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Sachsen, die gegen Windräder kämpfen

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In einem Vorort von Chemnitz wehren sich Anwohner:innen erbittert gegen den Bau zweier Windräder. Die Bürgerinitiative Gegenwind Euba ist eine von dutzenden Protestgruppen im Freistaat. Hinter den Protestbewegungen stehen berechtigte Ängste, aber auch politische und wirtschaftliche Interessen. Auch die rechtsextreme AfD spielt eine Rolle im Netzwerk der Windkraftgegner.

Der Katzenberg in Chemnitz-Euba erhebt sich bis auf gut 470 Meter aus dem Erzgebirgsvorland. Die Menschen im kleinen Vorort von Chemnitz gehen hier gern spazieren. Aber die Idylle ist seit einigen Jahren zum Streitpunkt zwischen Anwohner:innen, der Stadtverwaltung und einem Energie unternehmen geworden. Ursprünglich sollten hier drei große Windkraftanlagen gebaut werden.

„Fachlich und planerisch ist der Standort sehr gut geeignet“, heißt es von der Dresdner VSB Gruppe, die für den Bau der Windkraftanlage verantwortlich ist. Mit dem Windniveau auf dem Hügel könnten die beiden Turbinen laut Firmenangaben rechnerisch Strom für 12.400 Haushalte produzieren. Gut 20.500 Tonnen CO2-Emissionen könnten so Jahr für Jahr eingespart werden. Entsprechend dem Erneuerbare-Energien-Gesetz winkt der Stadt Chemnitz zudem eine Beteiligung an den Erlösen aus der Stromproduktion.

Albtraum Windkraft

Was für Unternehmen und Kommunen eine lohnende Investition ist, ist für einige Menschen in Euba ein Horrorszenario. Sie haben eine Bürgerinitiative gegründet. Gegenwind Euba heißt sie und macht seit Jahren mobil gegen die Pläne, am Ortsrand Windenergie zu erzeugen. Etwa 20 Einwohner:innen seien dort aktiv, teilt ein Sprecher mit. Ein Interview lehnen sie allerdings ab und verweisen auf ihre Website. Dort warnt die Gruppe: Die Windräder würden die umliegenden Grundstücke entwerten und die „natürliche Schönheit unserer Umgebung drastisch” verändern. Die Rede ist von gesundheitlichen Risiken bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch die umliegenden Ökosysteme würden belastet, etwa durch Mikroplastik, das beim Betrieb entsteht.

„Windkraftanlagen verändern die natürliche Schönheit unserer Umgebung drastisch.“

Gegenwind Euba

Ein Video auf der Website soll das Dröhnen der Windräder hörbar machen und eine Bildmontage zeigt die Anlagen in der Landschaft. Die Eubaer Windkraftgegner haben auch ein maßstabsgetreues Modell der Windturbine gebaut und im Ortskern von Euba aufgestellt. Die Message ist klar: Der Bau der Windräder wäre für die Bürgerinitiative eine Katastrophe.

Windkraftprojekt schrumpft aufgrund von Protest

Seitdem die Pläne im Jahr 2022 konkreter wurden, stehen die Zeichen auf Sturm. Die Windkraftgegner wenden sich seitdem mit Schreiben an Behörden, Stadt- und Ortschaftsräte, hängen Banner auf und verteilen Flyer und Autoaufkleber, wie es auf der Website heißt.

„Unser Ziel ist es, Konflikte nicht zu eskalieren, sondern berechtigte Anliegen ernst zu nehmen.“

VSB-Gruppe

Laut der VSB-Gruppe sei Euba eine der wenigen Kommunen, die „starken Widerstand“ gegen Windkraft Bauprojekte leisten. Das Unternehmen setze auf „frühzeitigen, transparenten und respektvollen Dialog“. Das erklärte Ziel des Planungsprozesses sei: „Konflikte nicht zu eskalieren, sondern berechtigte Anliegen ernst zu nehmen.“ Aber bisher schlugen die Versuche fehl, mit Informationsveranstaltungen die Wogen zu glätten. Im Frühjahr 2024 machte die Stadt Chemnitz schließlich bekannt, dass es das Pachtangebot für die kommunale Fläche, auf der eine der drei Windturbinen gebaut werden sollte, aufgrund „erheblicher Bedenken“ der Anwohner:innen zurückzieht. Es ist ein Etappensieg für die Protest-Bürger.

Protest gegen Ökostrom

In ganz Sachsen gibt es solche Bürgerinitiativen. Wo ein Windrad gebaut werden soll, dauert es in der Regel nicht lange, bis sich Widerstand dagegen formiert. Die Bürger vor Ort sind aber nicht die einzigen, die gegen Windkraft mobil machen. Unterstützt werden die lokalen Proteste häufig von Netzwerken und Lobbygruppen. Auch auf der Website von Gegenwind Euba finden sich Hinweise darauf.

