Aktivist:innen blockieren Sachsens größte Molkerei – und prangern nicht nur Tierquälerei an, sondern auch die Verflechtungen von Müllermilch-Chef Theo Müller mit der AfD. Zwischen Kettenhaltung, Milliardenumsatz und rechter Politik zeigt sich: Der Konzern ist mehr als nur der „Joghurt mit der Ecke“.
15. August, 4:50 Uhr: Es dämmert, einzelne Vögel zwitschern, auf den Pflanzen liegt Morgentau. Transporter fahren auf der Autobahn in Richtung Leppersdorf, dem sächsischen Standort der Molkerei Alois Müller GmbH & Co. KG – besser bekannt als Müllermilch. Kurz nach einer Abfahrt halten die Fahrzeuge, etwa 60 Aktivist:innen steigen aus. Sie kommen aus ganz Deutschland und wollen protestieren: Gegen Tierleid und die Unterstützung rechtsextremer Positionen.
Aktivist:innen betonieren Hände auf die Straße
5:30 Uhr: Die Aktivist:innen haben das Gelände der Molkerei erreicht und laufen auf die Zufahrtsstraßen. Dort kleben sie sich mit Sekundenkleber fest, mehrere betonieren ihre Hand auf die Straße. Bald geht nichts mehr. Die ersten LKW-Fahrer hupen laut. Ein Fahrer steigt aus, schimpft und filmt. Drei Tierschützer:innen steigen auf das Dach eines Milchtransporters und rollen Transparente aus. „Tierprodukte sind Gewaltprodukte. Kuhmilch den Kälbern“, ist dort zu lesen, oder auch: „Tierindustrie. Qualzucht, Zwangsbesamung, Kindesraub, Mord. Ist es das, wofür wir als Gesellschaft stehen?“
Protest gegen Tierquälerei
„Müllermilch verarbeitet Milch aus tierquälerischer Anbindehaltung und macht sich mitverantwortlich für massives seelisches und körperliches Leid, das in Deutschland immer noch über einer Million Rindern in Anbindehaltung angetan wird. Jeder Joghurt mit der Ecke, bedeutet also zwangsläufig Milch von der Kette – dieser Tatsache müssen sich auch die Verbraucher:innen bewusst sein“, erklärt Scarlett Treml, Agrarwissenschaftlerin und Aktivistin bei Animal Rebellion. Die Initiative ist ein loser Zusammenschluss von Aktivist:innen, die unter anderem mit Aktionen des zivilen Ungehorsams auf gesellschaftliche Probleme und Tierleid aufmerksam machen.
Bei der von den Tierschützer:innen kritisierten Anbindehaltung – auch bekannt als Kettenhaltung – sind die Kühe direkt am Hals angekettet und können sich quasi nicht bewegen. Diese Haltung führt zu Erkrankungen der Rinder und gilt deswegen als tierschutzwidrig. Sie wird auch in Biobetrieben praktiziert. In Schweden, Österreich und der Schweiz ist sie verboten, in Deutschland erst ab einer Dauer von sechs Monaten. Laut des zum Bundesforschungsministerium gehörenden Thünen-Instituts für Regionalentwicklung werden trotz dieses Verbots in Deutschland noch immer knapp 400.000 Kühe in über 12.500 Betrieben ganzjährig an der Kette gehalten.

Kritik an Verbindung zwischen Konzernchef und AfD
Die Initiative kritisiert auch die Verbindung zwischen Konzernchef Theo Müller und AfD-Fraktionschefin Alice Weidel. Theo Müller gehört mit einem Vermögen von sechs Milliarden Dollar zu den Superreichen in Deutschland. „Das gemeinsame Ziel von Reichen und Rechten ist eine autoritäre Zukunft, die dem Markt absolute Freiheiten zum Vorteil von wenigen Milliardären auf Kosten aller anderen gewährt. Dafür unterstützen und verharmlosen sie sich gegenseitig“, sagt Aktivist Felix.
Die Müllermilch-Dependance in Sachsen ist als Sachsenmilch Leppersdorf GmbH seit Mitte der 1990er Jahre Teil der Molkerei Alois Müller GmbH & Co. K. Die Unternehmensgruppe ist länderübergreifend organisiert, beschäftigt 33.800 Mitarbeiter:innen, exportiert in 80 Länder und erzielte 2024 einen Jahresumsatz von etwa 9,5 Milliarden Euro. Sie umfasst 24 Tochtergesellschaften, neben Sachsenmilch auch Weihenstephan aus Bayern oder die Marke Landliebe. Der Hauptsitz der Unternehmensgruppe liegt offiziell in Luxemburg.

