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Überlastete Frauenhäuser: Wohnungsmangel verschärft die Krise

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Häusliche und sexualisierte Gewalt gegen Frauen nimmt zu – doch Schutzplätze fehlen. Viele Frauenhäuser sind überlastet, während der angespannte Wohnungsmarkt einen Neubeginn erschwert.

Die Gewalt gegen Frauen nimmt seit Jahren zu. Laut Bundeskriminalamt ging die Zahl der Tötungsdelikte im Jahr 2024 leicht zurück, während sexualisierte, häusliche und auch digitale Gewalt gegenüber Frauen weiter anstieg. Auch in Sachsen hat das Landeskriminalamt 2024 drei Prozent mehr Opfer von häuslicher Gewalt erfasst als im Vorjahr. Über 70 Prozent der Opfer sind weiblich. 

Hohe Dunkelziffer vermutet

Fast jeden Tag wird in Deutschland eine Frau getötet, der Großteil davon durch Partner, Ex-Partner oder Familienmitglieder. Trotzdem werden Femizide – also Tötungen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts – in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht als solche erfasst. Das liegt unter anderem daran, dass die Polizei keine Tatmotive in der Statistik erfasst. Laut Landeskriminalamt Sachsen ereigneten sich von 2019 bis 2024 41 Femizide, genauso oft versuchte ein Partner seine Frau zu töten, doch sie überlebte.

Wie viele Tötungen aber tatsächlich Femizide sind, lässt sich aktuell nicht klar sagen. Die Initiative „One Billion Rising“, die sich gegen patriarchale Gewalt einsetzt, zählte im vergangenen Jahr über 300 Femizide oder versuchte Tötungen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts.

Außerdem wird die Dunkelziffer als extrem hoch eingeschätzt. Die Dunkelfeldstudie der Hochschule Merseburg stellt bei geschlechtsspezifischer Gewalt gegenüber Frauen eine Anzeigequote zwischen vier und 13 Prozent fest. In der Studie werden Scham und die Befürchtung, dass die Anzeige nichts bewirke, als Gründe genannt.

Istanbul-Konvention

Um geschlechtsspezifischer Gewalt entgegenzuwirken, erließ der Europarat im Jahr 2011 die Istanbul-Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. In Deutschland gilt sie seit 2018 als verbindliches Recht. Laut dieser braucht es einen Familienschutzplatz pro 10.000 Einwohner. In Sachsen fehlen derzeit 236 Plätze, um die Vorgaben der Istanbul-Konvention zu erfüllen.

Frauenschutzhäuser überlastet

Das liegt daran, dass die Frauenschutzhäuser vor allem in den Großstädten stark überlastet sind. So mussten in Leipzig 2024 mehr als 20 Prozent der hilfesuchenden Frauen abgewiesen werden, weil kein Platz zur Verfügung stand. Das entsprach  45 schutzsuchenden Frauen und 22 Kindern. Auch die Beratungsstellen zu häuslicher und sexualisierter Gewalt berichten, dass sie stark unterbesetzt sind. Bei Notfallnummern sei es Glückssache, jemanden zu erreichen. 

Ein ähnliches Bild zeichnet eine Recherche von CORRECTIV.Lokal und dem Bayerischen Rundfunk. Ein halbes Jahr lang haben Datenjournalist:innen, täglich erfasst, wann deutsche Frauenhäuser auf der Website “frauenhaus-suche.de” freie Plätze anzeigten. Über ein Ampelsystem können die Frauenhäuser dort freiwillig angeben, ob eine Aufnahme möglich ist oder nicht. Das Ergebnis: Etwa ein Drittel der Frauenhäuser zeigte in dem Zeitraum kein einziges Mal einen freien Platz an. In Sachsen lag dieser Anteil sogar bei fast 80 Prozent. An 30 Tagen wurde im gesamten Freistaat kein einziger freier Platz angezeigt.

Diese Recherche ist Teil einer Kooperation mit CORRECTIV.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalredaktionen umsetzt. Die Daten wurden von Datenjournalistinnen des BR – in Zusammenarbeit mit report München und CORRECTIV.Lokal – recherchiert und zur Verfügung gestellt. Mehr unter correctiv.org.

Ausbau von Gewalthilfe

Abhilfe soll unter anderem das Gewalthilfegesetz schaffen. Es sieht ab dem Jahr 2032 einen Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung für Frauen vor, die von geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt betroffen sind. Verantwortlich für die Umsetzung sind die Bundesländer. 

