Wie eine Gruppe junger Menschen aus Sachsen gegen die Gründung einer neuen AfD-Jugend protestiert. Wie sehr das auch mit dem Kampf im Netz zu tun hat – und warum die Jugend so wichtig für unsere Demokratie ist.
Es ist dunkel, es ist Spätsommer, es ist der 8. September um zwei Uhr nachts. Ein Bus mit etwa 15 jungen und halbjungen Menschen fährt aus Dresden gen Sächsische Schweiz. Ihr Ziel: Die Bastei – eines der bekanntesten Wahrzeichen der Berglandschaft. Jede Minute ist geplant, jeder Handgriff sitzt. Mitten in der Dunkelheit ziehen die Aktivist:innen Seile aus dem Auto, fixieren ihre Klettergurte und beginnen die Felsen hinaufzusteigen. Eine hochriskante Angelegenheit. Die Kletterbedingungen gelten durch den Sandstein in der Sächsischen Schweiz als speziell, zum Sichern werden „nur“ Schlingen in den Felsspalten fixiert.

Lebensgefährliche Kletteraktion für die Demokratie
Steile und hohe Sandsteinfelsen in der Sächsischen Schweiz sind nur etwas für Könner. Diese Felsen in der Dunkelheit zu erklimmen, ist eine Sache für Vollprofis, und auch für sie bleibt es lebensgefährlich. Ein falscher Griff in der Dunkelheit, ein falscher Tritt ins Leere – das Risiko ist enorm. Nach kurzer Zeit erreichen die Kletter:innen die Spitzen zweier gegenüberstehender Felsen und entrollen ein Banner: „AfD-Jugend stoppen. Wir widersetzen uns“. Das Bild geht später durch die Republik und wird Symbol der bundesweiten Kampagne „widersetzen“ gegen die Gründung einer neuen AfD-Jugendorganisation.
„Es fühlt sich wie eine demokratische Krise an“
„Der Rechtsruck ist bedrückend und sehr beängstigend. Das zeigt auch die Stadtbild-Äußerung von unserem Bundeskanzler, die nicht nur rassistisch, sondern komplett realitätsfern war. Alles fühlt sich wie eine demokratische Krise an“, erklärt Leopold Rosenow, ein 16-jähriger Schüler aus Dresden, der bei der Aktion dabei war. „Wir möchten der AfD den Raum nehmen und rechtsextremes Gedankengut wieder entnormalisieren. Es ist unsere Zukunft. Wir möchten angstfrei leben, mit Respekt und Menschenwürde, in einer blühenden Demokratie und nicht in einem menschenverachtenden Faschismus.“

Engagement gegen neue radikale Jugendorganisation
Rosenow gehört wie viele andere Jugendliche und junge Menschen zur Gruppe „widersetzen Dresden“. Sie ist Teil einer bundesweiten Bewegung, die es sich zum Ziel gemacht hat, die Gründung einer neuen AfD-Jugend zu stoppen. Weitere Gruppen der Initiative „widersetzen“ gibt es in Chemnitz, Freiberg, Zwickau, Plauen und Leipzig .
„Wir sind ein breites Bündnis aus vielen Organisationen“, erklärt Anton Festag, der sich bei „Schülis gegen Rechts” engagiert. Zum Bündnis gehörten neben den „Schülis gegen Rechts” auch die „Azubis gegen Rechts“, die „Studis gegen Rechts“, „Omas gegen Rechts“, die Grüne Jugend, die Jusos, die Linksjugend sowie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Knapp 30 Busse fahren aus Sachsen zum Protest nach Gießen
Festag ist überzeugt, dass die neue Jugendorganisation der AfD für die Demokratie gefährlich ist. „Egal ob ‘Junge Alternative’ oder ‘Generation Deutschland’ – es sind und bleiben dieselben Faschisten! Wir müssen uns dem Gründungstreffen der neuen AfD-Jugend Ende November in Gießen widersetzen und für eine demokratische, antifaschistische Zukunft aufstehen!“
Zusammen mit jungen Menschen aus ganz Deutschland wollen die Dresdner Aktivist:innen nach Gießen fahren und gegen die Gründung einer neuen radikalen AfD-Jugendorganisation demonstrieren. Etwa 30 Busse mit Protestierenden brechen am Wochenende aus Dresden, Chemnitz und Leipzig auf, um sich für Demokratie und gegen Rechtsextremismus stark zu machen. Davon kommen allein 450 Leute aus Dresden, etwa doppelt so viele werden es aus Leipzig sein. Über 100 Protestierende machen sich aus Chemnitz auf den Weg.