Knapp fünf Millionen Kilogramm Kuhmilch pro Tag in Leppersdorf
Die Leppersdorfer Molkerei gehört nach eigenen Angaben zu den „modernsten milchverarbeitenden Betrieben Europas“. Etwa 3.000 Menschen stellen hier aus angelieferter Milch Butter, Joghurt oder Käse her, auch Milchprodukte für andere Marken. 1,7 Milliarden Kilogramm Milch werden Unternehmensangaben zufolge in Leppersdorf verarbeitet. Das bedeutet etwa 4,7 Millionen Kilogramm Kuhmilch pro Tag. Das sind etwa zwei olympische Schwimmbecken oder 5000 Badewannen voll mit Milch.
6 Uhr: Zwischen den Zufahrten erklimmen zwei Kletter:innen Verkehrsmasten und spannen über der Werksstraße ein Banner. „Gegen jede Unterdrückung. Gegen Faschismus und Tierausbeutung“. Rechts daneben steht ein Logo von Animal Rebellion sowie ein Stiefel, der das Logo des Konzerns Müller in einen Abfalleimer tritt.

Bundesrat erklärt Anbindehaltung für tierschutzwidrig
Seit Jahrzehnten steht die Anbindehaltung in der Kritik. Sie entspricht nicht den Anforderungen des Tierschutzgesetzes (TierSchG). Zu diesem Schluss kommen das Verwaltungsgericht Münster im Jahr 2022 und ein Rechtsgutachten von Greenpeace 2023. Der Deutsche Tierschutzbund erklärt die Anbindehaltung als tierschutzwidrig und auch die juristische Fachliteratur bewertet sie in ihrer dauerhaften Form als tiermedizinisch und tierverhaltenswissenschaftlich unvertretbar und tierschutzrechtlich verboten. Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT) beschrieb die dauerhafte Anbindehaltung schon 2015 als Verstoß gegen das deutsche Tierschutzgesetz und die EU-Richtlinie 98/58/EG. Die Bundestierärztekammer forderte ebenfalls bereits 2015 den Ausstieg aus dieser Haltungsform. Der Bundesrat erklärte die ganzjährige Anbindehaltung 2016 als tierschutzwidrig.

Kettenhaltung führt zu Erkrankungen
Der gemeinnützigen Organisation Expertise for Animals zufolge verhindert die Haltung an Ketten neben Fortbewegung und Körperpflege auch das Sozialverhalten, das Erkunden der Umwelt, arttypische Nahrungsaufnahme, Aufstehen und Niederlegen, was zu Klauenproblemen und Veränderungen der Gelenke und damit zu Schmerzen und Leiden führt. Zudem kommt es vermehrt zu Erkrankungen des Atmungsapparats, Eutererkrankungen, Erkrankungen des Verdauungsapparats oder Hautverletzungen.
Professor Bülte: Anbindehaltung ist illegale Routine
„Anbindehaltung ist keine rechtliche Grauzone, sondern illegale Routine“, erklären Jens Bülte, Johanna Hahn und Josef Troxler, die in den Bereichen Tierstrafrecht und Veterinmärmedizin forschen, in ihrem Beitrag für den Verfassungsblog. Die Tiere stünden ihr ganzes Leben auf einer Fläche, „die etwa so groß wie ein Billardtisch ist”. Die dauernde Anbindehaltung sei “nicht nur (tierschutz)rechtlich unzulässig, sondern regelmäßig strafbar”.
Um auf ein Ende der Kettenhaltung von Rindern zu drängen, haben sich die Aktivist:innen in Leppersdorf im Landkreis Bautzen versammelt. Sie wollen Tierleid nicht weiter hinnehmen – und auf Subventionsmissbrauch und Preismanipulation durch das Müllermilch-Imperium aufmerksam machen.

