten Fällen blieben diese Vorfälle jedoch ohne strafrechtliche oder sonstige Konsequenzen. Mehrfach berichteten Betroffene, dass Beschuldigte weiterhin in ihren Vereinen tätig waren oder problemlos zu anderen Klubs wechselten – ähnlich wie in den Fällen von Martin R. und Heiko G. In vielen Vereinen herrschte offenbar eine Kultur des Wegsehens, und auch das Umfeld der Eltern und Verantwortlichen zog häufig keine Konsequenzen.

Täterschutz mit System

Verantwortlich dafür ist ein System, das Täter schützt. Auch eine Fallstudie der Unabhängigen Aufbereitungskommission zu sexuellem Kindesmissbrauch zeigt, dass sexualisierte Gewalt im Sport kein Randphänomen ist, sondern strukturell begünstigt wird. 

In der Studie wurden 72 Berichte von Betroffenen sexualisierter Gewalt und Zeug:innen analysiert.4 Während die Täter in 93 Prozent der Fälle männlich waren, waren drei Viertel der Betroffenen weiblich.  Die meisten Fälle ereigneten sich im Vereins- und Verbandssport, vor allem beim Turnen und beim Fußball. Dort waren rund 80 Prozent der Täter als Trainer aktiv, meist ehrenamtlich oder als Honorarkraft. Viele hatten mehrere Trainerjobs gleichzeitig oder übten neben der Trainertätigkeit noch ihren eigentlichen Beruf aus.

Geschlecht Betroffener und Geschlecht der Täter bei Gewalttaten in Sportvereinen

Viele Betroffene wuchsen laut der Studie in schwierigen familiären Verhältnissen auf. Sie suchten im Sport Anerkennung und Nähe – Bedürfnisse, die Täter gezielt als Autoritätspersonen ausnutzten, um mit charmantem Auftreten und dem Anschein emotionaler Nähe Vertrauen zu gewinnen. Häufig schufen sie Abhängigkeitsverhältnisse, sowohl emotional als auch durch sportliche Förderung. Das sogenannte “Grooming” war ebenfalls typisch. Das bedeutet, sexualisierte Gewalt geplant vorzubereiten, indem der Täter sich dem Kind schrittweise annähert, um das Vertrauen des Kindes zu gewinnen.5

Die Strategie eines Täters wird in der Studie wie folgt beschrieben: 

Der Trainer inszenierte sich als der begehrenswerte „tolle Typ“, der unmöglich nur für eine Frau da sein konnte, sondern der es allen weiblichen Wesen, die er für würdig befand, ermöglichen wollte, an seiner Großartigkeit teilzuhaben. Gleichzeitig trat er im Training streng und autoritär auf und erwartete Unterordnung von den Mädchen. Er manipulierte die Mädchen, stiftete Konkurrenz um seine Gunst in der Gruppe und schaffte Abhängigkeitsverhältnisse, denen sich kaum ein Mädchen entziehen konnte.

Die Betroffenen sprachen erst viele Jahre später über ihre Gewalterfahrungen. Vielen wurde erst rückblickend bewusst, dass sie Opfer sexualisierter Gewalt geworden waren. Kinder und Jugendliche erkennen Übergriffe häufig nicht als solche.6 

Steigender Beratungsbedarf 

Hannes Günther ist Kinderschutzbeauftragter beim Landessportbund Sachsen. In vielen Fällen, die er begleitet, geht es um sexualisierte Gewalt – fast immer verbunden mit Machtmissbrauch. “Das Ausnutzen von Macht und Hierarchien von Erwachsenen gegenüber Kindern und Jugendlichen ist ein Grundproblem in der Gesellschaft. Das ist natürlich auch im Sport vorhanden.”

Der Verein Safe Sport – seit 2022 eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene von Gewalt im Sport – verzeichnete im vergangenen Jahr einen starken Anstieg an Beratungsanfragen. Nahezu täglich habe sich eine betroffene Person gemeldet. „Die steigende Nachfrage verdeutlicht, dass unsere Arbeit für Betroffene im Sport unverzichtbar ist“, erklärt Ilse Hartmann-Tews, Vorständin von Safe Sport. Gleichzeitig betont sie, dass Schutzstrukturen im organisierten Sport weiterhin unzureichend sind.