AfD-Jugendorganisation will sich am 29./30. November gründen
Die neue AfD-Jugendorganisation namens „Generation Deutschland“ will sich am 29. und 30. November in der mittelhessischen Stadt Gießen formieren. Lokale Behörden bewerten die Gründung als strategisches Spitzentreffen, das wie ein „großes Strategietreffen zwischen AfD und rechtem Vorfeld“ wirkt.1
Weil sie zu radikal war und als Gefahr für die bürgerliche Strategie der Partei betrachtet wurde, hätte die AfD ihre Jugendorganisation „Junge Alternative“ (JA) zu Beginn des Jahres aufgelöst. Nach Recherchen des Spiegel soll die die neue AfD-Parteijugend “Generation Deutschland” noch radikaler sein als sein Vorgänger. „Sie wird ein Sammelbecken für Identitäre, Völkische und Burschenschafter sein, bestens verdrahtet mit dem neurechten „Vorfeld“, wie die AfD die Organisationen in ihrem Umfeld nennt“, heißt es dort.2
Potenzieller neuer Bundesvorsitzender hält Kontakt zu rechtsextremen Organisationen
Für den Vorsitz der Parteijugend will sich der 28-jährige Jean-Pascal Hohm aus Brandenburg zur Wahl stellen. Hohm ist bekannt für sein Engagement bei „Pegida“ und seine Verbindungen zu den rechtsextremen verfassungsfeindlichen Organisationen „Ein Prozent“ sowie der „Identitären Bewegung“.3 Wegen des Kontakts letzterer verlor er 2017 kurzzeitig einen Job in der brandenburgischen AfD-Landtagsfraktion, machte aber dennoch in der Partei Karriere und wurde 2024 in den Brandenburger Landtag gewählt.
Schon 2014 war er erster Vorsitzender der JA Brandenburg.4 „Hohm hält Verbindungen zur rechtsextremen identitären Jugend, die auch in Sachsen sehr aktiv ist“, erklärt Festag. „Er hetzt, es gebe in Deutschland einen Bevölkerungsaustausch und Jugendliche sollten Kampfsport betreiben, um wehrhaft zu sein“.
Vernetzung mit verfassungsfeindlichen Rechtsextremen
Dass die neue AfD-Jugendorganisation eng mit rechtsextremen Gruppen vernetzt ist, bestätigt auch Sebastian Friedrich, Redakteur des Newsletters „ueberrechts.de“: „Es ist ein Irrglaube, dass die neue AfD-Jugendorganisation politisch moderater auftreten wird.“ Die Spitze der neuen Organisation werde „am äußersten rechten Rand der Partei stehen“ und sei „eng mit dem rechtsradikalen Vorfeld vernetzt“.
Friedrich erklärt weiter: „Die Auflösung der JA hatte nie nur das Ziel, die Parteijugend politisch zu mäßigen. Es geht vor allem darum, mehr administrative Kontrolle über die Jugendorganisation zu gewinnen.“ Zudem verspreche sich die AfD durch die engere Anbindung an die Mutterpartei einen Schutz vor einem möglichen Verbot der Parteijugend. Die JA sei rechtlich eigenständig gewesen.
57.000 Protestierende gegen AfD-Jugend erwartet

In Gießen bereitet sich die Polizei derweil auf einen Großeinsatz vor, an dem sich auch Polizist:innen aus anderen Bundesländern sowie Bundespolizist:innen beteiligen werden. Insgesamt sind fünf Kundgebungen angemeldet, und Schätzungen zufolge könnte der Protest auf bis zu 57.000 Menschen anwachsen.5 Angemeldet wurden die Demonstrationen vom Gewerkschaftsbund Mittelhessen und dem Linken-Kreisverband Gießen. „Das Bündnis „widersetzen“ plant die größten Proteste gegen die AfD, die es je gegeben hat“, sagt Festag. Die Vorbereitungen liefen bereits seit vielen Monaten. „In unserem Mega-Zoom Ende waren allein 3.200 Menschen vernetzt.“
Engagement auch im Netz
Die Schüler Rosenow und Festag engagieren sich mit „widersetzen“ jedoch nicht nur analog bei Aktionen in der Sächsischen Schweiz oder dem Protest in Gießen. Sie sind auch im Netz aktiv, wo der Kampf um junge Wählerstimmen tobt. „Alle Domains bei Instagram und ähnliche Accounts sind besetzt worden“, erklärt Rosenow. Die „Generation Deutschland“ können sich nicht mehr mit ihrem Namen bei den verschiedenen Social-Media-Kanälen anmelden. „Mit solchen Aktionen versuchen wir auch im Netz, Räume zurückzuerobern“, sagt Festag. „Von der AfD-Jugend geht eine akute Gefahr aus, die man bekämpfen muss.


