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Queer in Sachsen –  Bedrohungen und Angriffe nehmen zu

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Ocean lebt als nichtbinäre Person in Döbeln. Lange war das kein Problem, heute gehören Morddrohungen, rechtsextreme Einschüchterungen und die Angst vor Zwangsoutings zum Alltag vieler queerer Menschen in Sachsen. Gleichzeitig werden queere Communities durch Pride-Events sichtbarer als je zuvor.

Ocean ist nonbinär – ordnet sich somit weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zu. Mit Mitte 20 nutzt Ocean – als erste Person in Döbeln – das Selbstbestimmungsgesetz und lässt den Vornamen ändern. Dass das von jede:m in Döbeln respektiert wird, erwartet Ocean aber erst gar nicht. „Wenn ich in Döbeln beim Bäcker stehe, dann kommt: ‚Was darf es denn sein bei dem jungen Mann?‘ Manchmal sage ich dann einfach so einen schnellen Spruch wie: ‚Junger Mensch wäre mir lieber, aber ich hätte gerne das und das‘“, erzählt Ocean. „Dann gibt es auch Tage, an denen ich mir denke, dass ich gerade Freizeit habe und nicht die ganze Zeit Bildungsarbeit machen muss. Dann sage ich nichts dazu.“

„In Döbeln weiß ich, wer mir gegenübersteht“

Als queere Person hat Ocean in Döbeln eigentlich nie etwas gefehlt. „Klar gab es auch mal so Momente, in denen ich gesagt habe: Ich will raus aus Döbeln“, erzählt Ocean. „Aber ich habe schnell gemerkt, dass Großstädte dafür andere Probleme haben. Die Bedrohungslage ist mittlerweile fast dieselbe. Der Unterschied ist nur, dass ich in Döbeln weiß, wer mir gegenübersteht.“

Hier sei Ocean gut vernetzt, wisse, welche Straße man besser meiden sollte und an welchem Haus man klingeln könne. „Wenn mich in Dresden irgendwo jemand in einer Querstraße angreift, habe ich keine Ahnung, wer das ist.“

Die Bedrohungslage ist mittlerweile fast dieselbe. Der Unterschied ist nur, dass ich in Döbeln weiß, wer mir gegenübersteht.

Ocean

Politischer Rückschritt für queere Menschen

Das erste Mal kommt Ocean in der Schule mit Genderrollen und Queerness in Kontakt – bei einem Workshop des Leipziger Vereins „Rosa Linde“. Dort lernt Ocean, was es bedeutet, nonbinär oder trans zu sein, und erkennt sich selbst darin wieder. Daraufhin outet sich Ocean vorerst im engen Freundeskreis, später ganz offen. Queer sein in Döbeln – das ging für mich damals ohne Probleme. „Typisch queerfeindliche Kommentare habe ich zu meiner Schulzeit nie erlebt.“

„Ich bin mit meinem besten Freund, der hetero war, oft Hand in Hand durch die Stadt gegangen oder wir haben in irgendwelchen Clubs miteinander rumgeknutscht. Einfach, um zu zeigen: ‚Hey, das geht auch in Döbeln‘“, erzählt Ocean. Sie wollten damals bewusst provozieren. „Da war klar: Es sind auch Nazis mit im Raum.“

Genau deshalb sei die aktuelle Entwicklung für Ocean so schlimm und ein politischer Rückschritt. „Deswegen mache ich diesen Aktivismus auch, weil ich weiß, wofür ich kämpfe.“ Ocean habe selbst erlebt, wie entspannt es für queere Menschen im ländlichen Sachsen sein kann. „Ich sehe es nicht ein, mir das wegnehmen zu lassen. Dass wir auf einmal nicht mehr sein dürfen, wie wir sind.“

„Ich sehe es nicht ein, mir das wegnehmen zu lassen. Dass wir auf einmal nicht mehr sein dürfen, wie wir sind.“

Ocean

Oceans Outing gibt anderen Mut 

Erst nach dem eigenen Outing lernt Ocean andere queere Menschen kennen. Dadurch merkt Ocean: Ich bin doch nicht allein, sondern eine:r von vielen. „Meistens braucht es Vorreiter. Nachdem ich mich geoutet hatte, gab es viele Leute, die sich auch geoutet haben – du brauchst nur eine Anlaufstelle.“

