Deutschland will wieder kriegstüchtig werden. Dafür sollen hunderte Milliarden Euro investiert und die Bundeswehr massiv aufgestockt werden. Bisher noch ohne Wehrpflicht, dafür mit anderen Pflichten für junge Männer und tausenden Veranstaltungen der Bundeswehr an Schulen. Doch der Widerstand dagegen wächst. Vor allem unter jungen Menschen. Ein Bericht aus Sachsen.
Am 8. Mai 2026 stehen auf dem Postplatz in Dresden einige Hundert teils sehr junge Menschen. Sie halten Reden, gegen Wehrpflicht und Kriegsdienst, gegen Aufrüstung und Milliarden fürs Militär, gegen Auftritte der Bundeswehr an Schulen, aber auch gegen Waffenlieferungen an Israel und den Völkermord in Gaza. Immer wieder rufen die Protestierenden: „Hoch mit der Bildung! Runter mit der Rüstung!“, und „Die Reichen wollen Krieg – Die Jugend eine Zukunft!“ Nach den Reden ziehen etwa 700 Menschen durch die Altstadt, über die Albertbrücke zum Jorge-Gomondai-Platz, wo sie am Ende einen selbstgebastelten Panzer gemeinschaftlich zerstören.
Neue Pflichten für Männer ab 18 Jahren
Am 5. Dezember 2025 entschied der Bundestag über das sogenannte Wehrdienst-Modernisierungsgesetz. Am selben Tag versammelten sich laut Angaben der Organisator:innen etwa 55.000 Menschen zum ersten bundesweiten Schulstreik gegen die Wehrpflicht. Trotz der Proteste wurde mit dem neuen Gesetz die flächendeckende Erfassung und verpflichtende Musterung aller nach dem 31. Dezember 2007 geborenen Männer beschlossen, kombiniert mit einer Auskunftspflicht über ihre Bereitschaft zum Wehrdienst. Dafür erhalten seit Jahresbeginn ab Geburtsjahrgang 2008 alle 18-Jährigen einen Fragebogen zu ihrer Eignung und ihrem Interesse am Wehrdienst, dessen Beantwortung nur für Frauen freiwillig ist. Männer können hingegen polizeilich vorgeführt oder nach Aktenlage gemustert werden, wenn sie der Beantwortung nicht nachkommen. Außerdem kommt für sie ab Juli 2027 noch eine verpflichtende Musterung hinzu. Das Gesetz soll unter anderem dazu beitragen, die Zahl der kampfbereiten Soldat:innen von derzeit etwa 185.000 auf mindestens 460.000 in 2035 zu erhöhen. Vorgesehen sind 260.000 aktive Soldat:innen und 200.000 Reservist:innen. Melden sich mithilfe der neuen Vorschriften nicht genügend Freiwillige, soll die Wehrpflicht wieder eingeführt werden.

Sanktionen werden in Kauf genommen
Doch Konsequenzen drohen den jungen Leuten nicht nur, wenn sie den Fragebogen nicht ausfüllen, sondern auch wenn sie sich an den Protesten gegen die Wehrpflicht beteiligen. Wie schon bei den Klimastreiks von Fridays for Future gibt es aufgrund der Schulbesuchspflicht kein grundsätzliches Recht, für eine Demonstration den Unterricht ausfallen zu lassen. Auf Nachfrage teilt das sächsische Kultusministerium mit, dass eine Teilnahme an den Protesten während der Unterrichtszeit ohne eine Befreiung vom Unterricht durch die Schulleitung als unentschuldigtes Fehlen gilt. Verpassen Schüler:innen dadurch eine notenrelevante Leistung, kann ihnen eine Sechs drohen. Darüber hinaus kann die Schule Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen wie Schulverweise erlassen. Sogar der Verfassungsschutz soll schon Jugendliche angesprochen haben, die sich an den Schulstreiks beteiligten, um mit ihnen über die „Grenzen des antimilitaristischen Kampfes“ zu sprechen.
Neben der physischen Teilnahme an solchen Veranstaltungen können auch Protestbotschaften zu Repressionen führen. So beschlagnahmte die Polizei am 5. März 2026 bei einem Schulstreik in Berlin ein Plakat mit der Aufschrift: „MERZ LECK EIER“. Gegen den 18-jährigen Träger wird wegen übler Nachrede und Verleumdung ermittelt. Darauf folgte eine Welle der Solidarisierung. Es entstanden Parodien, Memes und Songs, wie von der Rapperin Vita. Auf Google Maps wurden Parteibüros von CDU und CSU zeitweise in „Eierhaus“ umbenannt. Auch auf der Dresdner Demonstration am 8. Mai waren „Merz leck Eier“-Schilder zu sehen.

