In dieser Serie stellen wir Vereine und Initiativen aus Sachsen vor, die neue Wege des Zusammenlebens und gemeinschaftlichen Engagements erproben. Heute: Der Hof zur Bunten Kuh. Hier geht es um weit mehr als regionale Lebensmittel. Der solidarische Landwirtschaftsbetrieb zeigt, wie Ernährung, Gemeinschaft und Verantwortung zusammenfinden – und welche Herausforderungen das mit sich bringt.
Verschiedene Bäume und Sträucher säumen die Wirtschaftswege. Überall summt und zirpt es. Auch bei heißen 38 Grad bleibt die Arbeit auf dem Feld für Luca, Svenja, Jonas, Bruno und Cedric nicht aus. Sie sind Teil des Teams der Bunten Kuh in Frankenberg bei Chemnitz. Angefangen hat dort alles 2012, als einer der ersten Solidarischen Landwirtschaftshöfe – kurz SoLaWi – in ganz Deutschland. Auf 20 Hektar Land bauen sie 60 verschiedene Kulturen von Obst, Gemüse und Kräutern an. Sie selbst nennen sich Vielfaltsgärtnerei. Neben vier Festangestellten gibt es eine Reihe von Ehrenamtlichen, die beispielsweise ein Freiwilliges Ökologisches Jahr oder einen Bundesfreiwilligendienst machen.
Die Saat einer Idee
Ihre Vision ist es, Menschen saisonal und regional mit Lebensmitteln zu versorgen. Das Ganze soll im Einklang mit der Natur geschehen, weshalb sie darauf achten, neben den Acker- und Beetflächen eine Vielzahl von Naturhabitaten zu bewirtschaften. Das Vorhaben geht aber über die ökologischen Aspekte hinaus.
Cedric ist SoLaWi-Gärtner und kommt ursprünglich aus der Sozialen Arbeit. Er erzählt davon, wie viele Vorzüge sein beruflicher Hintergrund mit sich bringt. Ihm ist es wichtig, auch die sozialen Prozesse in der Gemeinschaft, die sich rund um die solidarische Landwirtschaft gebildet hat, zu begleiten und weiterzuentwickeln. Er betont den hohen Stellenwert, der vielen niedrigschwelligen Beteiligungsmöglichkeiten, die letztlich Nähe zum Nahrungsmittel schaffen – ganz unabhängig vom individuellen Einkommen.
In der Praxis läuft das folgendermaßen ab: Mitglieder, sogenannte Ernteteilende, zahlen einen Jahresbeitrag. Dieser kommt nicht allein für den Wert des Gemüses auf, sondern finanziert die gesamte Arbeit der SoLaWi eines Jahres – mit allem, was dazugehört. Das gibt dem Hof Finanzierungs- und Planungssicherheit. Aktuell versorgen sie 110 Haushalte. Jeden Montag erhalten die Ernteteilenden eine Meldung darüber, welches Obst und Gemüse reif ist und in der wöchentlichen Lieferung enthalten sein wird. Die Lieferungen selbst werden nicht an jede:n Konsument:in einzeln zugestellt, sondern zu Verteilstationen in Freiberg und Chemnitz gebracht – die Transportwege sind dementsprechend sehr kurz. Dort können die Mitglieder ihren Anteil selbst zusammenstellen. Das vermeidet zudem eine ganze Menge Müll. Und auch für den Fall, dass etwas mal nicht zu den eigenen Geschmacksvorlieben passt, ist vorgesorgt: „Wenn jemand zum Beispiel keinen Koriander mag, dann gibt es die Möglichkeit, ihn in eine sogenannte Verschenkekiste zu legen und so an andere Mitglieder weiterzugeben“, erklärt Cedric.
Einmal im Jahr findet außerdem die „Bieter:innenrunde“ statt. Bei diesem Termin legt der Hof zur Bunten Kuh seine gesamten Produktions- und Projektkosten offen. Basierend darauf können die Ernteteilenden einen Beitrag nennen, mit dem sie in der Lage sind zu unterstützen. Das funktioniert so gut, sagt Cedric, dass sie sich meist schon nach der zweiten Runde einig geworden sind und die Finanzierung steht.