Dabei wurde ihm auch deutlich: Es gibt zwar queere Menschen, aber kaum queere Angebote vor Ort. „Wenn über queere Leute berichtet wurde, waren es immer irgendwelche Stars in Großstädten, deren Leben ja nichts mit unserer Lebensrealität zu tun hatte“, erzählt Ocean. „Trotzdem sind vermutlich auch im ländlichen Raum etwa zehn bis 15 Prozent der Menschen queer.“

Mehr Sichtbarkeit – mehr Bedrohungen

Durch eine Wanderausstellung der „Rosa Linde“ über queeres Leben im ländlichen Sachsen wurden genau diese Menschen sichtbarer. Während es im Jahr 2020 nur vier CSDs in Sachsen gab, waren es 2024 bereits 20. Immer mehr Menschen trauen sich, auf die Straße zu gehen und ihre Rechte einzufordern. Gleichzeitig hat sich die Sicherheitslage queerer Menschen verschlechtert.

Seit einigen Jahren nehmen die Bedrohungen gegen queere Menschen in Sachsen drastisch zu. Nach Angaben des Bundesverbands der Beratungsstellen stiegen queerfeindlich motivierte Angriffe von 2023 auf 2024 um über 40 Prozent an.

Queerfeindlichkeit in Sachsen wurde nun durch eine Studie der Agentur für Aufklärung und Demokratie umfassend untersucht. Für Ocean – seit fast 15 Jahren Aktivist:in – liefert die Studie eine lang ersehnte Faktenbasis. „Du konntest immer nur aus einem Gefühl heraus oder von eigenen Erlebnissen berichten. Aber du hattest nie Fakten, auf die du dich in Sachsen stützen konntest.“

Laut einem Bericht der Amadeu Antonio Stiftung wurden gerade CSDs in Ostdeutschland häufiger zum Ziel von Bedrohungen. So wurden etwa zwei Drittel der 62 in ostdeutschen Bundesländern veranstalteten CSDs im letzten Jahr gestört, in Westdeutschland waren es 37 Prozent.

Hilfe für Betroffene von queerfeindlicher Gewalt
  • SUPPORT – RAA Sachsen e. V. Beratung und Begleitung nach Angriffen, Unterstützung bei Polizei und Gericht. Kontakt: onlineberatung@raa-sachsen.de
  • Gerede e. V. (Dresden, Bautzen, Görlitz, Meißen, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge) Beratung für LSBTIQ*-Personen. Kontakt: emailberatung@gerede-dresden.de
  • RosaLinde Leipzig e. V. (Leipzig, Landkreis Leipzig, Mittelsachsen, Nordsachsen) Beratung, auch für junge Menschen bis 27 Jahre. Kontakt: beratung@rosalinde-leipzig.de
  • Different People e. V. (Chemnitz, Erzgebirge, Vogtland, Zwickau) Beratung für queere Menschen in Westsachsen. Kontakt: begegnung@different-people.de

Gegendemos bei CSDs und Pride-Events in Sachsen

Für die Studie wurde im vergangenen Jahr eine große Umfrage unter Teilnehmenden der CSDs und anderer Pride-Events durchgeführt. Im Fokus stand der Einfluss rechter Gegenmobilisierungen auf die Sicherheit und das Gefühl von Empowerment der Teilnehmenden. 

Beleidigungen und Bedrohungen durch rechte Gegendemonstrant:innen gab es demnach im letzten Jahr auf allen 17 Pride-Veranstaltungen in Sachsen. 61 Prozent davon wurden auf die rechten Gegenproteste zurückgeführt, nur 26 Prozent auf Passant:innen. 

Auf zwölf Veranstaltungen wurde sogar von körperlichen Übergriffen berichtet. Hiervon wurden rund 45 Prozent den Gegendemonstrant:innen und 26 Prozent der Polizei zugeordnet. Entsprechend gering ist das Vertrauen vieler Teilnehmender in die Sicherheitsbehörden: Nur 54 Prozent der Befragten hatten das Gefühl, in Gefahrensituationen auf die Polizei zählen zu können.  Demgegenüber lag das Vertrauen in andere Pride-Teilnehmende bei 93 Prozent.