Ein Link führt zu Vernunftkraft. Der Verein mit Sitz in Berlin-Friedrichshain ist eine Art Dachverband der vielen Anti-Windkraft Initiativen im ganzen Bundesgebiet und mit Regionalgruppen in den einzelnen Bundesländern vertreten. Auf der Website von Vernunftkraft gibt es unzählige Links zu Publikationen und Videos über tatsächliche und vermeintliche Risiken der Windkraft. Zudem findet man Plakate, Flyer und Co. zum Ausdrucken – ein Startpaket für Protest-Initiativen. Laut einem Pressebericht habe auch Gegenwind Euba 2023 Infomaterialien von Vernunftkraft verteilt, um gegen die Windräder im Ort mobil zu machen. Die lokale Initiative wird zudem neben vielen anderen auf der Website des Verbandes aufgeführt. Ein Gegenwind-Sprecher sagte damals jedoch, man habe nichts mit Vernunftkraft zu tun.

AfD-Mitglieder in Anti-Windkraft-Netzwerk

Vernunftkraft sei „weltanschaulich pluralistisch“ heißt es auf der Website. Mit dabei seien etwa Parteilose, aber auch SPD- und FDP-Mitglieder. Allerdings gibt es auch Verbindungen zwischen dem Verband und der Alternative für Deutschland, die den Ausbau erneuerbarer Energien mitunter als „grünen Sozialismus“ bezeichnet. Mitglieder von Vernunftkraft wurden in der Vergangenheit etwa von AfD-Mitgliedern und sogar auf Geheiß der Bundestagsfraktion als Redner:innen und Expert:innen eingeladen. Kassenwartin der Bundesinitiative ist Christina Fröhlich, die zuletzt im AfD-Kreisverband Zossen in Brandenburg aktiv war. Als sächsischen Ansprechpartner gibt die Organisation Michael Eilenberger an. Der Erzgebirger sitzt gleichzeitig für die in Sachsen vom Verfassungsschutz beobachtete Partei im Kreistag Mittelsachsen.

Eilenberger ist zudem Vorsitzender eines weiteren Anti-Windkraft-Verbandes, auf den Gegenwind Euba Interessierte verweist. Der Bundesverband Landschaftsschutz wartet mit ähnlichen Informationen auf wie Vernunftkraft: tote Milane, das wissenschaftlich umstrittene „Wind Turbine Syndrome“ oder eine Sammlung von Gerichtsurteilen gegen Windkraftprojekte. Der Eindruck auf der Website: Windkraftanlagen sind die zentrale Bedrohung für Flora, Fauna und landschaftliche Schönheit.

Politische und wirtschaftliche Interessen gehen Hand in Hand

Es gibt ein ganzes Netzwerk weiterer Anti-Windkraft-Organisationen, -Verbände und -Initiativen, die teils miteinander verflochten sind. Dabei spielen aber nicht nur politische Parteien eine Rolle. „Das größere Problem stellt der Trend zu ‘verdeckten’ Netzwerken von Anti-Windkraft-Lobbyist:innen dar, die auch in geheimem Auftrag von Unternehmen bundesweit klagen, Bürgerinitiativen beraten und als Sachverständige auftreten“, erklärt der Politikwissenschaftler Dr. Achim Brunnengräber in einem Beitrag für die Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz. Dahinter stehe eine Strategie: das so genannte Astroturfing.

Astroturfing: Der Begriff spielt auf den amerikanischen Markennamen für Kunstrasen “AstroTurf” an. Beim Astroturfing unterstützen Unternehmen und Lobby-Organisationen vermeintliche, nur dem Anschein nach unabhängige zivilgesellschaftliche Graswurzelbewegungen, wie etwa Bürgerinitiativen, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

„Ohne Klimaschutz auf der politischen Agenda werden heute weder Politik noch Wirtschaft ernst genommen,“ so Brunnengräber. Aber Interessengruppen würden versuchen, „unauffällig die Energiewende zu verhindern“. Sie sind damit durchaus erfolgreich. Seit 2018 ist das Tempo beim Bau von Windkraftanlagen im Freistaat über Jahre ins Stocken geraten und Deutschland droht an den Ausbauzielen zu scheitern, die die Bundesregierung gesetzt hat. Auch in Chemnitz-Euba hat der Protest im Ort zumindest den Bau von einem der drei geplanten Windräder verhindert.

Widerstand kommt auch von Umweltschützern

Der Widerstand gegen Windkraftanlagen wird nicht nur von Wirtschaftsverbänden und Populisten vorangetrieben: Auch klassische Umweltorganisationen wie der Naturschutzbund NABU klagen gegen den Bau von Windparks aus ökologischen Gründen. In Euba geht der Streit um die geplanten Windkraftanlagen auch im Herbst 2025 weiter. Aktuell prüfen die Chemnitzer Behörden die Genehmigung. Es gehe laut VSB-Gruppe um den Immissionsschutz, aber auch um die Auswirkungen auf Vögel, Fledermäuse und Insekten sowie um die Wasserwirtschaft. Das Verfahren sei aufwändig, dauere üblicherweise ein Jahr. Sollten die Behörden keine weiteren Nachbesserungen fordern, könnte der Bau der beiden Windturbinen auf dem Katzenberg 2027 beginnen. 2028 würden sich die Räder dann drehen. Aber für Gegenwind Euba ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Die Gruppe hat im September eine Unterschriftenaktion gestartet.

Autor:in

  • Tim Schulz

    Redakteur

    Wahl-Chemnitzer mit ostdeutschen Wurzeln: Seit zehn Jahren hier, halbtags beim MDR, ganztags mit trockenem Humor bewaffnet.

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