Konsens und Kompromisse
Das Mitspracherecht der Mitglieder geht über die Budgetplanung hinaus. In Umfragen wird beispielsweise abgestimmt, was zukünftig angebaut werden soll. „Natürlich muss es auch immer einen Realitätsabgleich geben. Funktioniert das? Können wir das mit unseren Mitteln wirklich so produzieren? Das ist viel Kommunikationsarbeit“, erzählt Cedric. Die Aushandlungen betreffen auch die Tierhaltung. Gerade baut die SoLaWi eine tierwohlbasierte Hühnerhaltung auf, bei der die Mitglieder Patenschaften für ein Huhn übernehmen können. Dabei stellt sich die Frage, ob die Leute bereit sind, auch weiterhin zu zahlen, selbst wenn das Huhn altersbedingt nur noch ein Drittel der ursprünglichen Menge an Eiern legt, dafür trotzdem weiterleben und alt werden darf. Doch: „Vielen Mitgliedern ist es aus einem ökologischen oder veganen Bewusstsein heraus gar nicht so wichtig, tierische Produkte zu beziehen.“
Die SoLaWi agiert in einem Spannungsfeld zwischen Produktionseffizienz, Ökologie und sozialen Aspekten, in dem es eine Balance zu finden gilt. „Man muss sich immer die Fragen stellen: Wie viel effizienter müssen wir sein, um die Gärtner:innen arbeitstechnisch zu entlasten? Wie verhält sich das wiederum zu den ökologischen Wertvorstellungen der Mitglieder? Und wie bedürfnisorientiert kann der Arbeitsalltag gestaltet werden?“ Ein Tool, das viel Transparenz und Verständnis schafft, ist der wöchentliche Newsletter, besonders dann, wenn es heißt, dass es aufgrund von Extremwetterereignissen zu Ernteeinbußen kommt.
Gärtnern im Klimawandel
Nicht nur die Ernte, sondern auch das Risiko teilen sich Betrieb und Mitglieder. Die Witterungsextreme nehmen durch den Klimawandel zu und erschweren die Arbeit. Pflanzen geraten schnell in Stress, und Pilze sowie Schädlinge haben leichtes Spiel. Zwar können gegen letztere Nützlinge eingesetzt werden, doch Hitzeperioden kennen kein Wochenende. Dann müsse man darauf achten, dass alle Pflanzen überleben. Wo Spätfröste nicht schon die Blüten zerstört hatten, ließ die Juni-Hitze die Beeren direkt am Strauch verkochen. Cedric sieht trotz aller Widrigkeiten auch positive Aspekte: „Anders als herkömmliche Gemüsebetriebe, die sich zwangsläufig im kapitalistischen System spezialisieren müssen, sind wir eine Vielfaltsgärtnerei und können über die breite Produktpalette Ausfälle puffern. Zu Ernten gibt es immer was.“
Die Bunten Kühe, wie sie sich selbst nennen, sehen in ihrer Arbeitsweise und in klein strukturierten Betrieben generell ein großes Potenzial. „Durch die solidarische Landwirtschaft können sehr resiliente Systeme entstehen, die wenig Input von außen brauchen“, erklärt Cedric.
Ein neues Bewusstsein
Wer mit einem SoLaWi-Hof in Berührung kommt, entwickelt einen anderen Bezug zu Lebensmitteln. „Was bedeutet Saisonalität wirklich und wann wächst was?“ sind Fragen, die sich Mitgliedern unmittelbar stellen. Bei der Bunten Kuh in Frankenberg gibt es keine beheizten Gewächshäuser, es wird im Einklang mit den Jahreszeiten gearbeitet und geschaut, wann es Sinn ergibt, etwas anzubauen. Ein zusätzlicher Energieaufwand wie beheizte Tomatenzelte sind deshalb nicht nötig. „Es ist erstaunlich zu sehen, was im Winter alles möglich ist und dass es nicht bloß Rüben gibt“, verdeutlicht Cedric. Selbst in der kalten Jahreszeit bauen sie rund 20 verschiedene Kulturen an.
