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Awakening Church: Dresden soll gerettet werden

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Seit Mai 2026 gibt es einen Dresdner Zweig der Awakening Church. Die Gemeinde wirkt jung, international und tritt immer häufiger mit Missionierungsaktionen im öffentlichen Raum auf. Dahinter steht ein evangelikales Netzwerk, das wegen Heilungsversprechen und queerfeindlicher Sexualethik in der Kritik steht.

Der Altmarkt in Dresden ist an diesem warmen Mittwochabend nicht voll. Rund 60 Menschen stehen vor einer provisorischen Bühne mit Teppich, Lautsprechern und Instrumenten. Eine Frau predigt auf Englisch: „Thank you God that you love Dresden.“ Und: Gott wolle diese Stadt retten. Ein junges Paar lacht im Vorbeigehen kurz auf.

Dann beginnt die musikalische Performance. Die Lieder dauern mitunter rund 15 Minuten, leben von ihrem langsamen Aufbau und rhythmischen Wiederholungen. Vor der Bühne strecken einige Personen die Arme in den Himmel, sie wiegen sich hin und her. Ein junger Mann kniet auf dem Kopfsteinpflaster, zwei andere umarmen sich innig. Eine Frau sitzt etwas abseits auf dem Boden und wischt sich Tränen aus dem Gesicht. Immer wieder zückt eine:r der Beteiligten ein Smartphone, um die Ereignisse zu filmen.

Diesen öffentlichen Gottesdienst auf dem Altmarkt veranstaltete eine Gemeinde, die sich erst seit wenigen Monaten in Dresden zeigt: Die Awakening Church Dresden meldete am 3. Mai auf Instagram ihren offiziellen „Launch“. Als regelmäßigen Treffpunkt nennt die Gruppe eine Adresse im Stadtbezirk Neustadt, an der sich auch ein usbekischer Imbiss befindet. Wer die Gemeinde vor Ort leitet und wie viele Menschen ihr angehören, geht aus ihren Verlautbarungen nicht hervor.

Awakening Europe: Wenig Christ:innen unter anderem wegen Bombardierung

Der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel sieht die Awakening Church als „stark auf spirituelle Erfahrungen zielende neocharismatische evangelikale Bewegung“. Im Vordergrund stünden der persönliche Bezug zu Jesus und „das Charisma der von Gott erwählten Prediger“, wie er KATAPULT Sachsen erklärt. „Eine differenzierte theologische Beschäftigung mit der Bibel ist eher nicht gewünscht.“ Ziel sei es, Menschen Erfahrungen mit Jesus und dem Heiligen Geist zu ermöglichen und sie zu „erwecken“. Die Kirche habe einen „starken missionarischen Charakter“. Sie trete „festivalhaft“ auf und wolle junge Menschen erreichen.

Der Gottesdienst auf dem Altmarkt war eine von 13 für den Juli angekündigten Veranstaltungen, mit denen die junge Gemeinde Menschen in Dresden erreichen wollte. Laut der Website zur Veranstaltungsreihe zielen sie darauf ab, „Dämonen auszutreiben“. Dresden wird dabei als Stadt beschrieben, die durch den Kommunismus und die Bombardierung im Zweiten Weltkrieg heute eine hohe Zahl von Menschen aufweise, „die sich als Atheisten bezeichnen“. Sie sehne sich „nach einer neuen Ausgießung des Heiligen Geistes“.

Beworben wurde die Kampagne in den Sozialen Medien. Auf Instagram etwa, wo die Dresdner Gemeinde aktuell knapp 600 Follower:innen hat, oder auf einem eigenen WhatsApp-Kanal. In einem hier verbreiteten Video, kann man dabei zuschauen, wie einige Personen, darunter eine offenbar minderjährige, den TikTok-Trend „on our way to rob hell“ nachstellt. Die Bibel dient darin als imaginierte Pistole, mit der geschossen wird. Auch Fotos von Ansprechaktionen verbreitet Awakening Europe über ihre Kanäle. Auf ihnen sieht man junge Erwachsene, die Menschen auf Parkbänken oder auf der Straße ansprechen.

