Obwohl Deutschland bis 2038 aus der Kohle aussteigen will, wird in der Lausitz noch weiter gebaggert. Ein Besuch bei den vielleicht letzten Umsiedler:innen.
Mühlrose ist auf den ersten Blick ein Dorf, wie man es in der Lausitz häufig findet: einige adrette Häuser, nur wenige Einwohner:innen und kaum ÖPNV. Ringsum gibt es reichlich Äcker, dahinter, entlang der sächsisch-brandenburgischen Grenze, locken dichte Wälder. Und doch trügt der Schein des „ganz normalen“ Dorfes, denn auf den zweiten Blick wirkt alles etwas zu gut in Schuss: Fast alle Eigenheime sind brandneu, genauso wie die Zufahrtsstraße vom Hauptort Schleife. Auch ein modernes Schwimmbecken, einen Sportplatz sowie ein Gemeindezentrum gibt es im 100-Seelen-Örtchen, und die Feuerwehr gleich nebenan scheint ebenfalls exzellent ausgestattet zu sein.
Für all diese Annehmlichkeiten mussten die Mühlroser:innen einen hohen Preis zahlen: ihr Dorf selbst. Denn Mühlrose heißt eigentlich Neu-Mühlrose. Das alte Mühlrose gibt es seit dem 4. September 2025 nicht mehr. Stattdessen graben sich die Kohlebagger immer näher an die zurückgelassene Heimat heran.
Bis zur Alternativlosigkeit
Mühlroses Geschichte ist eine, wie es sie in ganz Deutschland hundertfach gibt. Mit ihrem Schicksal wird die Ortschaft jedoch sehr wahrscheinlich die letzte ihrer Art sein. Denn 2020 hat die Bundesregierung den Kohleausstieg bis spätestens 2038 beschlossen. Seitdem wird der Betrieb der Braunkohletagebaue schrittweise heruntergefahren.
Trotz des nahenden Kohle-Aus wurde mit Mühlrose zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder ein Dorf in der Lausitz vollständig umgesiedelt. Doch bei den rund 200 Einwohner:innen stieß diese Entscheidung zum Schluss kaum noch auf Unmut . Bei einer Befragung im Ort hatte sich bereits 2006 die überwiegende Mehrheit der Einwohner:innen für eine Umsiedlung ausgesprochen. Aber dennoch kann von einer freiwilligen Entscheidung keine Rede sein.
„Es gibt ja keiner freiwillig seine Heimat auf“, sagt Sten Kowalick. Der 46-jährige Mühlroser stammt, wie viele in der Lausitz, aus einer Bergbaufamilie und hat früher selbst beim damaligen Kohleproduzenten Vattenfall gearbeitet. „Mein Vater hat sich hier alles aufgebaut. Das schmeißt man nicht einfach weg“, sagt er.
Der Wegzug der Dorfgemeinschaft war vielmehr eine Frage der Notwendigkeit. „Mühlrose hatte seit 40 Jahren mit der Kohlebelastung durch Staub und Lärm zu tun“, fügt Kowalick hinzu. Letztlich seien die Argumente erdrückend gewesen: „Es gab keine Alternative.“
Diese Meinung teilten in Mühlrose früher oder später die allermeisten. Das Schicksal des Dorfes ist, wie gesagt, kein Einzelfall. In der Lausitz wird die Braunkohle seit Mitte des 19. Jahrhunderts industriell gefördert. Seitdem fielen dem Bergbau insgesamt 137 Orte entweder ganz oder teilweise zum Opfer. Dabei wurden je nach Schätzung zwischen 26.000 und 30.000 Menschen umgesiedelt.
Der Tagebau Nochten, der nun die Kohle unter Mühlrose in Anspruch nehmen will, wurde 1968 eröffnet. Schon 1966 folgten die ersten Umsiedlungen auf dem Dorfgebiet, mehr als 200 Bewohner:innen mussten weichen.
Nach der Wende wanderte der Tagebau zunächst schrittweise weg von Mühlrose. Damit nahmen auch vorübergehend die Belastungen für die Anwohner:innen ab. Kowalick erinnert sich noch gut an die Auswirkungen des Kohlestaubs während seiner Kindheit. „Manchmal sind mitten am Tag die Straßenlampen angegangen, weil der Lichtsensor dachte, es wäre dunkel.“ Besonders im Winter wurde die Verschmutzung deutlich: „Der liegengebliebene Schnee war nach einigen Tagen schwarz, auf den Dachböden lag eine zentimeterdicke Schicht Kohlestaub.“ Seit den 2010er Jahren rücken die Maschinen wieder näher.
Manchmal sind mitten am Tag die Straßenlampen angegangen, weil der Lichtsensor dachte, es wäre dunkel.
Zuletzt war Mühlrose beinahe vollständig vom Tagebau umschlossen. Der Abriss schien nur noch eine Frage der Zeit. Doch ehe es 2019 zur endgültigen Schließung des Umsiedlungsvertrags kam, gab es ein jahrelanges Hin und Her zwischen den zuständigen Kohleunternehmen, dem Freistaat Sachsen und den betroffenen Gemeinden. Ursprünglich plante das schwedische Unternehmen Vattenfall, neben Mühlrose auch die Braunkohle unter sechs weiteren Orten im Lausitzer Revier in Anspruch zu nehmen.
Kein zweites Lützerath
Die Wende kam 2017, nachdem Vattenfall im Jahr zuvor seine Braunkohlesparte an die tschechische LEAG-Gruppe verkauft hatte. LEAG entschloss sich dazu, die ursprünglichen Revierpläne aufzugeben und abgesehen von Mühlrose vorerst auf weitere Ortsumsiedlungen zu verzichten. Als Grund führte das Unternehmen an, dass neue Erschließungen unwirtschaftlich seien.