Kühe in Ketten im eigenen Kot
„Die Politik schützt Großkonzerne wie Müller – nicht die Tiere“, erklärt Svenja Knoppik von der Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch (Ariwa), die Recherchen aus Tierfabriken veröffentlicht. Unter dem Namen „Joghurt mit der Kette“ veröffentlichte Ariwa Bilder aus drei Betrieben, die an Müllermilch liefern. Sie zeigen Kühe an Ketten in dunklen Ställen, die in Kothaufen liegen und zum Teil an den Hörnern bluten. „Trotz rechtswidriger Anbindehaltung werden immer noch Rinder dauerhaft länger als sechs Monaten angebunden“, sagt Knoppik. „Durch die Zucht auf maximale Milchleistung sind ihre Körper nach rund fünf Jahren ausgelaugt, ausgemergelt und für die Industrie wertlos. Sie werden aussortiert – entsorgt wie kaputte Maschinen.“ In Deutschland leide jedes zehnte Rind unter dieser Haltungsform. Aber Politik und Gesetzgeber schauten weg.
Aktivist:in: „Das Schreien der Kälber war traumatisierend“
Mitten in der Blockade sitzt Zoe mit einer Tiermaske auf der Straße. Sie hat auch schon vor Schlachthöfen protestiert. „Bei einem Kälberschlachthof in Apeldoorn in den Niederlanden war es besonders belastend“, erzählt sie. „Die Maschinen und die Schreie der Kälber zu hören, war traumatisierend.“ Die zunehmenden Kriege weltweit, der Klimakollaps und der gesellschaftliche Rechtsruck hingen mit dem Kapitalismus zusammen, der „die Lebensgrundlagen aller Lebewesen der Erde zerstört“. Sie habe sich entschieden, ihre Lebensenergie einzusetzen, sich zu engagieren und dagegen etwas zu tun.
Milchlaster stauen sich bis auf die Autobahn
6.30 Uhr: Durch die Blockaden kommt kein Fahrzeug mehr auf das Gelände. Die Laster stauen sich bis auf die Autobahn zurück, „zeitweise bis zu 150 Fahrzeuge“, berichtet ein MDR-Reporter später. Die Polizei stellt schließlich Absperrbarken um angeklebte Aktivist:innen und öffnet eine Spur einer blockierten Zufahrt. Langsam rollte der aufgestaute Verkehr wieder an. Etwa eine Stunde nach Beginn der Blockade fahren dutzende PKW mit Arbeiter:innen aus der letzten Schicht vom Gelände, Milchtransporter kommen an.
„Neugeborene werden Müttern nach der Geburt entrissen“
Animal Rebellion kritisiert jedoch nicht nur die Kettenhaltung der Rinder, sondern den gesamten Kreislauf in der Milchindustrie, der durch die Ausbeutung von Tieren, Natur und Arbeitskräften geprägt sei. „Um Kühen ihre Milch abzunehmen, werden sie ihr Leben lang oft unter sehr schlechten Bedingungen eingesperrt und unter Zwang von den Landwirten künstlich befruchtet“, sagt Animal-Rebellion-Sprecherin Treml. „Nur wenn sie regelmäßig Kälber gebären, liefern sie konstant Milch. Genau wie menschliche Mütter sind Kühe neun Monate lang schwanger. Mutter und Kind haben eine enge Bindung, aber das Neugeborene wird den Kuhmüttern kurz nach der Geburt entrissen – oft schreien beide tagelang nacheinander.“

Kälber als Abfall der Milchindustrie
Die Kälber sind nach Recherchen des Verbraucherschutzvereins Foodwatch für die Milchindustrie finanziell wertlos. Vor allem männliche Kälber werden wegen des geringen Marktwerts entweder kurz nach ihrer Geburt getötet oder weit in andere Länder wie Spanien transportiert, um dort geschlachtet zu werden. „Das alles, obwohl Menschen überhaupt keine Tiermilch brauchen“, kritisiert ein Aktivist.
40 Prozent der Kühe leiden an schmerzhaften Eutererkrankungen
Die umfassende PraeRi-Studie (2020) dreier veterinärmedizinischer Institute zeigt, dass ein großer Teil der Milchkühe durch die Haltung und Züchtung krank ist. Demnach litten 40 Prozent der Milchkühe in Deutschland an schmerzhaften Eutererkrankungen, ein Drittel der Tiere lahmte, was meist länger anhaltende Schmerzen zur Folge hat. Zudem beendeten etwa 30 Prozent der erstgebärenden Kühe ihre Milchbildung (Laktation) nicht und wurden geschlachtet. Für die Studie untersuchten die Forschenden 101.307 Tiere in 765 Milchviehbetrieben.