Europa solle zurückgeholt werden

Die Awakening Church in Dresden ist dabei kein unabhängiges, lokales Projekt. Der deutsche Hauptstandort liegt im baden-württembergischen Eimeldingen bei Lörrach. Auch dort gibt es Gottesdienste und Straßeneinsätze. Hinzu kommt unter anderem eine Ausbildungsschule. Der Standort ging aus der Freien evangelischen Gemeinde Rebland hervor, die Ende 2021 285 Mitglieder und rund 350 Gottesdienstbesucher:innen hatte. Nach Konflikten um Pastor Ben Fitzgerald und die Zusammenführung mit Awakening Europe trennte sie sich 2023 vom Bund Freier evangelischer Gemeinden.

Fitzgerald ist die zentrale Figur des Netzwerks. Der Australier ging 2009 an die Bethel School of Supernatural Ministry im kalifornischen Redding und arbeitete später bei der Bethel Church. Sie führt ihn weiterhin als Missionar und bittet auf ihrer Webseite um Spenden für Awakening Europe. Dort erklärt sie auch, Jesus habe Fitzgerald 2014 gezeigt, dass Europa zurückerobert werden müsse. Daraufhin habe ihn die Kirche nach Deutschland geschickt. Er gründete Awakening Europe und leitet seitdem die Awakening Church in Deutschland. Bei der Eröffnung des Ablegers in Dresden war er vor Ort und schnitt – so sieht man es auf Instagram – ein symbolisches Band mit einer Schere durch.

Die Bethel Church hat ein eigenes erfolgreiches Musiklabel und mehrere Tausend Mitglieder. Sie hat aber auch bestimmte Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität. Die Ehe versteht sie eigenen Angaben nach als Verbindung eines Mannes und einer Frau, lehnt Homosexualität ab und beschreibt die Abkehr von einer queeren Identität als mögliche religiöse Entwicklung.

Ausgelebte Homosexualität als Sünde

Unter dem Hashtag #oncegay propagierte die Bethel Church eine Gruppierung innerhalb der Gemeinde, deren Mitglieder sich einst als LGBTQ+ identifiziert hätten, dies aber nun aufgrund ihrer Hinwendung zum christlichen Glauben nicht mehr täten. Ähnlich scheint die Linie in der Awakening Church: Eine verdeckte Recherche für das ZDF-Format Frontal zeigt, wie ein Gebetsteam für die Heilung einer Reporterin betet, die sich als homosexuell ausgibt. Man habe ihr erklärt, dass das Ausleben von Homosexualität eine Sünde sei. Zudem habe ihr das Team empfohlen, die Bibel zu lesen und zur Seelsorge zu gehen. Als Konversionsbehandlung will die Awakening Church solche Vorgänge aber nicht verstehen.

Fernab dessen wird die Bethel Church von einigen Theolog:innen mit dominionistischen Vorstellungen in Verbindung gebracht. Gemeint ist die Idee, dass der christliche Glaube zentrale Bereiche wie Politik, Medien, Bildung oder Wirtschaft prägen sollte, um ein vermeintliches Reich Gottes auf Erden durchzusetzen. Passend dazu begründete Bethel-Leiter Bill Johnson seine Unterstützung für US-Präsident Donald Trump 2016 unter anderem mit dessen politischen Positionen zu Abtreibung und gleichgeschlechtlicher Ehe.

Gert Pickel sieht diese Idee auch bei der deutschen Freikirche: „Aufgrund der Ablehnung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt ist die Awakening Church auch offen für diese Ablehnung teilende politisch rechte Bewegungen und andere fundamentalistische Kirchen.“ Das bedeute keine vollständige Übereinstimmung mit extrem rechten Ideen, so der Religionssoziologe. Die Verbindung richte sich eher auf das gemeinsame Ziel eines christlich geprägten „Reichs Gottes“.

Wunderheilungen und Gebet für Sebastian Kurz

In Eimeldingen bieten Teams der Awakening Church monatlich Gebete für körperliche Heilung an. Unter dem Internetauftritt der Gemeinde finden sich Berichte über verschwundene Schmerzen und andere angebliche Heilungen. Medizinische Nachweise gibt es dafür nicht. Das von Wissenschaftsjournalist:innen gegründete Medien-Projekt MedWatch etwa berichtete 2022 über Einsätze von Awakening Europe an der polnisch-ukrainischen Grenze. Mitglieder sprachen dort Geflüchtete an, filmten und fotografierten sie und verbreiteten Berichte über angebliche Wunderheilungen. Bislang konnten diese nicht unabhängig bestätigt werden.