Wer junge Menschen erreicht, prägt die Politik der Zukunft
Populist:innen richten ihren Fokus oft auf die Jugend. Nicht aus Zufall, sondern aus strategischem Kalkül. Wer junge Menschen erreicht, prägt die politische Kultur der nächsten Jahrzehnte. Junge Menschen gelten als offen, orientierungssuchend, technologie- und medienaffin sowie gut vernetzt – Eigenschaften, die autoritäre Akteur:innen gezielt nutzen.
Mit Jugendlichen lässt sich ein modernes, dynamisches Bild erzeugen, das politische Härte weniger alt und weniger rückwärtsgewandt erscheinen lässt. Der Kampf um die Jugend ist auch immer ein Kampf um die Zukunft einer Gesellschaft. Wohl auch deswegen ist die Zahl rechter Influencer:innen und Medienmacher:innen auf der Einladungsliste zur Gründungsveranstaltung der AfD-Jugendorganisation lang.6
Radikalisierung von Jugendlichen darf nicht unterschätzt werden
„Eine Radikalisierung von Jugendlichen darf nicht unterschätzt werden. Die AfD ist als rechtspopulistische Partei gestartet und ihr ist es gelungen, sehr schnell, sehr viele Menschen – darunter auch junge Menschen – für sich zu begeistern, indem sie populistische Strategien verwenden“, erklärte Charlotte Meier, Politikwissenschaftlerin an der Uni Leipzig, schon im Jahr 2024.7 Mit der aktuellen Entwicklung um die neue AfD-Jugendorganisation dürfte diese Aussage noch an politischer Brisanz gewonnen haben.
Rechte Accounts besetzen
Das Beispiel der Instagram-Accounts zeigt, wie wichtig es ist, im Netz gefunden zu werden. Sind naheliegende Domainnamen vergeben, wird es für Rechtsextremist:innen schwerer, sichtbar zu sein und ihre Positionen zu verbreiten. Lange Zeit hatten Extreme bei Social Media leichtes Spiel.
Oft unwidersprochen verbreiteten sie Hass und Hetze. Auch das wollen Rosenow und Festag – und mit ihnen viele andere Aktivist:innen von „widersetzen“ aus Sachsen und dem Bundesgebiet – ändern. Sie besetzen Accounts, sie widersprechen, sie organisieren Busse, diskutieren. Sie klettern auf Felsen. Sie sind die, die sich widersetzen.

Nach der Plakataktion direkt in die Schule
Rosenow und Festag jedenfalls schafften es nach der nächtlichen Banneraktion in der Sächsischen Schweiz pünktlich in die Schule. „Im Biounterricht habe ich noch die Pressemitteilung herausgeschickt“, erinnert sich Festag. „Aktivismus ist auch immer mit viel persönlichem Risiko verbunden“, erklärt Rosenow. „Wir nehmen das in Kauf. Wir müssen und wollen für unsere Demokratie kämpfen.“
Glück, von den Eltern unterstützt zu werden
Sowohl Festag als auch Rosenow sind sehr froh, dass ihre Eltern ihr Engagement unterstützen. „Meine Mutter bestärkt mich“, sagt Festag. „Manchmal sagt sie: Langsam müsste ich auch aktiv werden.“
Rosenow erklärt: „Ich habe das Glück, dass meine Eltern mein Engagement mittragen und ich an einer sehr linken Schule bin.” Doch nicht alle hätten das Glück. Es gebe auch viele Schüler:innen aus AfD-Elternhäusern, die zum Bündnis “widersetzen” kommen, weil die Einstellung ihrer Eltern nicht mit tragen. In solchen Momenten ist für Rosenow und Festag klar: „Wir wollen Mut machen und zeigen, dass es auch Jugendliche gibt, die nicht rechtsextrem denken. Es gibt Hoffnung für die Demokratie, wenn wir uns der Angriffe auf sie widersetzen.”
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- Schmidt, Sebastian: Gießen: „Größtes Strategietreffen zwischen AfD und rechtem Vorfeld“, auf: giessener-allgemeine.de (21.11.2025). ↩︎
- Baumgärtner, Maik; Hillebrand, Fabian; Müller, Ann-Katrin: So radikal wird die neue AfD-Jugendorganisation, auf: spiegel.de (21.11.2025). ↩︎
- Bundesamt für Verfassungsschutz (Hg.): Das Netzwerk der Neuen Rechten, auf: verfassungsschutz.de (Juni 2024). ↩︎
- Halasz, Gabor; Schwarz, Bianca: Wie sich die neue AfD-Jugend aufstellt, auf: tagesschau.de (14.10.2025). ↩︎
- Yağmur Ekim Çay: Bündnis widersetzt sich Aufmarsch der Höcke-Jugend, auf: taz.de (4.11.2025). ↩︎
- Fröhmcke, Helene; Riedel, Katja; Pittelkow, Sebastian: Neuer Name, alte Netzwerke, auf: tagesschau.de (6.11.2025). ↩︎
- Meier, Charlotte: Charlotte Meier über Ursachen für AfD-Wahlerfolge bei jungen Menschen, auf: uni-leipzig.de (2.9.2024). ↩︎