Milchleistung hat sich verfünffacht
Die jährliche Milchleistung einer Milchkuh hat sich nach einer Studie der Bundestierärztekammer (im Mittel aller Rassen) von 2600 Kilogramm in den 1950er Jahren auf bis zu 12.000 Kilogramm heutzutage verfünffacht. „Dafür sind die Körper der Kühe nicht ausgelegt und leiden stark darunter“, erklärt eine Aktivistin, die anonym bleiben möchte. Zudem würden die Kühe in der Regel bereits nach 5,4 Jahren geschlachtet, obwohl Rinder über 20 Jahre alt werden können. Bundesweit werden Tierärzten zufolge jährlich mehr als ein Drittel des gesamten Milchkuhbestandes geschlachtet.
Visionen für die Zukunft
7:45 Uhr: Etwa 20 Aktivist:innen machen auf einer kleinen Kundgebung mit Transparenten, Sprechchören und Redebeiträgen auf ihre Forderungen aufmerksam. Sie rufen: „Menschen und Tiere sind kein Kapital!“, und: „Nicht deine Mutter, nicht deine Milch!“ Animal-Rebellion-Sprecherin Scarlett Treml fordert: „Müllermilch muss Verantwortung tragen und die Verträge mit Milchbetrieben, die Anbindehaltung anwenden, umgehend kündigen.“ Zudem müsse der Konzern zum Schutz der Tiere und des Klimas langfristig auf pflanzliche Produkte umstellen. Eine der Blockierenden ist Theresa. „Ich komme vom Dorf und kenne landwirtschaftliche Strukturen“, erzählt sie. „Meine Familie hat kein Verständnis für mein Engagement und ist sogar enttäuscht davon, was ich tue. Aber es geht ja nicht um mich, sondern um die Tiere.“
Lange Liste an Vorwürfen gegen den Müllermilch-Konzern
Die Kritik der Protestierenden geht jedoch über Tierquälerei hinaus. Sie reicht von Subventionsbetrug und Steuerflucht über Einschüchterungstaktiken, Lohndumping und eine Preispolitik, die Bauern in Existenznot bringt, sexistischer und rassistischer Werbung bis hin zur Unterstützung rechtsextremer Strukturen. In dieser Liste wirkt die Kritik an irreführenden Verpackungen noch harmlos. Über Verstöße gegen staatliche Verordnungen und Gesetze durch die Konzerngruppe wird seit den 1990er Jahren regelmäßig berichtet. Bereits 1991 seien mehrere Politiker von Theo Müller wegen geäußerter Kritik am Unternehmen verklagt worden. 1993 wurden im Zuge der Übernahme von Sachsenmilch diverse Geschäftspraktiken und die drohende Monopolstellung des Unternehmens kritisiert.

Subventionsmissbrauch und Steuerflucht
Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) warf Müllermilch 2004 Subventionsmissbrauch sowie die Förderung von Verdrängungswettbewerb vor. Während der Ausbau des Sachsenmilch-Werks in Leppersdorf über zehn Jahre später mit über 70 Millionen Euro Steuergeld gefördert wurde, unter anderem aufgrund der Zusicherung von 144 neuen Arbeitsplätzen, legte Müller zeitgleich zwei Werke in Vienenburg am Harz und im westfälischen Amelunxen still, wodurch 165 Arbeitsplätze verloren gingen. Unter dem Strich seien so mehr Stellen vernichtet als geschaffen worden, erklärte der BUND.
Spätestens seit 2003 sieht sich Theo Müller zudem mit dem Vorwurf der Steuerflucht konfrontiert, da er damals in die Schweiz zog, um der deutschen Erbschaftsteuer zu entkommen, wie er 2013 selbst der Handelszeitung erzählte.
Einschüchterung und Gewalt gegen Kritiker
Als die Umweltorganisation Greenpeace Müllermilch dafür kritisierte, „Genmilch“ und „Genjoghurt“ zu vertreiben, zog Theo Müller bis vor das Bundesverfassungsgericht, um ein Nutzungsverbot der Begriffe für Müllerprodukte zu erreichen, jedoch erfolglos. Während der Recherche von Greenpeace soll Theo Müller auch handgreiflich gegenüber mehreren Fotografen geworden sein und musste daraufhin 2005 eine Geldauflage von 45.000 Euro zahlen.