Jugendliche als Hauptzielgruppe der Bundeswehr
Zur Anwerbung von Personal und zur Erhöhung der Akzeptanz des Militärs ist die Bundeswehr immer häufiger auf Ausbildungsmessen, Stadtfesten und sogar Weihnachtsmärkten unterwegs. Besonders häufig tritt sie dort auf, wo Kinder und Jugendliche anzutreffen sind, und führt dabei auch ihr Kriegsgerät vor. Zwischen 2021 und 2025 hat sich die Anzahl der Besuche in Schulen mehr als verdoppelt. Im vergangenen Jahr waren es über 5.500. Allein in der ersten Jahreshälfte 2026 absolvierte die Bundeswehr bereits fast 4.000 öffentliche Auftritte an Schulen. Weitere 3.618 sind geplant. Dabei sind Schulen nicht zur Kooperation mit der Bundeswehr verpflichtet. Jungoffiziere, die politische Bildung leisten sollen, und Karriereberater, die für die Rekrutierung zuständig sind, kommen nur auf Einladung der Schule oder einer Lehrkraft in die Bildungseinrichtungen.
Darüber hinaus weitet die Bundeswehr ihre Aktivitäten zunehmend auf Freizeit- und Ferienangebote für Kinder und Jugendliche aus. Eine Antwort auf eine Anfrage der Partei Die Linke vom Mai 2026 listet für die Jahre 2023 bis 2025 insgesamt 216 Camps und Freizeitveranstaltungen auf, die von der Bundeswehr organisiert und durchgeführt wurden. Und das teilweise mit Erfolg. Gleichzeitig stößt insbesondere die Rekrutierung von Minderjährigen auf scharfe Kritik. Nach der Definition der UN-Kinderrechtskonvention gilt jeder Mensch unter 18 Jahren als Kind und ist somit als Kindersoldat:in anzusehen. 2023 rekrutierte die Bundeswehr rund 2.000 Minderjährige. 2025 waren es bereits 3.131 Jugendliche im Alter von 17 Jahren. Auch der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes kritisierte in seiner jüngsten Beurteilung der Situation in Deutschland erneut die Rekrutierungspraxis der Bundeswehr und die gezielte Werbung für den Militärdienst an Schulen.
Betroffene gegen Wehrpflicht
Mitte Juli erzählen vier junge Menschen zwischen 15 und 23 Jahren in der Dresdner Neustadt warum sie sich an den Protesten beteiligen. Luis ist 18 und damit selbst von den neuen Regelungen betroffen. Er sieht die Wehrpflicht als Ausdruck der fortschreitenden Militarisierung Deutschlands und will sich dieser Entwicklung widersetzen. Er verweist auf Umfragen, nach denen die Zustimmung zur Wehrpflicht sinkt, je jünger die Befragten sind. Die Wehrpflicht wird vor allem von denen befürwortet, die nicht von ihr betroffen sind. . Einen Fragebogen zur Wehrerfassung habe auch Luis erhalten. Was er damit gemacht hat, möchte er nicht sagen. Seiner Meinung nach sind die Interessen seiner Generation und auch der Mehrheit der Bevölkerung auch grundsätzlich andere, als die der herrschenden Politik.

Kein Kanonenfutter für deutsche Wirtschaftsinteressen
Hendrik (23) sieht die Demonstrationen in Dresden als Teil der bundesweiten Bewegung. Sie mache auf den Widerspruch aufmerksam, Milliarden in Aufrüstung zu investieren, während Bildungs- und Sozialausgaben massiv gekürzt werden. „Neben der Verteidigung geht es vor allem um den Ausbau und der militärischen Absicherung der wirtschaftlichen Vormachtstellung Deutschlands“, erklärt Hendrik. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte mehrmals eine zentrale Rolle für Deutschland in der sich ändernden Weltordnung gefordert, wofür auch Abschreckung nötig sei.
Eine Antwort der Bundesregierung vom 17. Juni 2026 auf eine Kleine Anfrage der AfD-Bundestagsfraktion zeigt, dass zur deutschen Sicherheitspolitik neben der Verteidigung gegen Angriffskriege auch die Sicherung von Rohstoffen, Lieferketten, Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit gehören soll. Alle vier jungen Menschen lehnen es ab, dass dafür militärische Bedrohung und Abschreckung bis hin zu Waffengewalt genutzt und „die junge Generation dafür verheizt“ werden soll. „Für mich ist die Aufrüstung ein Widerspruch zu Gemeinwohlinteressen“, sagt Max (15). Er wolle kein Kanonenfutter zur Durchsetzung deutscher Wirtschaftsinteressen sein.
Der 15-jährige Julius begründet seine Teilnahme an den Streiks ebenfalls damit, dass er „nicht für Deutschland sterben“ wolle. Dem häufig vorgebrachten Argument, dass Demokratie, Grundrechte und Freiheit notfalls militärisch verteidigt werden müssten, widerspricht Max. Es sei keine Freiheit, sondern Aggression gegen die eigene Bevölkerung, wenn der Staat seine Bürger:innen gegen ihren Willen ins Militär zwingt und im Krieg ihren Tod in Kauf nimmt. Nationalstaaten seien für ihn ohnehin nicht verteidigungswürdig. Vor allem Deutschland nicht, das seiner Ansicht nach wenig für die jüngeren Generationen tue. Trotz Krisen, Kriegen und Klimakollaps setze die Bundesregierung auf den Ausbau fossiler Energien und des besonders klimaschädlichen Militärsystems. Gleichzeitig baue sie Umweltauflagen, Klimaschutzmaßnahmen und Sozialleistungen ab. Der Schutz der Lebensgrundlagen der Menschen durch mehr Klimaschutz oder die Sicherung des Renten-, Pflege-, Bildungs- und Sozialsystems bleibe dabei auf der Strecke. Der nächste bundesweite Schulstreik ist am 25. September 2026 geplant.
Maria Schulze ist Kunsthistorikerin und forscht zu Geschlechter- und Mensch-Tier-Verhältnissen in Kunst- und Kulturgeschichte. Als freie Autorin schreibt sie über Kunst, Klima- und Naturschutz, Tierrechte oder Feminismus.