Zitat von Verein Safe Sport

Der Sächsische Fußball-Verband hat2021 ein Kinderschutzkonzept erarbeitet. Außerdem gebe es zwei ehrenamtliche Kinderschutzbeauftragte auf Landesebene und sowie 13 weitere in den Kreis- und Stadtfußballverbänden. Außerdem bietet der Verband Fortbildungen an; zwischen 50 bis 70 Teilnehmende nutzen diese pro Jahr.

Freiwilliges Schutzkonzept

Dennoch: Die Umsetzung des Schutzkonzepts ist freiwillig. “Wir schätzen, dass mindestens zehn Prozent der sächsischen Vereine das Kinderschutzkonzept umsetzen”, sagt Pressesprecher des Verbands Alexander Rabe. Viele Sportvereine sind klein, auf Ehrenamtliche angewiesen und laut Safe Sport mit Schutzkonzepten überfordert. Sie hätten Angst vor einer überbordenden Bürokratie.

Doch es gibt auch niedrigschwellige Maßnahmen: “Zum Beispiel Verhaltensregeln aufstellen, Trainer:innen einen Ehrenkodex unterschreiben lassen, erweiterte Führungszeugnisse einholen, Schulungen für Trainer:innen. Dinge, die Vereine einfacher bewerkstelligen können”, erklärt Ina Lambert, Geschäftsführerin von Safe Sport. “Insgesamt geht es immer darum, die Thematik präsent zu machen und im Verein zu sensibilisieren. Da sind Vereine sehr unterschiedlich aufgestellt.”

Bei einer festen Anstellung prüfe der Sächsische Fußball-Verband das erweiterte Führungszeugnis. Zudem sei in der Ausbildung der Trainer:innen und Übungsleitenden der Kinderschutz inzwischen auch ein fester Bestandteil. 

Schwierig bleibt aber der ehrenamtliche Bereich: “Wenn sich Personen ohne Lizenz engagieren, greifen unsere Kontrollmechanismen nicht”, sagt Rabe. “Fehlt es dann noch an Kinderschutzkonzepten bei den Vereinen, steigt das Risiko. Aber selbst alle möglichen Kontrollmechanismen bieten keine endgültige Sicherheit.” 

Ehrenamtliche Trainer:innen können so nach einem Vorfall mühelos den Verein wechseln – ohne, dass der neue Verein etwas von den Taten mitbekommt. 

Wenn sich Personen ohne Lizenz engagieren, greifen unsere Kontrollmechanismen nicht.

Alexander Rabe, Pressesprecher Sächsischer Fußball-Verband

Schwierige Beweislage vor Gericht

Dass solche Wechsel möglich sind, liege aber auch daran, dass viele Taten nicht angezeigt werden oder es zu keiner Verurteilung kommt, erklärt der Kinderschutzbeauftragte Günther vom Landessportbund. Der überwiegende Teil der Fälle, mit denen er zu tun habe, betreffe juristische Grauzonen und lande nicht vor Gericht.

Für Betroffene sei eine Anzeige oft extrem belastend, die Beweislage meist schwierig. “Das Problem haben wir bei allen Bereichen der sexualisierten Gewalt. Da steht Aussage gegen Aussage”, erklärt Günther.

Ohne Anzeige gibt es auch keinen Eintrag im Führungszeugnis. Damit falle eine wichtige Kontrollinstanz weg. Und aus Datenschutzgründen dürfe der alte Verein auch nicht ohne Weiteres den neuen über Vorfälle informieren, erklärt Günther. Vereine müssten also selbst sorgfältige persönliche Auswahlgespräche führen, Informationen einholen und Referenzen abklären.

Überzeugungsarbeit statt Pflicht

Schutzkonzepte empfindet Günther als wichtig. Eine Pflicht bedeute aber nicht automatisch mehr Schutz:“Den Kindern und Jugendlichen nützt es nichts, wenn man sich fünf Dateien zusammen kopiert, irgendwie ablegt und dann nochmal ein Stück Papier dazu druckt. Sondern es muss aktiv im Sportverein gelebt werden.” Eine Pflicht wäre nach seiner Meinung nur sinnvoll, wenn sie begleitet und nicht einfach „aufgezwungen“ würde.