Einen ähnlichen Weg ging RWE im Jahr 2022 im Rheinischen Revier, als dort sechs Dörfer vor der Abbaggerung bewahrt werden konnten. Auch hier gab es genau einen Ort, der nicht gerettet wurde: Lützerath. Als die Polizei das von Umweltaktivist:innen besetzte Dorf im Januar 2023 räumte, eskalierte die Lage.
Auch in Mühlrose scheint sich der Kohleabbau noch zu rechnen. Um insgesamt rund 560 Hektar Fläche soll der Tagebau Nochten laut dem im Sommer 2025 veröffentlichten neuen Betriebsplan erweitert werden. Etwa 110 Millionen Tonnen zusätzliche Braunkohle will der Betreiber hier fördern. Die Oberlausitzer Grünen-Abgeordnete im Sächsischen Landtag, Franziska Schubert, spricht in einer Pressemitteilung von einem „letzten Muskelspiel der Kohlelobby“.

Schon 2021 gab ihre Landtagsfraktion beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine Studie in Auftrag, die zu dem Ergebnis kam, dass die Inanspruchnahme des Sonderfelds Mühlrose „energiewirtschaftlich nicht notwendig“ sei. In der Studie wurden schrittweise Tagebauverkleinerungen bis 2038 statt neue Erschließungen in Aussicht gestellt. Aktuelle Entwicklungen stützen diese Berechnungen: Im Januar 2026 verkündete die LEAG, den Tagebau Welzow-Süd schon 2030, und damit drei Jahre früher als geplant, zu schließen. Grund dafür seien Überkapazitäten aufgrund des Ausbaus der Erneuerbaren.
Der Unmut gegenüber der drohenden Zerstörung Mühlroses zugunsten fossiler Energieträger führte auch zu aktivistischen Bestrebungen vor Ort. Im April 2023 rief das Klimacamp „Rosi bleibt!“ zur Besetzung des Dorfes auf. Dessen Einwohner:innen veranlassten daraufhin eine Menschenkette aus Protest gegen das Camp, der sich über 300 Teilnehmende anschlossen. Das Camp wurde letztlich abgesagt. Zu einem von einigen Einheimischen befürchteten „Lützerath 2.0“ kam es nicht.
Die meisten Mühlroser:innen standen dem Aktivismus zur Rettung ihres Dorfes zuletzt ohnehin eher distanziert gegenüber. „Wir wären sonst eine Insel im Tagebau geworden“, erklärt Sten Kowalick, der damals als Beirat für die Umsiedlung den Prozess mit der LEAG aushandelte. Einen solchen Aktivismus wie zuletzt habe er vermisst, als die Mühlroser:innen selbst noch für ihren Verbleib kämpften.
Nur wenige Einwohner:innen hätten sich deshalb schlussendlich gegen den Wegzug gestellt. Als letztes Mittel hätte das Unternehmen auf Enteignungen zurückgreifen können, um den Ort zu räumen. Doch dazu kam es nicht: Der letzte Mühlroser verließ im April 2025 das Dorf. Kurz darauf erfolgte der endgültige Abriss.
Sorbisches Revival
Auch der Serbski Sejm, der sich als Volksvertretung der Sorb:innen und Wend:innen begreift, stellte sich 2019 in einer gemeinsamen Erklärung gegen den Abriss Mühlroses. Neben verschiedenen Vereinen und Umweltverbänden zeichneten die sächsischen Grünen und Die Linke die Erklärung mit, ebenso wie insgesamt zwölf „bleibewillige Bewohner Mühlroses“.
Tatsächlich ist die seit etwa 1.400 Jahren in der Lausitz angestammte sorbische Kultur eines der vulnerabelsten Opfer des Kohlebergbaus. Nahezu jedes der 137 devastierten Lausitzer Dörfer konnte eine lange sorbische Geschichte vorweisen, die in vielen Fällen unwiederbringlich verloren ging. Auch für Mühlrose, das im Obersorbischen Miłoraz heißt, wurde dieser Kultur- und Heimatverlust befürchtet. Dass es scheinbar anders kam, ist eine unerwartete Fügung.

Laut Kowalick sprachen im alten Mühlrose nur noch wenige Einwohner Sorbisch. Neben der reinen Infrastruktur kommt jener Hälfte der Alt-Mühlroser, die gemeinsam ins neue Mühlrose nahe Schleife umgezogen ist, jedoch eine Wiederbelebung der sorbischen Bräuche zugute. „Wir haben an sorbischen Traditionen dazugewonnen: das Maibaumwerfen und das Ostersingen“, resümiert Kowalick.
Wenn der Tagebau Nochten bis 2038 in Betrieb bleiben sollte, wäre er einer der letzten in Deutschland. Bis dahin gräbt sich der riesige Schaufelradbagger Stück für Stück an das Land heran, auf dem einst Mühlrose stand, während im Hintergrund die Windräder kreisen. Es wirkt wie ein letztes Aufbegehren des Menschen gegen die Natur.
„Gott hat die Lausitz geschaffen, aber der Teufel die Kohle darunter“, lautet ein altes sorbisches Sprichwort. Viele in der Region sahen im Bergbau eine Chance. Warum sollte sein Ende nicht auch eine sein?
Alexander Kloß ist freier Journalist und berichtet unter anderem für KATAPULT Sachsen, den Tagesspiegel oder die taz.