Ein ehemaliges Mitglied aus Eimeldingen warf Fitzgerald außerdem vor, die schwere Krebserkrankung seines Bruders für ein Heilungsvideo genutzt zu haben, obwohl dieser nicht geheilt worden sei. Der Verstorbene habe Fitzgerald vor seinem Tod mehrmals darum gebeten, dass das Video mit ihm gelöscht werde, wie die Badische Zeitung schrieb. Was zunächst vergeblich blieb, hatte inzwischen Erfolg. Fitzgerald wies Vorwürfe, sich in der Sache falsch verhalten zu haben, zurück. Religionssoziologe Pickel beschreibt Heilung als Teil des neocharismatischen Weltbilds: Die Bewegung wolle unmittelbare Erfahrungen göttlicher Macht ermöglichen. Problematisch werde das, wenn religiöse Autorität medizinische oder psychologische Fachlichkeit verdränge.

Auch auf der politischen Bühne war die Kirche bereits sichtbar. 2019 ließ sich der damalige österreichische Regierungschef Sebastian Kurz (ÖVP) vor rund 10.000 Menschen bei einer Awakening-Veranstaltung von Ben Fitzgerald segnen. Vertreter*innen der Staatskirchen kritisierten damals die Vermischung von Gebet und Wahlkampf. Eine Verbindung gibt es außerdem zum Profifußball. Unter anderem während seines Torjubels bei dem diesjährigen WM-Spiel gegen Paraguay machte der deutsche Nationalspieler Felix Nmecha auf eine Aktion des evangelikalen Netzwerks „Ballers in God“ aufmerksam. Nmecha wurde bereits zuvor für Social-Media-Beiträge kritisiert. 2023 teilte er unter anderem Inhalte, die den Begriff „Pride“ mit dem Teufel in Verbindung brachten. Er dementierte daraufhin jegliche Queerfeindlichkeit.

Keine konkreten Antworten zu Kritikpunkten

Dokumentiert ist der Kontakt zwischen „Ballers in God“-Gründer John Bostock und Ben Fitzgerald. Beide besuchten 2024 das Champions-League-Finale, um Nmecha zu unterstützen. Der Instagram-Account des Netzwerks bezeichnete Fitzgerald danach in einem Post als „Visionär“ und „Freund“. „Ballers in God“ erreicht mehr als 700.000 Menschen auf Instagram⁷ – eine Zahl, die in krassem Kontrast zur tatsächlichen Größe dieses und ähnlichen Netzwerken steht.  Der Autor Philipp Greifenstein schätzt in einem Beitrag für das unabhängige Online-Magazin zu Kirchenthemen Die Eule die Zahl der neocharismatischen Aktivist:innen in Deutschland auf „nicht einmal vierstellig“. Ihr Erfolg sei vor allem medial.

Zurück auf dem Altmarkt in Dresden: Es läuft noch der derselbe Basslauf bei dem öffentlichen Gottesdienst, als auf meinem Smartphone die Antwort der Awakening-Church-Zentrale in Eimeldingen auf einen Fragenkatalog von KATAPULT Sachsen eintrifft. Allgemein heißt es darin, dass der Zweig in Dresden eine christliche Gemeinde sei, „die Menschen unabhängig von ihrer persönlichen Geschichte oder ihrem Hintergrund willkommen heißt“.

Auf konkrete Fragen nach Dämonenaustreibungen, dem Video mit dem krebskranken Mann aus Eimeldingen oder queeren Lebensentwürfen antworten die Vertreter:innen der Glaubensgemeinschaft hingegen nicht. Stattdessen steht dort, der Fragenkatalog verbinde allgemeine Fragen mit „Vorwürfen, politischen Zuordnungen und wertenden beziehungsweise hypothetischen Prämissen“. Deshalb würde der ursprünglich an die Awakening Church Dresden gerichtete Fragenkatalog von der Zentrale beantwortet. Bei unzutreffenden Tatsachenbehauptungen oder irreführenden behalte sie sich rechtliche Schritte vor, heißt es in der Antwort aus Baden-Württemberg.

Natalie Meinert schreibt als freie Autorin für KATAPULT Sachsen.

Autor:in

  • Sachsen Tiger

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