Hannah Hoffmann, Mitautorin der Studie „Engagement und politische Einstellungen“, erklärt im Interview, wie freiwilliges Engagement demokratische Werte stärkt und vor autoritären Einstellungen schützen kann. Sie gibt Einblicke in Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland und zeigt, warum die Zivilgesellschaft gerade in Sachsen erschwerte Bedingungen hat.
Was sind die wichtigsten Befunde der Studie?
Ein Hauptbefund ist, dass Engagierte in allen Bereichen demokratischere Einstellungen und Haltungen zeigten als Nichtengagierte. Es finden sich hier seltener Ressentiments, weniger autoritäre und rechte Einstellungen, außerdem mehr Zufriedenheit mit der Demokratie und ein stärkeres Gefühl, selbst politisch Einfluss nehmen zu können.
Außerdem haben wir Typen der politischen Einstellung gebildet und beschrieben. Es ließen sich zwei „demokratische“ Typen (der resilient-demokratische und der fragil-demokratische) und ein „rechtsautoritärer“ Typus finden. Der resilient-demokratische Typus lehnt alle rechtsextremen Aussagen entschieden ab. Ungefähr 40 Prozent der Engagierten gehören diesem Typus an.
Die Studie “Engagement und politische Einstellungen: Herausforderungen und Perspektiven in einer sich wandelnden Gesellschaft” ist im November 2025 erschienen. Die Erhebung fand im Rahmen der Leipziger Autoritarismusstudie 2024 statt. Diese erhebt alle zwei Jahre in einer repräsentativen Umfrage politische Einstellungen in Deutschland mit einem Fokus auf Autoritarismus und Rechtsextremismus. Insgesamt wurden über 2.500 Personen zwischen 16 und 92 Jahren befragt. Die Studie ist aus einer Kooperation des Else-Frenkel-Brunswik-Instituts der Uni Leipzig und der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt entstanden.
Beim fragil-demokratischen Typus lassen sich leichte Zustimmungswerte bei Ausländerfeindlichkeit und Nationalismus finden. Eine rechtsautoritäre Diktatur oder die Verharmlosung des Nationalsozialismus lehnt er hingegen deutlich ab. Es geht um einen Typ, der grundsätzlich offen für autoritäre Ideen ist – auch wenn das im Moment noch nicht besonders stark ausgeprägt ist. Auch er macht circa 40 Prozent der Engagierten aus.
Der rechtsautoritäre Typus hingegen hat ausgeprägte ausländerfeindliche und nationalistische Einstellungen. Er stimmt manchen Ideen der Neonazi-Ideologie zu. Außerdem zeigt er deutliche Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen, zum Beispiel gegenüber Muslimen oder Sinti und Roma. 20 Prozent der Engagierten lassen sich diesem Typ zuordnen.

Kann zivilgesellschaftliches Engagement als Schutzfaktor gegen autoritäres Denken interpretiert werden?
Hier sind zwei Aspekte zu unterscheiden: Inwieweit kann das Ausüben von freiwilligem Engagement Einfluss auf die politischen Einstellungen der Engagierten selbst haben und inwieweit wirkt die Zivilgesellschaft in die Gesellschaft hinein? Der Fokus unserer Studie lag auf der Beschreibung der Engagierten selbst. Autoritäre Einstellungen können stärker werden, wenn Menschen sich unsicher fühlen, Krisen erleben oder den Eindruck haben, benachteiligt zu werden. Die Hinwendung zu autoritären Ideen kann ein Versuch sein, sich wieder sicher und stark zu fühlen. Dieses Gefühl entsteht oft durch die Unterordnung unter eine Autorität, eine Gruppe oder eine bestimmte Idee – auch wenn diese Sicherheit nur illusorisch ist. Es ist denkbar, dass bestimmte Aspekte, die im Engagement erlebt werden, wie z.B. soziale Eingebundenheit, die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Menschen und Meinungen sowie das Erleben von Selbstwirksamkeit, einen Schutzfaktor darstellen. Denn darüber kann innere Stabilität hergestellt werden. Zudem werden wichtige Fähigkeiten, wie das Aushalten von Widersprüchen und das respektvolle Aushandeln von Differenzen gestärkt.
In unserem Beitrag haben wir einen Hinweis darauf gefunden, dass gesellschaftliches Engagement vor autoritären Einstellungen schützen kann. Bei Menschen, die sich nicht engagieren, zeigte sich: Je schlechter sie die wirtschaftliche Lage in Deutschland einschätzten, desto eher hatten sie rechtsextreme Einstellungen. Dieser Zusammenhang wurde auch in anderen Studien beobachtet. Bei engagierten Menschen ließ sich dieser Zusammenhang dagegen nicht finden. Das spricht dafür, dass Engagement unter bestimmten Bedingungen ein Schutzfaktor gegen autoritäre Einstellungen sein kann.
Bei Menschen, die sich nicht engagieren, zeigte sich: Je schlechter sie die wirtschaftliche Lage in Deutschland einschätzten, desto eher hatten sie rechtsextreme Einstellungen.
Hannah Hoffmann
Sind engagierte Menschen also tendenziell demokratischer eingestellt als Nicht-Engagierte? Wenn ja: Welche Erklärungsansätze gibt es dafür?