Theo Müller und die AfD
Kritik üben die Protestierenden vor allem aber an den Kontakten, die Theo Müller zur rechtsextremen AfD hält. Im Jahr 2023 hatte der Konzernchef im Handelsblatt über seinen privaten Kontakt zur AfD-Fraktionschefin Alice Weidel berichtet. Wenige Wochen später bezeichnete er sie im Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung sogar als Freundin. Weidel zeigte ihrerseits die freundschaftliche Verbindung mit Müller, als sie Anfang des Jahres im Bundestagswahlkampf sagte, sie könne sich „sehr, sehr gut vorstellen“, neben Elon Musk und Peter Thiel auch „jemanden wie Theo Müller“ in einer Regierung zu haben.
Zuletzt berichtete der Spiegel über die Teilnahme von Weidel und anderen Gästen aus dem rechten Spektrum an der Feier zu Müllers 85. Geburtstag am 31. Mai auf dem Gelände der Weihenstephan-Molkerei im bayerischen Freising. „Als Milliardär ist Müller einer der Hauptprofiteure des Systems“, erklärt Aktivist Felix. „Weil viele Reiche wie auch rechte und extrem rechte Akteure in Zeiten der Krise profitieren, wundern auch die Verbindungen von Theo Müller und AfD nicht.“
Polizei ermittelt wegen Nötigung
9:30 Uhr: Die Blockade ist beendet. Die Aktivist:innen, die sich auf dem Asphalt festbetoniert hatten, klopfen sich gegenseitig mit Hammer und Meißel frei. Die Polizei nimmt die Personalien der Protestierenden auf und 14 Personen in Gewahrsam. „Wir ermitteln gegen acht Personen wegen des Verdachts der Nötigung und in einem Fall darüber hinaus wegen des Verdachts der Sachbeschädigung“, erklärt die Polizeidirektion Görlitz auf Anfrage von Katapult Sachsen. Zudem werde gegen sechs weitere Personen wegen Nötigung ermittelt, deren Identität noch nicht geklärt sei. Für drei Personen strebe die Polizei ein beschleunigtes Verfahren an, der Antrag liege der Staatsanwaltschaft bereits vor.
Drohende Strafen
„Mit dem Vorwurf der Nötigung drohen uns Geld- oder sogar Gefängnisstrafen von bis zu drei Jahren“, sagt eine Aktivistin. „Es ist jedoch umstritten, ob es sich wirklich um Nötigung handelt.“ Laut dem Verfassungsblog werde ziviler Ungehorsam, bei dem bewusst Rechtsnormen gebrochen werden, um auf existenzielle Krisen zu reagieren oder auf Gerechtigkeitsdefizite hinzuweisen, immer wieder als Teil legitimen, demokratischen Protests anerkannt. Dies geschieht auf der Grundlage, dass der Tierschutz im juristischen Sinne als „notstandsfähig“ gilt und von daher andere Rechtsgüter überwiegen kann.
Müllermilch erklärte: Durch die Aktion seien die Betriebsabläufe im Werk massiv gestört worden. Eine finanzielle Schadenssumme nannte das Unternehmen nicht. Eine Presseanfrage von Katapult Sachsen zu den Protesten vor Ort und den Vorwürfen der Aktivist:innen blieb unbeantwortet.
12 Uhr: Als alles vorbei ist, ist es bereits Mittag und 30 Grad im Schatten. Riesige Laster fahren in einem langen Strom in die Molkerei ein und wieder aus. Unter den LKWs sind einige mit meterlangen Werbebildern voll grüner Landschaften mit saftigen Wiesen, auf denen Kühe friedlich grasen. Im Internet sieht man hingegen die Bilder von Ariwa, auf denen Kühe an Ketten in Kothaufen sitzen.
Maria Schulze ist Kunsthistorikerin und forscht zu Geschlechter- und Mensch-Tier-Verhältnissen in Kunst- und Kulturgeschichte. Als freie Autorin schreibt sie über Kunst, Klima- und Naturschutz, Tierrechte oder Feminismus.