Außerdem zeigte sich: Je größer die Bedrohung war, desto mehr Verbündete, die selbst nicht queer sind, sich aber solidarisieren, nahmen an den Events teil. In Bautzen machten sie beispielsweise 42 Prozent der Befragten aus, in Leipzig dagegen nur 17 Prozent. In ganz Sachsen waren im Durchschnitt etwas mehr als die Hälfte der Pride-Teilnehmer:innen aus anderen Städten angereist.

Verbündete schaffen Schutz für queere Community vor Ort

Wie wichtig Verbündete sind, die selbst nicht direkt von Diskriminierung betroffen sind, betont auch Ocean: „Tretet für marginalisierte Gruppen ein und nicht bloß dann, wenn es euch selbst betrifft. Jeder Angriff auf eine Minderheit ist ein Angriff auf unsere ganze Gesellschaft.“ Je mehr Leute von außerhalb zum CSD in Döbeln kommen, desto sicherer ist es für die queere Community vor Ort. „Je mehr Leute aus Großstädten da sind, desto besser können die queeren Leute vor Ort in dieser Masse untergehen. Das hat einen ganz wichtigen Schutzaspekt.“

Denn laut Ocean sind nicht nur Angriffe am Tag der CSDs das Problem, sondern auch alltägliche Situationen. „Beim CSD stellen sich Nazis an den Rand, filmen und schauen sich anschließend die Bilder und Videos an. ‚Wer kommt wirklich aus Döbeln und wer ist nur angereist?‘“, erklärt Ocean. „Ich kenne viele Personen aus der Region, die sich selbst gar nicht auf einen CSD trauen, weil sie Angst haben, zwangsgeoutet zu werden oder Gewalt zu erleben.“

Das zeigt auch die Studie der Agentur für Aufklärung und Demokratie: Das Filmen durch rechte Live-Streamer oder Privatpersonen wurde als großer Unsicherheitsfaktor erlebt. Und die Angst vor einem Zwangsouting und der Verfolgung im Alltag bleibt auch nach dem Pride-Event bestehen. 

Nazis folgten Ocean bis nach Hause

Wie groß die Bedrohung werden kann, hat Ocean am eigenen Leib erfahren. Als bekannte:r Aktivist:in erhielt Ocean Morddrohungen. „Nicht nur im Internet oder per Briefkasten, sondern die Nazis sind mir auch bis nach Hause gefolgt. Sie haben uns mit den Autos verfolgt oder mich in der Stadt angesprochen und bedroht.“

Auch der soziokulturelle Verein Treibhaus ist immer wieder Ziel rechter Angriffe. So wurde beispielsweise das Schild des Krematoriums vor dem Treibhaus aufgehängt. Durch die Wahlergebnisse würden sich die Rechten immer sicherer fühlen, sagt Ocean. Trotzdem will sich Ocean im Alltag davon nicht einschränken lassen.

„Wenn der Punkt kommt, dass ich mich nicht mehr allein raus traue, dann kann ich auch weggehen, dann ist es nicht mehr mein Zuhause.“

Ocean

Trotzdem sei mehr Vorsicht geboten: Queere Barabende würden beispielsweise nicht mehr öffentlich angekündigt. Interessierte Personen lerne man zunächst telefonisch und später in kleinen Gruppen kennen. Auch Ocean achtet darauf, mit wem man sich öffentlich zeigt – um Freund:innen und Familie zu schützen.

Die angespannte Bedrohungslage ist auch der Grund, warum Ocean zu den wenigen öffentlich bekannten queeren Aktivist:innen in Sachsen gehört. „In Ostdeutschland ist es einfach eine andere Nummer, Gesicht zu zeigen, als beispielsweise in Berlin oder Hamburg.“

Autor:in

  • Redakteurin

    Aufgewachsen in Bayern, vor 10 Jahren zum Studieren in den wilden Osten (Chemnitz) gezogen und will Sachsen seitdem nicht mehr verlassen. Schreibt am liebsten über soziale Ungleichheit, Feminismus und Lokalpolitik.

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