Grundsätzlich ja! Es ist aber nicht klar erkennbar, ob sich demokratischer eingestellte Menschen eher engagieren oder ob das Engagement selbst eine demokratisierende Wirkung auf die Engagierten hat. Vermutlich ist die Antwort hier komplex. Wie oben genannt, haben wir Hinweise dafür gefunden, dass Engagement durchaus (auch) einen Schutzfaktor darstellen kann. Gleichzeitig kann Engagement Menschen in Umfelder bringen, in denen Vorurteile offen geäußert werden oder in denen Rechtsextreme gezielt Einfluss nehmen wollen. Wenn jemand bereits offen für antidemokratische Ideen ist, kann das dadurch noch verstärkt werden.
Die größte Gruppe der Engagierten in Ostdeutschland wird dem „fragil-demokratischen“ Typ zugeordnet. Wie lässt sich das erklären?
Mit Blick auf die Engagierten haben wir in Ostdeutschland tatsächlich mehrheitlich den fragil-demokratischen Typ gefunden (53,2 Prozent vs. 36 Prozent in Westdeutschland), während in Westdeutschland der resilient demokratische Typ dominiert (41,3 Prozent vs. 26,6 Prozent in Ostdeutschland). Der fragil-demokratische Typ neigt zu ethnisch-nationalem Denken, etwa zu Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus. Diese Einstellungen sind meist noch nicht stark ausgeprägt, deuten aber darauf hin, dass solche Erzählungen bei ihm auf Zustimmung stoßen können.

In Ostdeutschland finden sich auch in der Gesamtbevölkerung durchschnittlich etwas höhere Werte der Ausländerfeindlichkeit, während Chauvinismus, eine übersteigerte Form des Nationalstolzes, ähnlich weit verbreitet ist wie in Westdeutschland. Gleichzeitig findet Engagement in Ostdeutschland zu einem deutlich größeren Teil im ländlichen Raum statt (ca. 43 Prozent in Ostdeutschland vs. 16 Prozent in Westdeutschland). Wegen der alternden Bevölkerung, des höheren Männeranteils, der geringeren Vielfalt und des wenigen Kontakts mit tatsächlicher Migration dürfte der fragil-demokratische Typ im ländlichen Ostdeutschland etwas häufiger vorkommen. Die dritte Gruppe – der rechtsautoritäre Typ – ist in Westdeutschland und Ostdeutschland unter Engagierten ähnlich stark vertreten (ca. 20 Prozent).
Gleichzeitig findet Engagement in Ostdeutschland zu einem deutlich größeren Teil im ländlichen Raum statt.
Hannah Hoffmann
Wie bewerten Sie den Zustand der Zivilgesellschaft in Sachsen im Hinblick auf den Schutz der Demokratie? Wo sehen Sie Stärken, wo Defizite?
Grundsätzlich gibt es historisch bedingte Unterschiede zwischen Engagement-Strukturen in Ost- und Westdeutschland. In Ostdeutschland konnte sich die Zivilgesellschaft erst nach der Wiedervereinigung frei entwickeln. Auch wenn sich die Engagementquoten in Ost- und Westdeutschland über die letzten Jahre näherten, gibt es weiterhin erschwerte Bedingungen für die ostdeutsche Zivilgesellschaft. Sie hat deutlich weniger Eigenkapital zur Verfügung, Stiftungen sind hier deutlich seltener angesiedelt.
Dadurch entsteht eine größere Abhängigkeit von staatlicher Förderung. Das kann vor allem dann problematisch werden, wenn sich die politischen Mehrheiten ändern oder finanzielle Einsparungen nötig werden. Sachsen bekamen das zuletzt besonders die Demokratieprojekte zu spüren, deren Mittel im letzten Landeshaushalt gekürzt wurden. Zudem ist insbesondere der Teil der Zivilgesellschaft, der sich gegen rechts einsetzt, zunehmend rechten Einschüchterungsversuchen und Angriffen ausgesetzt.
Gleichzeitig versucht die extreme Rechte seit längerem besonders im strukturschwachen ländlichen Raum eigene Angebote zu schaffen oder Vereine zu unterwandern. Es gibt jedoch weiterhin viele Menschen, die sich trotz widriger Umstände in vielen verschiedenen Bereichen engagieren. Während die Engagementquote zuletzt in vielen Bundesländern sank, blieb sie in Sachsen stabil.
Zudem ist insbesondere der Teil der Zivilgesellschaft, der sich gegen rechts einsetzt, zunehmend rechten Einschüchterungsversuchen und Angriffen ausgesetzt.
Hannah Hoffmann
Welche konkreten Schlussfolgerungen ergeben sich aus der Studie für Politik und Zivilgesellschaft?
Engagierte sind zu einem großen Teil demokratisch eingestellt. Dies ist auch vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Mitgestaltung durch die Zivilgesellschaft ein positives Ergebnis. Eine Möglichkeit zur Stärkung der Zivilgesellschaft könnte ein breiterer Finanzierungsmix sein, um auch unter gesellschaftlichen Veränderungen möglichst resilient zu bleiben. Zudem sollte der Zugang zu Fördermitteln niedrigschwellig gestaltet sein, damit auch Personen, die mit Antragstellungen weniger vertraut sind, die Möglichkeit haben, Förderung zu erhalten. Förderprogramme sollten sich auch an Strukturen im ländlichen und strukturschwachen Raum richten. Dort kann die Stärkung des demokratischen Engagements zur Stärkung der Demokratie beitragen.