Was ist also zu tun, um Kinder im Sport besser zu schützen? Die Fallstudie der Aufarbeitungskommission spricht von einem notwendigen Kulturwandel.  Kinderschutz und Selbstbestimmung müssten Vorrang vor Leistungsdruck, Vereinsinteressen und Datenschutz haben.

Hannes Günther vom Landessportbund Sachsen berichtet, dass immer wieder diskutiert werde, ob man Schutzkonzepte an Förderungen koppeln sollte. Auch Safe Sport fordert: Kinderschutz muss zur Voraussetzung für die Vergabe öffentlicher Mittel werden. 

Doch die Vereinsautonomie steht bislang über einer verpflichtenden Umsetzung von Schutzkonzepten. Für Günther ist deshalb vor allem eine Sensibilisierung auf Vereinsebene wichtig. Nur so könne man auch die vielen Ehrenamtlichen mitnehmen. Überzeugungsarbeit statt Druck sei der Weg.

Insgesamt müsse man Daten- und Kinderschutz so abwägen, dass alle gleichermaßen berücksichtigt werden, sagt Günther. In Bezug auf das Führungszeugnis schlägt er vor, dass Vereine von den Behörden einen Negativattest erhalten. “Das wäre eine Erleichterung für Trainer, weil sie dann keine Angst wegen anderen, privaten Einträgen haben müssten.”

Wandel in der Gesellschaft

Dennoch: Zumindest in der Gesellschaft sei das Thema präsenter geworden. Darauf führt Günther auch die gestiegene Zahl an Beratungsanfragen im letzten Jahr zurück. “Das Thema wird insgesamt mehr gesehen. Es wird verstanden: ‘Wir müssen reagieren, wir müssen Kinder und Jugendliche besser schützen’”, sagt er. Zu Beginn seiner Stelle als Kinderschutzbeauftragter habe er oft Abwehr bei dem Thema erlebt. Nun werde das Fortbildungsangebot dankbar angenommen.

Die sächsische Landesregierung plant laut einer kleinen Anfrage der Grünen-Landtagsfraktion, ein unabhängiges Zentrum für Safe Sport aufzubauen. Der Landessportbund Sachsen hat nun den Safe Sport Code inklusive Verhaltensregeln eingeführt.

Bislang aber hängt der Kinderschutz maßgeblich vom guten Willen der einzelnen Vereine ab. Und basiert auf einem System, das ungleiche Machtverhältnisse nicht nur zulässt, sondern strukturell begünstigt.

Info-Box für Hilfsangebote:

Du hast Gewalt oder Missbrauch im Sport erlebt oder machst dir Sorgen um jemand anderes? Oder du hast Angst, selbst zum Täter oder zur Täterin zu werden? An diese Beratungsstellen kannst du dich wenden:

  1. Infobox ↩︎
  2.  Meisner, Matthias: Fehlende Kontrolle, auf taz.de (08.10.2025) ↩︎
  3.  Lenz,Miriam; Sachse, Jonathan; Schöneck, Finn: Verdrängt, vergessen, verschwiegen: Der deutsche Fußball hat ein Missbrauchsproblem, auf correctiv.org (23.09.2025). ↩︎
  4. Ruloffs, Bettina; Wahnschaffe-Waldhoff, Kathrin; Neeten, Marileen; Söllinger, Annika: Sexualisierte Gewalt und sexueller Kindesmissbrauch im Kontext des Sports, auf aufarbeitungskommission.de (27.09.2022). ↩︎
  5. Unabhängige Aufbereitungskommission zu sexuellem Kindesmissbrauch: Grooming, auf aufarbeitungskommission.de. ↩︎
  6. Ruloffs, u.a. (2022). ↩︎

Autor:in

  • Redakteurin

    Aufgewachsen in Bayern, vor 10 Jahren zum Studieren in den wilden Osten (Chemnitz) gezogen und will Sachsen seitdem nicht mehr verlassen.

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