Für viele Menschen sei es erstmal eine Umstellung. „Man sagt dann nicht: ‚Jetzt koche ich dieses Gericht und kaufe dementsprechend ein‘. Stattdessen bekommst du am Montag die Information, was die Woche reift und in der Lieferung enthalten ist, und dann musst du überlegen. Wir geben aber auch Begleitrezepte an die Hand.“ Die Resonanz sei trotz aller Umstellungen durchweg positiv. Viele Ernteteilende berichten von gesundheitlichen Verbesserungen infolge des veränderten Umgangs mit Essen. Für Cedric liegt das nahe: „Eine Pastinake steht bei uns ein Jahr im Boden, was in anderen Betrieben nicht wirtschaftlich wäre. Dadurch hat sie sehr viel Zeit, Nährstoffe und Mineralien anzureichern, und eine hohe Nährstoffqualität.“




Wenig Fördergelder für SoLaWi
Auf die Frage, wie das SoLaWi-Konzept Anklang in der Mitte der Gesellschaft finden kann, antwortet Cedric: „Eine Idee, die aus dem Austausch der sächsischen SoLaWis entstanden ist, ist die sogenannte Produktpalettenerweiterung. Für viele Menschen ist es unpraktisch, wenn sie für verschiedene Produkte erst unterschiedliche Stellen anfahren müssen. Dann gehen sie am Ende doch eher in den Supermarkt. Und deswegen versuchen wir, Kooperationen aufzubauen, um mit anderen Betrieben, die auch nach ökologischen Standards arbeiten, Produkte auszutauschen und anzubieten.“ Über andere Netzwerke lassen sich zudem Landmaschinen mieten, da ein Kauf zu teuer wäre – wenn auch der Großteil der Landwirtschaft in Handarbeit erfolgt.
Förderungen gibt es für Höfe wie dem in Frankenberg nur vereinzelt. Diese wären zwar sehr hilfreich und würden sich positiv auf die Preise auswirken, aber die Bunten Kühe haben nicht mal etwas von den vom Bund 2026 wieder eingeführten Agrardieselsubventionen bekommen. Dafür ist ihr Betrieb zu klein und der Verbrauch viel zu gering.
Damit SoLaWi-Höfe überleben, sind sie auf ihre Mitglieder angewiesen. Laut Cedric ist auch die Verbindung zu Städten essenziell. Denn viele Menschen auf dem Dorf haben noch Selbstversorgergärten und keinen Bedarf an zusätzlichem Obst und Gemüse. Ganz anders sieht es ihm zufolge in anderen Bundesländern aus. In Westdeutschland sind die Leute im Schnitt zahlungskräftiger, weshalb SoLaWi-Höfe dort meist wirtschaftlich ganz anders aufgestellt sind und auch jenseits der Städte funktionieren können.
Cedric möchte die Menschen ermutigen, sich mit dem Konzept auseinanderzusetzen. „Wir bieten jeden ersten Sonntag im Monat einen Infotag an, bei dem man sich während eines Gartenrundgangs über das Konzept informieren kann – das ist eine Gelegenheit, um in den Austausch zu kommen. Und vielleicht entdeckt jemand auf diese Weise auch ein bereicherndes Hobby für sich.“
Auf zu neuen Ackern
Für die Zukunft wünschen sich die Bunten Kühe mehr Budget für Festangestellte, um weitere bedürfnisorientierte Arbeitsplätze zu schaffen, die Menschen motivieren und sie nicht ausbrennen lassen. Ihr Hof soll auch weiterhin als Begegnungsort weiterentwickelt werden. Cedric erzählt von der Idee, ein Nebengebäude als Bildungshaus nutzbar zu machen, um noch mehr Veranstaltungen und Workshops anbieten zu können. Schon jetzt gibt es Kurse zu Saatgutvermehrung, und auch Schulklassen kommen zu Besuch. „Das ist die Vision: ein lebendiger Ort, an dem verschiedene Menschen aller Altersgruppen zusammenkommen können, um gemeinsam an unterschiedlichen Themen zu arbeiten.“
Für die Bunten Kühe ist der Hof eine selbstwirksame Alternative zu bestehenden gesellschaftlichen Strukturen. Sie haben die Dinge selbst in der Hand und können andere Wege gehen, abseits der Marktmechanismen – und damit zeigen, dass Versorgung, Verantwortung und Gemeinschaft anders organisiert werden können.