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Interview: Die Kulturhauptstadt mit Haltungsproblem

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Sören Uhle ist einer der vehementesten Kritiker der Kommunalpolitik in Chemnitz. Der Kaufmann leitete acht Jahre lang die städtische Wirtschaftsförderung CWE, die auch für das Tourismusmarketing von Chemnitz zuständig war. Die Firma war ein wichtiger Akteur im Kulturhauptstadt-Bewerbungsprozess. Uhle kennt das Kulturgeschehen in der Stadt und kommentiert es in seinem Podcast Chemnitz be like. Wir haben mit ihm über die Kulturhauptstadt, den Mangel an politischer Haltung in Chemnitz und das Vermächtnis des Jahres 2025 gesprochen.

Herr Uhle, was hat die Kulturhauptstadt Positives in Chemnitz bewirkt?

Eins ist klar: Die Reputation der Stadt hat sich verbessert. Chemnitz bekommt gerade viel Aufmerksamkeit, die Popularität der Stadt ist nach oben geschossen. Aber die Frage ist, war es jemals das Ziel, die kulturellen Strukturen zu stärken? Oder hat man es sich bequem gemacht, solange nur genug Menschen in die Stadt kommen? Ich glaube, Letzteres ist der Fall und das halte ich für fatal.

Wird das Projekt langfristige Spuren in Chemnitz hinterlassen?

Ich bin da sehr pessimistisch. Ich glaube, wir werden in ein paar Jahren feststellen, dass es keinen großen Impact gehabt, wenig Empowerment gebracht hat. Es wird keinen Einfluss auf die demografische Entwicklung nehmen, vermute ich. Das ist die absolute Achillesferse unserer Stadt. Der Legacy-Prozess ist für mich ein großer Fake. Haben die Stadtpolitik und der Oberbürgermeister irgendwas strukturell in dieser Stadt verankert, auf das wir langfristig aufbauen können?

Es passiert doch das Gegenteil: Die Politik will ihr traditionsreiches Schauspielhaus aufgeben, die Budgets der Kulturvereine werden pauschal um fünf Prozent gekürzt, in Einzelfällen deutlich mehr. Das ist völlig absurd. Wir werden uns Ende dieses Jahres die Augen reiben und feststellen, dass die Hälfte unserer Kulturlandschaft weg ist. Weniger Kultur in der Stadt nach dem Kulturhauptstadtjahr – was für ein fader Beigeschmack. Das ist das, was am Ende bleibt von der Kulturhauptstadt 2025.

Welchen Weg hätte man Ihrer Meinung nach gehen sollen?


Man muss die Macher der Kulturhauptstadt auch in Schutz nehmen. Dieses Kulturhauptstadt-Projekt ist extrem komplex – und das ist auch nicht nur in Chemnitz so. Das löst hohe Erwartungen aus und man hat grundsätzlich wenig Zeit zur Vorbereitung. Umso bemerkenswerter, dass nicht von Anfang an die Strukturen der freien Kulturszene mitgedacht und genutzt wurden. Das hätte ganz nebenbei den Stellenwert dieser Szene so erhöht, dass jetzt weder Kürzungen drohten noch Existenzen infrage stünden. Das halte ich für einen immensen strategischen Fehler, an den wir noch lange erinnert werden werden

Zudem haben alle immer nur an Veranstaltungen gedacht. Das ist aber nicht das, was die Kultur braucht. Die Kulturschaffenden in Chemnitz sagen: Unser Hauptproblem ist, wie wir eine kontinuierliche Finanzierung erreichen. Ihr könnt uns die Organisation von Events anvertrauen, wenn ihr uns finanziell ausstattet, über welche Art von Förderprogramm auch immer. Das wäre eine Chance gewesen, bestehende Strukturen zu verstetigen.