Um von dem Rechtsanspruch zu profitieren, müssen die Angebote jedoch zunächst bedarfsgerecht ausgebaut werden. Das fordert auch Madeleine Burkowsky, die ein Frauenschutzhaus in Leipzig betreibt: „Das bedeutet, dass wir nicht selektieren müssen, wem wir ein freies Zimmer geben, wenn wir fünf Anfragen gleichzeitig haben.” Auch die finanzielle Unterstützung müsse gesichert sein.

Wohnungskrise verschärft das Problem

Der angespannte Wohnungsmarkt verschärft die ohnehin prekäre Situation der Schutzsuchenden. Aktuell bleiben die Frauen deutlich länger als üblich in den Frauenschutzhäusern bleiben, erklärt Burkowsky. Es dauere oft mehrere Monate, bis sie eine eigene Wohnung finden würden. Das berichtet auch Vanessa Eidenschink vom Frauenschutzhaus Dresden: “Das Thema treibt gerade alle Frauenschutzhäuser um.”

Da passender Wohnraum fehlt und die Anforderungen, um eine Wohnung zu bekommen, sehr hoch sind, bleiben die Frauen länger als nötig im Frauenhaus und blockieren somit notwendige Plätze.

Diesem Problem widmet sich das Projekt “Sie wohnt gewaltfrei” – kurz “SieWo” – der HTWK Leipzig. “SieWo” fungiert als Vermittlungsstelle für Wohnungen für gewaltbetroffene Frauen. “Langfristiger Gewaltschutz beginnt mit einem eigenen Mietvertrag”, sagt Friederike Frieler, Koordinatorin des Projekts. “In manchen Fällen kehren Betroffene zurück in die gewaltvolle Beziehung, wenn sie keine eigene Wohnung finden.”

Betroffene Frauen sind besonders vulnerabel

Besonders betroffen von der Wohnungsnot seien Frauen mit geringem Einkommen oder Bürgergeldbezug, Frauen mit Kindern, Frauen mit Behinderungen sowie Frauen mit unsicherem oder befristetem Aufenthaltsstatus, erklärt Anna Wolf von “SieWo”. “Viele der Frauen bringen multiple dieser Problemlagen mit. Das macht sie nicht allein aufgrund ihrer Gewalterfahrungen zu einer besonders vulnerablen Bedarfsgruppe.”

Maria Grünwald ist Sozialarbeiterin in einem Schutzhaus für geflüchtete Frauen in Leipzig. Sie berichtet auch von rassistischer Diskriminierung und Vorurteilen gegenüber alleinerziehenden Müttern bei der Wohnungssuche. “Geflüchtete Frauen in Frauenhäusern sind somit mehrfach benachteiligt auf dem Wohnungsmarkt und diese Situation kann auch dazu führen, dass die Frauen in die gewaltvolle Beziehung zurückgeht, besonders, wenn sie sich über Monate hinzieht”, sagt Grünwald.

“Was, wenn der Ex-Partner vor der Tür steht?”

Einige Vermieter hätten auch Vorbehalte gegenüber von Gewalt betroffenen Frauen. “Uns begegnet uns vor allem die Frage: Was, wenn der gewalttätige Ex-Partner vor der Tür steht und randaliert?”, erzählt Wolf. “Deshalb ist uns wichtig, ausschließlich Frauen, die stabil und ohne akute Gefährdungslage sind, zu vermitteln.” Außerdem sei der neue Wohnort der Betroffenen anonym.

Über „SieWo“ können Betroffene aktiv an Wohnungen vermittelt und auch während des Mietverhältnisses langfristig begleitet werden. Somit können auch die Frauenhäuser entlastet werden. Und das Projekt feiert bereits Erfolge: Zehn Wohnungen wurden bereits in Leipzig vermittelt. Ende Juni läuft die Förderung des Projekts für Frauenhäuser aus – wie die Finanzierung dann weitergeht, ist noch unklar.

Das Angebot richtet sich aber auch direkt an Vermieter:innen: Wer eine freie Wohnung hat, kann sich unverbindlich melden. Im besten Fall kann man einer von Gewalt betroffenen Frau bei einem Neuanfang helfen. 

Sind Sie selbst oder eine Ihnen vertraute Person von häuslicher Gewalt betroffen? Hier können Sie anonym Kontakt aufnehmen: 

  • Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530
  • Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016

Autor:in

  • Redakteurin

    Aufgewachsen in Bayern, vor 10 Jahren zum Studieren in den wilden Osten (Chemnitz) gezogen und will Sachsen seitdem nicht mehr verlassen.

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