Man hätte die Kulturschaffenden aus Chemnitz viel stärker einbinden können. Zum Beispiel bei der Kulturhauptstadt-GmbH. Das Team bildet überhaupt nicht die Stadtgesellschaft ab. Die sind 2026 mit „aufgepimpten“ Lebensläufen alle wie der weg. Ich brauche aber die, die anerkannt, die vernetzt sind, die in der Kulturszene aktiv sind und die nach 2025 noch da sind und Verantwortung tragen. Aber so wie es heute aussieht, ist da null Expertise für Chemnitz hinzugekommen.

Das Problem des Rechtsextremismus ist ja schwer zu übersehen. Viele sagen, die Ausschreitungen 2018 waren ein wichtiger Treiber der Bewerbung zur Kulturhauptstadt. Wurde die Chance, sich damit auseinanderzusetzen, 2025 genutzt?

Nein. Ich glaube, das wichtigste politische Ziel des Projekts waren Brot und Spiele. Es sollte schön sein und eine gute Wirkung nach außen haben. Da ist viel Unterhaltungsprogramm gemacht wor den, es sollten sich alle wohlfühlen, es sollte schön sein. Aber dem politischen Thema ist man aus dem Weg gegangen. Demokratie Förderprojekte wurden zum Beispiel außen vor gelassen in meiner Wahrnehmung. Ein Beispiel ist der Prozess zur Einrichtung des NSU-Dokumentationszentrums in der Täterstadt Chemnitz. Das wurde vom Oberbürgermeister offensichtlich nicht willkommen geheißen. Als Antifaschist kann man sich da nur schämen.

Man hat schon ein paar Projekte ins Schaufenster gestellt, aber das Thema Demokratie und Rechtsextremismus war überhaupt kein integraler Bestandteil des Kulturhauptstadt-Programms. Das führt das ganze Projekt ad absurdum, denn im Bewerbungsprozess ist ja ganz bewusst auch die europäische Frage gestellt worden: Wofür steht diese Stadt und was könnte die Botschaft sein, die von Chemnitz ausgeht? Und da ging es sehr, sehr schnell um die Gefährdung der Demokratie durch Rechtsextreme und darum, wie sich eine Stadtgesellschaft dagegen widerstandsfähiger machen kann, vor allem mit den Mitteln der Kultur. Davon ist doch gar nichts mehr da!

Warum ist das so?

Die Stadtverwaltung und der Oberbürgermeister haben keinen mutigen Umgang mit dem Thema. Da herrscht einfach Angst. Wenn man das Problem thematisiert, macht man sich schließlich angreifbar, und das will die Stadtspitze nicht. Es werden keine Entscheidungen getroffen, um einer Kritik oder einer negativen Grundstimmung irgendwie aus dem Weg zu gehen. Bevor du für etwas kritisierst wirst, das du machst, machst du lieber nichts. Aber um bei dem Thema Haltung zu zeigen, musst du – salopp gesagt – die Hosen runterlassen.

Die Stadt Chemnitz hat aber nicht nur das Problem mit der mangelnden Haltung, sondern auch damit, zu erkennen, wie sie die Zivilgesellschaft stärken kann. Es funktioniert nur, wenn du zivilgesellschaftliche Kräfte mobilisierst und stabilisierst, die der parlamentarischen Demokratie helfen. Und das fällt hier komplett aus – wie übrigens vielerorts im Osten.

Das Problem, dass sich der Rechtsextremismus mit so wenig Gegenwehr breit macht, ist in Chemnitz besonders groß. Denn es gibt eine ziemlich große Akzeptanz innerhalb der Stadtgesellschaft im Umgang mit den Rechten. Da arbeiten demokratische Parteien wie CDU oder auch das BSW mit der AfD im Stadtrat zusammen und das schon seit Jahren!

Autor:in

  • Tim Schulz

    Redakteur

    Wahl-Chemnitzer mit ostdeutschen Wurzeln: Seit zehn Jahren hier, halbtags beim MDR, ganztags mit trockenem Humor bewaffnet.

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